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Aktuell Deutschland

Holocaust-Überlebende lobt deutsche Flüchtlingspolitik

Die Schriftstellerin Ruth Klüger hat im Bundestag über ihre Erlebnisse in den NS-Vernichtungslagern gesprochen. Anlass war der 71. Jahrestag der Befreiung von Auschwitz. Lob gab es für die deutsche Flüchtlingspolitik.

Klüger schilderte ihre Erlebnisse vor allem im Arbeitslager Christianstadt, wo sie als 13-Jährige schwerste körperliche Zwangsarbeit verrichten musste. Als zerlumptes Kind habe sie sogar im Winter im eiskalten Steinbruch arbeiten müssen. Manchmal träume sie noch heute von der kalten Ödnis des Steinbruches. Verarbeitet habe sie ihre Erlebnisse in ihrem literarischen Werk.

Zwangsarbeit sei schlimmer als Sklavenarbeit, sagte Klüger. Der Sklave habe für seinen Besitzer einen Mehrwert, Zwangsarbeiter hingegen seien wertlos. Die Nazis hätten sich immer Nachschub beschaffen können, Menschenmaterial, wie sie es zynisch nannten. Als besonders grauenhaft habe sie "sexuelle Zwangsarbeit" von Frauen im Lager erlebt. Serienmäßiger Geschlechtsverkehr habe zum Alltag der Frauen gehört, die sich prostituieren mussten, im zwanzig Minuten Takt. Draußen hätte dann oftmals eine Schlange von mehr als 20 Männern gestanden. Ob die deutsche Zivilbevölkerung damals von den Vorgängen in den Lagern nichts gewusst habe, darüber könne man streiten.

Applaus für Ruth Klüger im Bundestag (Foto: Reuters)

Applaus für Ruth Klüger

Bewunderung in der Flüchtlingskrise

Lob gab es von der 84-Jährigen für die deutsche Haltung in der Flüchtlingskrise. Das Land, das für die schlimmsten Verbrechen des 20. Jahrhunderts stehe, habe aber heute gewonnen, dadurch, dass es trotz Hindernissen und Widerständen in der aktuellen Flüchtlingskrise für die Menschen einstehe. Sie sei dadurch von Verwunderung zu Bewunderung gekommen und hoffe, dass Deutschland zu dem Satz von Bundeskanzlerin Angela Merkel, "wir schaffen das", stehe.

Die 1931 in Wien geborene Literaturwissenschaftlerin und Autorin Klüger ist eine der jüngsten Überlebenden des NS-Vernichtungslagers Auschwitz. Sie wurde im Alter von elf Jahren gemeinsam mit ihrer Mutter zunächst nach Theresienstadt, dann nach Auschwitz-Birkenau und später ins Arbeitslager Christianstadt deportiert.

Zu Beginn der Gedenkstunde im Deutschen Bundestag erinnerte Bundestagspräsident Norbert Lammert an die historische Verantwortung Deutschlands angesichts des Völkermords an den Juden. Angesichts des Geschehenen bekenne sich Deutschland dazu, wachsam gegen Unmenschlichkeit zu bleiben. Dies gelte ausnahmslos für alle die in diesem Land geboren sind, und alle die wie und wann auch immer hierhin gekommen sind.

Warnung für die Zukunft

Über die Feierstunde im Bundestag hinaus nutzten Vertreter aus Politik und Gesellschaft den Holocaust-Gedenktag, um an Deutschlands Verantwortung zu erinnern und vor einem Wiederaufkeimen von Antisemitismus und Rassismus zu warnen.

Bundesaußenminister Frank-Walter Steinmeier (SPD) und sein Parteikollege Bundesjustizminister Heiko Maas bekräftigten, dass unter die Geschichte kein Schlussstrich gezogen werden dürfe. "Dieses dunkelste Kapitel deutscher Geschichte prägt unser Selbstverständnis und wird für immer untrennbar mit unserem Land verbunden bleiben", sagte Steinmeier. Er rief dazu auf, weiterhin gegen jede Form von Diskriminierung und Rassismus vorzugehen. Wenn sich Juden, Andersgläubige und Andersdenkende in Europa nicht mehr sicher fühlten, könne sich niemand hier sicher fühlen.

Maas betonte, das Gedenken müsse allen eine Mahnung sein. "Jeder Mensch unabhängig von seiner Religion, seiner Herkunft oder seiner Hautfarbe hat den gleichen Wert und die gleiche Würde. Die Menschenwürde, wie sie im Grundgesetz steht, müssen wir jeden Tag mit Leben füllen." Rassistische oder antisemitische Ideologien dürften keinen Platz in Deutschland haben.

Die ehemalige Präsidentin des Zentralrats der Juden in Deutschland, Charlotte Knobloch beklagte eine wachsende Bedrohung von Juden in Deutschland. "Die Zeiten, zu denen man sorglos durch die Gegend spazieren konnte, sind vorbei." Einerseits gebe es wegen rechtsradikaler Gruppierungen "No-Go-Areas", andererseits wachse die Zahl israelfeindlicher Flüchtlinge und Migranten.

Gedenken am Tag der Befreiung

1996 deklarierte der damalige Bundespräsident Roman Herzog den 27. Januar zum offiziellen Tag des Gedenkens an die Opfer des Nationalsozialismus. Seitdem findet an diesem Tag eine Gedenkstunde im Bundestag statt, zu der Überlebende und Zeitzeugen ale Redner geladen werden. Bundesweit wird der Opfer der nationalsozialistischen Terrorherrschaft gedacht. Am 27. Januuar 1945 hatte die Rote Armee das NS-Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau befreit. Das Lager ist zum Inbegriff für den Massenmord an Juden, Roma, Sinti und anderer NS-Verfolgter im Dritten Reich geworden.

qu/SC (Phoenix, dpa, kna)