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Deutschland

Hommage an das mutige DDR-Volk

Die friedliche Revolution 1989 war keine Wende von oben, sondern das Werk vieler Menschen, die das DDR-System satt hatten. Ihr Mut steht im Fokus der Open-Air-Ausstellung auf dem Gelände der ehemaligen Stasi-Zentrale.

Mit Transparenten demonstrieren am 4. November 1989 hunderttausende Menschen auf dem Berliner Alexandersplatz gegen das DDR-Regime.

Die größte Demonstration in der DDR am 4. November 1989 auf dem Berliner Alexandersplatz

Tom Sello steht auf dem weitläufigen Hof zwischen lauter grauen Plattenbauten. Sogar an sonnigen Tagen wirkt das Gelände trist. Und jetzt regnet es auch noch in Strömen. Trotzdem ist der ostdeutsche Bürgerrechtler in Hochstimmung. Denn er ist umgeben von fast 500 Fotos, Plakaten und Karikaturen der Ausstellung "Revolution und Mauerfall". Seit vielen Jahren hat sich Projektleiter Sello dafür eingesetzt, einen festen Ort für die historischen Bilder zu bekommen. Seit Mittwoch sind sie dauerhaft auf dem weitläufigen Areal des ehemaligen Ministeriums für Staatssicherheit (MfS), kurz Stasi, zu sehen. Unter freiem Himmel, auf zwei Meter hohen, wasserfesten Aluminiumplatten.

Es ist eine schöne Pointe, dass an diesem historisch kontaminierten Ort nun jene gewürdigt werden, die im Herbst 1989 "Wir sind das Volk" skandierten. Die mit ihrem Mut überall in der DDR gegen die Diktatur der Sozialistischen Einheitspartei Deutschlands (SED) protestierten. Am 9. November 1989 kollabierte das schon lange schwankende System: Die Berliner Mauer fiel. Kein Jahr später feierten die Deutschen ihre Wiedervereinigung.

Nebenan: Das Stasi-Museum

Wirklich Neues ist auf den 14 Schautafeln mit einer Gesamtlänge von knapp 300 Metern nicht zu entdecken. Das wäre 27 Jahre nach der gewaltfreien Revolution auch verwunderlich. Und trotzdem ist der Blick auf und in die aufwühlende Vergangenheit ein völlig neues Erlebnis. Denn hier, fünf Kilometer vom Alexanderplatz entfernt, residierten die Unterdrücker des Volkes. Wie sie das taten, kann man im Stasi-Museum nachempfinden, dessen Eingang sich direkt neben der Open-Air-Ausstellung befindet.

Projektleiter Tom Sello, Staatsministerin Monika Grütters und Stasi-Akten-Chef Roland Jahn (v.l.n.r.)

Projektleiter Tom Sello, Staatsministerin Monika Grütters und Stasi-Akten-Chef Roland Jahn (v.l.n.r.)

"Ich wollte die DDR nicht", sagt Tom Sello. Anfangs habe er aber auch "den Westen" nicht gewollt. Das hat sich sehr schnell geändert, "weil ich nach dem Mauerfall viel über die DDR gelernt habe". Etwa über die wahren Hintergründe des gescheiterten Volksaufstands vom 17. Juni 1953. In dessen Tradition sieht Sello die erfolgreiche Revolution, die sich 36 Jahre später ereignete. Und ausdrücklich verweist er auf die Freiheitsbewegungen in osteuropäischen Nachbarländern: Ungarn 1956, Tschechoslowakei 1968, Polen 1980. Doch "immer wieder wurden die Hoffnungen mit Panzern zunichte gemacht".

Blick von unten

Dass es in der DDR beim zweiten Versuch anders war, sei auch das Verdienst von Männern wie Michail Gorbatschow und Helmut Kohl. Der sowjetische Staats- und Parteichef sowie der westdeutsche Bundeskanzler hätten die "Zeichen der Zeit" erkannt, würdigt Sello die beiden. Und doch kommt es ihm darauf an, die Revolution aus der Perspektive eines am Ende furchtlosen Volkes zu betrachten, "nicht aus der Sicht von Staatspolitikern". Beim Gang über den neu gestalteten Innenhof der früheren Stasi-Zentrale fällt dieser Blick leicht. Das gilt auch für ausländische und jüngere Besucher. Den Audio-Guide gibt es auch auf Englisch. Außerdem wird über eine Untertitelung der 54 Videos nachgedacht.

Ein Demonstrant zeigt DDR-Volkspolizisten den Vogel, indem er mit seinem Zeigfinger an die Stirn tippt.

Ein respektloser Demonstrant am 7. Oktober 1989, dem 40. Jahrestag der DDR-Gründung

Gut eine Million Euro sind in die Dauerausstellung geflossen, die in ähnlicher Form 2009 und 2010 auf dem Alexanderplatz gezeigt worden war - dort, wo wenige Tage vor dem Mauerfall mindestens eine halbe Million Menschen gegen das erstarrte DDR-System demonstriert haben.

Rund zwei Drittel der Finanzierung gehen auf das Konto der Staatsministerin für Kultur und Medien, Monika Grütters. Die Christdemokratin verkündet in der einstigen Stasi-Zentrale noch eine für Tom Sello und sein Team erfreuliche Neuigkeit: Die Robert-Havemann-Gesellschaft soll künftig institutionell vom Bund und dem Land Berlin finanziert werden. Aus dem Fundus dieser nicht-staatlichen Initiative stammt das meiste Bild- und Tonmaterial der Ausstellung.

Plädoyer für ein Freiheitsdenkmal

Bei aller Freude über die Würdigung der friedlichen Revolution am authentischen Ort gibt es aus Sicht von DDR-Bürgerrechtlern aber einen großen Wermutstropfen. Denn das seit Ende der neunziger Jahre geplante zentrale Denkmal für die Deutsche Einheit soll doch nicht erreichtet werden. Diese Entscheidung hat der Haushaltsausschuss des Bundestages bereits Mitte April getroffen. Dagegen wehren sich nun die Initiatoren um den ehemaligen Parlamentspräsidenten Wolfgang Thierse. Der Sozialdemokrat kritisierte den mit finanziellen Risiken begründeten Rückzieher am Mittwoch in Berlin als "peinliche Geringschätzung" der Freiheitsrevolution von 1989.

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