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Deutschland

Holocaust-Archiv geöffnet

Das weltgrößte Holocaust-Archiv im hessischen Bad Arolsen hat seine Aktenbestände nun auch für Forscher geöffnet. Bisher waren die Akten nur für Opfer des Nazi-Regimes zugänglich. Die Digitalisierung ist angelaufen.

Rudolf Michalke vom Internationalen Suchdienst des Roten Kreuzes in Bad Arolsen in Hessen studiert Akten. (Quelle: dpa)

Millionen von Akten zu NS-Opfern lagern im Archiv in Bad Arolsen

In den Akten des Internationalen Suchdienstes des Roten Kreuzes (ITS) im hessischen Bad Arolsen lagern mehr als 50 Millionen Hinweise auf rund 17,5 Millionen Opfer des nationalsozialistischen Terrors. Nach Angaben des Archivs handelt es sich dabei um die größte Sammlung von Originaldokumenten des NS-Regimes über KZ-Häftlinge, Zwangsarbeiter und andere Verfolgte. Die elf Vertragsstaaten des Suchdienstes sollen digitale Kopien davon bekommen. Bisher hatten ausschließlich die Opfer von damals und deren Familien das Recht, die Akten einzusehen. Die Öffnung des Archivs war vor allem von den USA und Israel gefordert worden, um Antisemitismus und Holocaust-Leugnern entgegenzuwirken.

Archiv soll Erinnerung wach halten

Bei einer offiziellen Feierstunde in Bad Arolsen sagte Hans Bernhard Beus, Staatssekretär im Bundesinnenministerium und Bundesbeauftragter für Informationstechnik, die Öffnung des Archivs sei weit mehr als ein technischer Vorgang. "Sie dient vielmehr dazu, die Erinnerung an das Schicksal der Verfolgten und Ermordeten wach zu halten und damit ihnen zu gedenken." Mit der Öffnung des Archivs sei die schwierige Gratwanderung zwischen Forschungsinteressen einerseits und dem Persönlichkeitsschutz der Opfer andererseits gelungen.

Ein Archivmitarbeiter zeigt Häftlingskarten und weitere Dokumente eines Zwangsarbeiters in den Räumen des Internationalen Suchdienstes des Roten Kreuzes im hessischen Bad Arolsen. (Quelle: dpa)

Solche Häftlingskarten sind beim Suchdienst einsehbar

Der Direktor des Archivs, Reto Meister, sieht in der Öffnung ein "neues Kapitel" in der ITS-Geschichte. Bis November vergangenen Jahres durften nur die Opfer der NS-Verfolgung und deren Familienangehörige Einblick in die Unterlagen nehmen. Nun sollen diese nach und nach neu geordnet werden, damit auch Gedenkstätten und Wissenschaftler die historischen Informationen nutzen können.

Datenschutz auch weiter gewährleistet

Meister betonte, dass auch nach Öffnung der Archive der Datenschutz gewährleistet sei. Zugang hätten alle, die das Archiv für Forschungszwecke nutzen wollten. Auch der frühere Präsident des Baseler Anne-Frank-Fonds, Vincent Frank-Steiner, trat Bedenken von Datenschützern entgegen. In Bad Arolsen fänden sich Millionen Mosaiksteine, die viele Schicksale noch klären könnten. Steiner hält das Argument, damit könnten Persönlichkeitsrechte verletzt werden, für "unsinnig": "Alle KZ-Gefangenen hätten die Welt ihr Schicksal wissen lassen wollen."

An der Eröffnungsfeier nahmen auch Vertreter des Außenministeriums, Historiker sowie Repräsentanten mehrerer jüdischer Gedenkstätten im In- und Ausland teil. Die Vizepräsidentin des Internationalen Komitees des Roten Kreuzes, Christine Beerli, bezeichnete die Öffnung als wichtigen Schritt: "Ohne Zweifel wird nun eine breite Öffentlichkeit vom ungeheuren Wert der historischen Dokumente in Bad Arolsen erfahren", sagte sie. Die Bedeutung dieser Tatsache könne nicht hoch genug eingeschätzt werden.

Unterlagen dokumentieren den Terror der Nazis

In den Archiven lagern Dokumente über Konzentrationslager, Inhaftierungen und Zwangsarbeit während der NS-Zeit. Sogar die Uhrzeiten einzelner Erschießungen von Häftlingen und Protokolle medizinischer Versuchsreihen an Menschen sind in den Schriften akribisch notiert.

Zudem existiert eine umfangreiche Sammlung über Vertriebene in der Nachkriegszeit. Würde man die die Akten aneinanderreihen, ergäbe sich eine Strecke von 26 Kilometern Länge. Bis voraussichtlich 2011 sollen alle Unterlagen in digitaler Form zugänglich gemacht werden.

Bisher zwölf Millionen Auskünfte erteilt

Eine Frau geht zum Gebäude des Internationalen Suchdienstes in Bad Arolsen. (Quelle: AP)

Angehörige von Opfern nutzen das Archiv noch immer

Der Suchdienst wurde 1943 in London geschaffen, um Vermisste zu suchen und Familien wieder zusammenzuführen. Nach dem Krieg siedelte er ins hessische Bad Arolsen über. Heute sind dort 280 Mitarbeiter beschäftigt. Finanziert wird der ITS, der über einen jährlichen Etat von 14 Millionen Euro verfügt, vom deutschen Staat. Seit 1946 hat der Suchdienst fast zwölf Millionen Auskünfte erteilt, allein im vergangenen Jahr gingen mehr als 61.000 Anfragen aus über 70 Ländern ein.Inzwischen können Interessierte Suchanträge oder Anträge auf Informationen auch online einreichen. (rkl)

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