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Nahost

Hohe Wahlbeteiligung in Tunesien

Die Tunesier haben eine verfassunggebende Versammlung gewählt. Die hohe Wahlbeteiligung sorgte für lange Schlangen vor den Wahllokalen.

Zwei Wähler in Tunesien (Foto: DW/Hendrik Lehmann)

Die blauen Zeigefinger bedeuten: Wir haben gewählt!

Trotz langer Warteschlangen herrschte am Sonntag (23.10.2011) eine ausgelassene Stimmung vor den Wahllokalen. Bereits in den frühen Morgenstunden waren die Menschen aufgebrochen, um bei den ersten freien Wahlen seit Tunesiens Unabhängigkeit ihre Stimmen abzugeben. Den alten Menschen wurden Stühle gebracht, damit sie sich setzen konnten, die Kinder spielten zwischen den wartenden Bürgern. Die langen Schlangen hatten einen Grund: Einem Mitarbeiter der Wahlkommission zufolge gaben 90 Prozent der gut vier Millionen registrierten Wähler ihre Stimme ab.

"Warten ist eine Freude"

"Ich warte schon seit drei Stunden in der Schlange, aber nach 50 Jahren sind die paar Stunden nichts", sagt Mahmoud Said aus Tunis. "Heute ist mir das Warten eine Freude." Er will für den Demokratisch-modernistischen Pol stimmen, ein Bündnis aus verschiedenen Mitte-Links-Parteien. Als Grund für seine Wahl gibt er dessen modernistisches Programm an und die Aussage, dass die Partei sich mehr um das Wohl Tunesiens kümmern wolle als um zwischenparteiliche Machtkämpfe.

Warteschlangen vor einem Wahllokal in Raoued (Foto: DW/Hendrik Lehmann)

Wie hier in Raoued mussten viele Tunesier mehrere Stunden warten, um ihre Stimme abzugeben

Insaf Chebli kommt strahlend aus dem Wahlbüro im Bezirk Menzah 6 in Tunis: "Ich habe den Pepublikanischen Kongress gewählt, vor allem wegen Parteiführer Moncef Marzouki", sagt die Informatikerin. "Ich schätze seine Integrität und seinen Einsatz für die Menschenrechte." Kurz zuvor hatte Raschid Ghannouchi, der Führer der moderat islamistischen Ennahda-Partei, in demselben Wahlbüro seine Stimme abgegeben. Als er versuchte, an der Warteschlange vorbei ins Wahlbüro zu gehen, zwangen die Bürger ihn, sich hinten anzustellen. Der gutbürgerliche Bezirk Menzah 6 ist eine Hochburg der verschiedenen sozialliberalen und sozialdemokratischen Parteien, hier lehnen viele Menschen Ghannouchi und die Ennahda ab.

Gute Chancen für die Ennahda

Insgesamt werden der Bewegung aber gute Chancen eingeräumt, die stärkste Partei zu werden. Es gibt bereits erste Hinweise auf einen deutlichen Wahlerfolg der Ennahda. In den bereits ausgezählten Wahlkreisen liege die Partei mit einem Stimmanteil zwischen 25 und 50 Prozent vorn, sagte ein Mitglied der Ennahda-Führung der Nachrichtenagentur DPA.

Dem Hauptkoordinator der Wahlbeobachtungsorganisation Mourakiboun, Halouani Rafik, zufolge wird Ennahda auf 40 bis 50 Prozent der Stimmen kommen. Rafiks Organisation hat 4000 Wahlbeobachter entsandt, um eine faire Wahl zu garantieren. Hedi Abidi, einer der Gründer der Wahlbeobachtungsorganisation iWatch, rechnet mit einem ähnlichen Ergebnis. Seinen Einschätzungen zufolge werden der Republikanische Kongress und die sozialdemokratische Partei Ettakatol die Plätze zwei und drei belegen. Das vorläufige Endergebnis wird für Dienstag (25.10.2011) erwartet.

Freiwillige helfen beim Auszählen der Stimmen(Foto: DW/Hendrik Lehmann)

Freiwillige helfen beim Auszählen der Stimmen

Insgesamt verlief die Wahl ruhig und friedlich. Eines der wenigen Probleme war der Umgang mit den Analphabeten in Tunesien, die etwa ein Viertel der Bevölkerung ausmachen. Während körperlich oder leicht geistig Behinderte eine Person ihres Vertrauens mit in die Wahlkabine nehmen durften, standen diejenigen, die nicht lesen können, oft ratlos vor den Wahlzetteln. "In unserem Büro war der Umgang mit Analphabeten das Hauptproblem", sagt Bousselmi Abderrazak, Wahlbüroleiter in Medina, einem klassischen Arbeiterviertel von Tunis. "Es ist zwar neben jedem Parteinamen das Symbol der Partei gedruckt, aber viele waren trotzdem verwirrt - und wir durften ihnen nicht helfen. Wir haben einfach versucht, sie zu ermutigen und nach dem Symbol oder der Listennummer zu suchen."

Einzelne Bestechungsversuche

Die Listennummern waren Teil eines anderen Problems. Riadh Ben Joballah hat beobachtet, dass einige Menschen versuchten, Wählern Geld und einen Zettel mit der Nummer einer Partei in die Hand zu drücken. "Aber ich war wirklich stolz, als ich die Reaktion der Leute gesehen habe", sagt er. "Sie haben die Zettel vor den Augen der Betrüger zerrissen." Dass es solche Versuche gab, bestätigt Boubaker Bethabet, der Generalsekretär der unabhängigen Wahlkommission. Es seien jedoch vereinzelte Zwischenfälle gewesen, ein systematisches Vorgehen sei nicht erkennbar gewesen.

Autor: Hendrik Lehmann
Redaktion: Anne Allmeling

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