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Flüchtlinge

Holocaust-Überlebende fordern Hilfe für Syrien-Flüchtlinge

Die Künstlergruppe "Zentrum für politische Schönheit" fordert, dass Deutschland mehr Flüchtlinge aus Syrien aufnimmt. Unterstützt wird sie dabei von zwei Berliner Juden, die den 2. Weltkrieg in Großbritannien überlebten.

Inge Lammel ist 90 Jahre alt. Die Berliner Jüdin hat den Holocaust überlebt, weil sie als Kind nach England ausreisen konnte. Ihre Eltern schickten sie und ihre Schwester 1939 mit dem sogenannten Kindertransport nach Großbritannien, wo die Mädchen von einer Familie aufgenommen wurden. 10.000 jüdische Kinder aus Deutschland fanden dort Zuflucht und konnten so dem Tod entgehen, während ihre Familien meist ermordet wurden. Inge Lammels Eltern starben in Auschwitz. Ihr Schicksal wirft die alte Dame nun in die Waagschale, um syrischen Kindern zu helfen, dem Bürgerkrieg in ihrer Heimat zu entkommen.

Zusammen mit dem 87-jährigen Kurt Gutmann, der als Kind in Schottland aufgenommen wurde und später als Soldat der Alliierten nach Deutschland zurückkehrte, ist sie am Freitag (16.05.2014) zum Bundeskanzleramt gekommen. Sie stützt sich auf einen Rollator, Gutmann sitzt im Rollstuhl. Die beiden Holocaust-Überlebenden mögen gebrechlich sein, an Entschlossenheit fehlt es ihnen nicht. Zielstrebig und ohne Scheu steuern sie auf das Gebäude zu, in dem sie von zwei Mitarbeitern der Kanzlerin empfangen werden.

75.000 syrische Flüchtlinge

Die Botschaft der beiden: Deutschland sollte mehr syrische Flüchtlinge aufnehmen. "Wir haben nur überlebt, weil wir das Glück hatten, Nazi-Deutschland verlassen zu können", sagt Inge Lammel. "So konnten wir dem Schicksal unserer Eltern entfliehen, die in den Gaskammern in Auschwitz umgekommen sind." In Großbritannien seien sie mit offenen Armen aufgenommen worden. Dies sei für sie ein Ansporn, sich heute für syrische Kinder und Familien einzusetzen. Die nationalsozialistische Vergangenheit verpflichte Deutschland dazu, besonders großzügig Flüchtlinge aufzunehmen, erklärt Kurt Gutmann. "Wir möchten, dass 75.000 syrische Flüchtlinge nach Deutschland kommen können", so der Berliner, dessen Eltern in Sobibor ermordet wurden.

Der Holocaust-Überlebende Kurt Gutmann vor dem Knazleramt in Berlin.
Foto: DW

Kurt Gutmann will, dass die Bundesregierung mehr Flüchtlinge aufnimmt

Er sei dankbar, dass die britische Bevölkerung ihm die Möglichkeit gegeben habe zu überleben. Darum wolle er heute seine Stimme für syrische Flüchtlinge erheben: "Ein reiches Land, wie unser Land, sollte aus der Vergangenheit lernen und die Schlussfolgerung ziehen, dass man diese Menschen in Deutschland aufnimmt."

Aktionskunst für syrische Flüchtlinge

Die Idee zu dieser Aktion vor und im Kanzleramt stammt von dem Künstlerkollektiv "Zentrum für politische Schönheit". Seit ein paar Tagen sorgt die Gruppe mit skurrilen Auftritten und Aktionen in Berlin für Aufsehen. So hat sie eine gefälschte Internetseite eingerichtet, auf der angeblich Familienministerin Manuela Schwesig (SPD) ankündigt, großzügig syrische Flüchtlingskinder in Deutschland aufzunehmen. 55.000 Kinder sollten in die Obhut von deutschen Pflegefamilien gegeben werden, heißt es auf der Seite. Fotos von syrischen Kindern, die der Ministerin mit strahlendem Gesicht danken, zieren den täuschend echt wirkenden Internetauftritt.

Screenshot der gefälschten Internetseite zeigt ein syrisches Kind mit einem Bild von Familienministerin Schwesig

Die gefälschte Internetseite zeigt ein syrisches Kind mit einem Bild von Familienministerin Schwesig

"Hyperrealität" nennt Sprecherin Zaina Lindner dieses Projekt. Auch ihr Name ist nur ein Künstlername, "ein Schauspielername", wie die junge Frau sagt, die selbst aus dem Irak stammt und sich auch deswegen aufgerufen fühlt, für die Menschen in Syrien einzutreten. Zusammen mit einigen Mitstreitern hat sie vor dem Kanzleramt eine syrische Flagge entrollt, um den Sinn der heutigen Aktion zu verdeutlichen. Vor einigen Tagen hatten die Künstler bereits vor dem Familienministerium ihre "Dankbarkeit" für die Aufnahme syrischer Kinder demonstriert.

"Wir machen weiter"

Künstlerischer Leiter des "Zentrums für politische Schönheit" und Initiator der Syrien-Aktion ist Philipp Ruch. Er wolle der Bundesregierung mit den spektakulären Inszenierungen der Gruppe in der Hauptstadt einen Spiegel vorhalten, sagt er. Deutschland habe die moralische Pflicht, Kinder und Familien aus Syrien aufzunehmen. Dabei sei er enttäuscht, dass es Künstlern überlassen bleibe, die Regierung vor sich herzutreiben.

Philipp Ruch, Leiter der Künstlerkollektivs Zentrum für politische Schönheit im Interview mit der DW
Foto: DW

Philipp Ruch ist Leiter des Künstlerkollektivs und Initiator der Aktion

Berlin habe sich bereit erklärt, insgesamt 10.000 Flüchtlinge aus Syrien aufzunehmen. Daraufhin hätten 76.000 Menschen einen Einreiseantrag gestellt. "Das heißt, es gibt einen regelrechten Run auf dieses Programm", sagt Ruch. Als die beiden betagten Holocaust-Überlebenden im Kanzleramt aus ihrer Vergangenheit erzählten, sei klar geworden, dass dies viel mit der Gegenwart zu tun habe. "Es war eine historische Stunde", so Ruch. Für die kommende Woche kündigte der Künstler weitere Aktionen an.

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