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Made in Germany

Holger Schmieding

Raus aus Nadelstreifen und grauem Flanell – rein in den Blaumann. Made in Germany schickt Deutschlands Topökonomen ins Arbeitsleben.

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Bei uns dürfen die Experten ihre Analysen und Prognosen einmal an der Wirklichkeit überprüfen. Das Who is Who der Volkswirtschaft macht mit. Und Sie dürfen abstimmen. Wer ist Deutschlands Volkswirt des Jahres?

Folge 9: Holger Schmieding im Krämerladen in Nordlondon

Holger Schmieding, Chefvolkswirt Europa bei der Bank of America mit Sitz in London, geht gern abends auch lange nach Dienstschluss noch einkaufen - in London ist das gang und gäbe. Schmieding meint: Flexiblere Ladenöffnungszeiten würden auch Deutschland gut tun. Kleinere Familienbetriebe könnten sich etablieren, es würde insgesamt mehr gekauft und so die Wirtschaft angekurbelt. Made in Germany schickt den Volkswirt ins Volk: Als Verkäufer und Mädchen für Alles im Krämerladen Sheik in Nordlondon soll er am eigenen Leib erfahren, was er fordert: Dass Besitzer und Angestellte in kleinen Läden flexibel sein und hart arbeiten müssen, anstatt zu jammern, dass sie zuwenig Zeit haben für ihre Familien. Birgit Maaß hat den Volkswirt bei seiner Spätschicht begleitet.

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Feierabendstimmung im Bankerviertel Canary Wharf in London. Für Holger Schmieding aber, Chefvolkswirt Europa bei der Bank of America, ist heute um fünf noch lange nicht Schluss. Er soll heute seine These beweisen: Deutschland braucht mehr Flexibilität, der Ladenschluss muss weg. Vorbild ist Großbritannien. Aber abends arbeiten, wenn alle anderen die Füße hochlegen? Holger Schmieding soll heute am eigenen Leib erfahren, wie das ist. Erst noch ein Termin in der Stadt, danach soll er in einem Laden schuften, fernab vom glattpolierten Bankenviertel. "Ich erwarte vor allen Dingen, dass ich einen anderen Stadtteil von London kennenlerne, und mit Leuten spreche, mit denen ich sonst nicht spreche. Und ansonsten glaube ich schon, dass man allgemein sagen wird, dass es schön ist, dass es in England möglich ist, zu jeder Tages- und Nachtzeit einkaufen zu gehen", meint Schmieding.

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Im buntgemischten Stadtteil Golders Green liegt der kleine Supermarkt Sheikh. Bis Ladenschluss gegen elf Uhr soll Holger Schmieding sich hier nützlich machen. Ladenbesitzeer Adnan freut sich über eine zusätzliche Arbeitskraft. Und erteilt zunächst einmal Anweisungen: "Ich glaub, der Schlips muß weg! Und dann das Sakko aus! Und dann die Ärmel hochkrempeln! Ich brauch das nicht. Denn Sie machen die ganze harte Arbeit." Erste Aufgabe: Zeitschriften inventarisieren. Genau sein. Abzählen. Und Listen ausfüllen. Ein Heimspiel für den Volkswirt. Waren auszeichnen, noch mehr Zahlen, höchste Konzentration auch hier - eigentlich alles fast wie in der Bank.

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Dann aber wird es komplizierter: Kundenberatung. Sheikh ist auf osteuropäische Delikatessen spezialisiert, auch abends nach 8 ist das Geschäft noch voll. "Versteht hier irgendjemand Polnisch?", fragt ein Kunde. Nein, der Volkswirt muss passen. Sieht aber aus wie Schokopudding. Aber der Wille ist da. Auch nach einem langen Arbeitstag bemüht sich Holger Schmieding freundlich um jeden einzelnen Kunden - wenn möglich, sogar in deren Landessprache.

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Zeit für eine Pause, und einen Plausch mit Katie, der polnischen Aushilfskraft. Sie sieht auch Nachteile durch die langen Öffnungszeiten. "Wenn ich mal Kinder habe, dann wird es schwierig. Denn bis elf Uhr abends arbeiten, das ist ganz schön spät." Zeit, darüber nachzudenken, hat der Ökonom nicht. Denn der Chef hat schon wieder eine neue Aufgabe. Der Boden soll blitzen. In einem kleinen Betrieb zählt jede Arbeitskraft - und der Volkswirt erledigt auch die schmutzigste Aufgabe gewissenhaft, davon kann sich Chef Adnan überzeugen. Der Ladenbesitzer wundert sich darüber, dass in Deutschland ein Gesetz den Ladenschluss vorschreibt. Für ihn lohnt es sich, erst abends um elf einzupacken. Und er schafft auch noch Arbeitsplätze: "Wenn wir schon um acht Uhr schliessen würden, dann würden wir vielleicht mit einer Schicht auskommen. So arbeiten wir in zwei Schichten, eine morgens und eine abends." Und Holger Schmieding antwortet: "Sie schaffen dadurch Arbeitsplätze, die sonst nicht da wären. Und wenn es mehr Arbeitsplätze gibt, dann verdienen einige Leute mehr Geld und können mehr ausgeben. Natürlich sind die flexiblen Öffnungszeiten auch an sich gut.

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Aber sie sind auch eine Chance für kleinere Betriebe, so wie Ihren." Holger Schmieding fühlt sich bestätigt, ist aber trotzdem froh, als er um kurz nach zehn nach Hause darf. Ein Stück Karottenkuchen gibts als Abschiedsgeschenk und die Einladung, jederzeit wieder mitzuhelfen. Aber der Volkswirt denkt nur noch an den Feierabend. Ist ja schließlich auch schon spät.

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