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Filme

Hollywoodstar Olivia de Havilland wird 100

Sie ist die letzte noch lebende Schauspielerin aus dem Filmklassiker "Vom Winde verweht". Und das Gedächtnis Hollywoods. In ihren Rollen schrieb sie Filmgeschichte, neben Hollywoodstars der alten Garde.

Das adrett frisierte Haar, das wallende Kleid, festgezurrt an der Taille - unvergessen bleibt Olivia de Havillands Rolle als gutmütige Krankenschwester Melanie in dem Filmklassiker "Vom Winde verweht" von 1939. Auch wenn sie hier nur die Nebenrolle an der Seite von Vivien Leigh und Clark Gable spielte, so hat sich diese Rolle fest in das kollektive Filmgedächtnis eingebrannt.

Für sie ist das Epos aber auch einer ihrer größten Enttäuschungen: Während die meisten ihrer "Vom Winde verweht"-Kollegen mit einem Oscar ausgezeichnet wurden, ging sie an dem Abend leer aus. In einem Interview mit der Vanity Fair sprach sie offen über diesen Schock: Sie sei aus dem Saal in die Veranstaltungsküche geflüchtet und habe hemmungslos geweint. "Die Suppe muss anschließend viel salziger geschmeckt haben", erzählte sie Vanity Fair.

Kurz darauf sei ihr aber klar geworden: Warum einen Oscar für eine Nebenrolle bekommen, wenn sie doch eigentlich Hauptrollen spielt? Diese Erkenntnis soll ihr den nötigen Ansporn gegeben haben - und tatsächlich gewann sie ihren ersten Oscar 1946 für ihre Rolle als ledige Mutter in "Mutterherz", einen weiteren 1950 als das hässliche Entlein in "Die Erbin". Zwei Oscars für weibliche Hauptrollen - auch damit steht sie an der Spitze Hollywoods, schließlich ist dies bislang nur 13 Schauspielerinnen geglückt.

Olivia de Havilland in London, 1958, Foto: dpa

Love, Laughter and Light - das Erfolgsrezept von Olivia de Havilland, hier 1958 in London

Als nun 100-Jährige hält sie einen weiteren Rekord inne: Sie ist der noch letzte lebende weibliche Star aus der "Goldenen Ära Hollywoods", nur Kirk Douglas ist noch da, der auch in diesem Jahr 100 wird. Das stimmt sie kein bisschen melancholisch. Sie freue sich, sagte sie der Zeitschrift Entertainment Weekly, dass sie die Erinnerung an diese Filme wach halten könne. Der 100. Geburtstag stimme sie nicht traurig, im Gegenteil: Ein Jahrhundert, das sei schon "eine Lebensleistung". Sie peile nun 110 an.

Festgesteckt in Rollenklischees

Olivia de Havilland schrieb nicht nur auf der Leinwand Geschichte. Hinter der Kamera trat sie selbstsicher und nahezu störrisch auf. Denn ihre Rolle in "Vom Winde verweht" war für die damals 22-Jährige nicht nur ein internationaler Durchbruch, hier begann auch ihr langer Kampf gegen die Vormacht der Filmstudios.

Im Hollywood der 1920er und 1930er Jahre war es üblich, dass Schauspieler wie Festangestellte bei einem Studio unter Vertrag standen. Zunächst war es erst einmal ein Lottogewinn für die junge Olivia de Havilland, als ein Theaterregisseur die 19-Jährige bei "Ein Sommernachtstraum" auf einer Bühne in San Francisco entdeckte und Warner Brothers als Hauptdarstellerin für die Verfilmung des Stückes vorschlug. Das Studio nahm die Schauspielerin unter Vertrag und baute sie anschließend an der Seite von Frauenscharm Errol Flynn zu einem Star auf.

Olivia de Havilland mit Clark Gable und Vivien Leigh (rechts) in Vom Winde verweht. Foto. dpa

Die junge Olivia de Havilland in "Vom Winde verweht", hier mit Clark Gable und Vivien Leigh (r.)

Das leidenschaftliche Filmpaar, über das es auch heute noch Gerüchte gibt, es hätte nicht nur auf der Leinwand zwischen ihnen geknistert, sorgte für Kinoerfolge in Streifen wie "Unter der Piratenflagge", "Der Verrat des Surat Khan" oder vor allem "Robin Hood, König der Vagabunden". Doch Olivia de Havilland war das nicht genug. Sie langweilte das Schema "Mädchen liebt Mann" und "Mann erobert Mädchen". Sie suchte nach tieferen Charakteren, jenseits des Klischees.

Heimliches Vorsprechen

Die sich stetig wiederholende Besetzung, die sie als Vertragsschauspielerin nicht ausschlagen konnte, wurde erst unterbrochen, als der Regisseur David O. Selznick die Schauspielerin für den Film "Vom Winde verweht" anfragte. Damals etwas Unerhörtes: Da de Havilland bei Warner Brothers unter Vertrag stand, der Film jedoch im Studio von MGM gedreht werden sollte, musste das Vorsprechen konspirativ stattfinden.

Olivia de Havilland (ca. 1950).

De Havilland wollte mehr sein als das ewig brave Mädchen

Als klar war, dass de Havilland die perfekte Besetzung für die Rolle der Melanie sei, konfrontierte sie damit standhaft den Studioboss von Warner Brothers. Der lenkte erst ein, nachdem die Schauspielerin dessen Ehefrau auf ihre Seite gezogen hatte, die als Fan des Romans "Vom Winde verweht" schon ungeduldig auf die Kinofassung wartete. Der Studioboss glaubte an ein einmaliges "Ausleihen" - doch Olivia de Havilland hatte die Unabhängigkeit lieben gelernt und startete einen langen Kampf zur Auflösung ihres Vertrages. 1942 gewann sie den schließlich. Das "De Havilland Law" war fortan wegweisend für die Selbständigkeit der Schauspieler.

Ewiger Schwestern-Streit

Einen weiteren Kampf, diesmal in ihrem Privatleben, konnte sie nicht so schnell beilegen. Aufgewachsen ist sie in Tokio, mit englischen Eltern und ihrer eineinhalb Jahre jüngeren Schwester. Ihre Eltern liessen sich früh scheiden, die Mutter siedelte nach Kalifornien über. In dem familiären Durcheinander hielten die Schwestern nicht mehr zusammen, sie stritten stattdessen bis aufs Blut. Da half es nicht, dass ihre Schwester Joan Fontaine, die auf vermeintlichen Druck der Älteren ihren Nachnamen änderte, auch Schauspielerin wurde. Und erst recht nicht, als beide Schwestern für einen Oscar nominiert waren, der dann an Joan für ihre Hauptrolle in Hitchcocks Psychothriller "Verdacht" ("Suspicion") ging.

Olivia de Havilland mit ihrer Schwester Joan Fontaine . © picture-alliance/dpa/Globe Photos

Die beiden ungleichen Schwesters: Olivia de Havilland und Joan Fontaine (re)

Die Legende sagt, Joan hätte auf dem Weg zur Oscarverleihung Olivias Gratulationsversuche abgewehrt. Während ihre Schwester den Zwist mit einer Autobiografie 1978 weiter befeuerte, spricht Olivia so gut wie nie darüber, erwähnt in Interviews eine liebevolle, harmonische Kindheit und schweigt ansonsten über den Schwesterstreit, den die Boulevardblätter über viele Jahre augeschlachtet haben.

Schluss mit Hollywood

In den 1950er Jahren baute Olivia de Havilland eine möglichst größe Distanz zwischen sich und Hollywood auf. Hatte sie in den 1930er und 1940er Jahren teilweise bis zu vier Filme im Jahr gedreht, waren es fortan nur einige wenige. Mit der Entschiedenheit, mit der sie bereits gegen die Studios gekämpft hatte, setzte sie nun auch konsequent ihren Entschluss um, in Europa und in Paris zu leben.

Sie hatte sich gerade von ihrem ersten Ehemann, dem Schriftsteller Marcus Goodrich getrennt, als sie 1952 mit ihrem Sohn Benjamin das Filmfestival in Cannes besuchte. Kaum aus dem Flugzeug gestiegen, wurde sie bereits von dem Journalisten Pierre Galante umschwirrt, den sie 1955 heiratete. Ein Jahr später, 1956, brachte sie Tochter Giselle zur Welt.

Natürlich war es die Liebe, die sie nach Frankreich zog. Aber auch die Enttäuschung über das spürbare Ende der "Goldenen Ära Hollywoods" und die zunehmende Konkurrenz durch das Fernsehen. "Ich liebe richtige Gebäude, richtige Schlösser, richtige Kirchen - und nicht die Filmkulissen", sagte sie gegenüber der Vanity Fair. "Es gab hier richtiges Kopfsteinpflaster, das hat mich irgendwie fasziniert. Und wenn ich einen Prinzen oder Herzog traf, dann war es ein richtiger Prinz und ein richtiger Herzog."


Olivia de Havilland lebt seitdem in einem gehobenen Bürgerhaus im schicksten Paris. 1965 ernannten sie die Filmfestspiele Cannes zur ersten weiblichen Jury-Vorsitzenden. Sie spielte in ihren letzten Jahren nur in wenigen Filmen mit, unter anderen in "Wiegenlied für eine Leiche" mit Bette Davis, mit der sie eine langjährige Freundschaft verband. Aber auch in einigen Horrorfilmen oder Fernseh-Romanzen - Stoffe, gegen die sie als junge Frau noch gekämpft hatte.

Journalisten und Kollegen loben sie als ungemein lebensfrohe Grande Dame, die bei einem Glas Champagner weiterhin positiv und überzeugt von Hollywood spricht, geistig wach und lebensfroh. Jeden Tag soll sie ein Kreuzworträtsel lösen. Wie sie es zu ihren 100 Jahren gebracht habe, wollte die Zeitschrift Vaniety Fair wissen. "Love, Laughter and Light", habe sie geantwortet. Liebe, Lachen und Licht.

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