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Ostmitteleuropa

Hohe latente Kriminalität

– Nur wenig Vertrauen in die ungarische Polizei

Budapest, 1.12.2003, PESTER LLOYD, deutsch

In Ungarn werden weitaus mehr Straftaten begangen, als der Polizei gemeldet werden. Trotz der hohen Zahl ist die Kriminalität im Land im europäischen Vergleich verhältnismäßig niedrig – wenn auch die Bevölkerung das ganz anders sieht und der Polizei nur wenig Vertrauen entgegenbringt.

Diese Ergebnisse brachte eine repräsentative Untersuchung, bei der landesweit 10.000 Personen befragt wurden. Wie wir von Dr. Ferenc Irk, dem Vorstand des Landesinstituts für Kriminologie, erfuhren, bewegt sich die Zahl der gemeldeten Kriminalfälle in den letzten fünf Jahren um eine halbe Million pro Jahr. Die Erhebung zeigte, dass eine noch viel größere als bisher angenommene Zahl der Fälle nicht gemeldet wird. So wurden 2002 fast 1,3 Mio. Menschen Opfer einer Kriminaltat, während die polizeilichen Statistiken nur von 244.000 wissen.

Wie herausgefunden werden konnte, werden 28 Prozent der Autodiebstähle, aber auch jeder dritte Diebstahl nicht angezeigt, von sexuellen Delikten werden lediglich rund zehn Prozent den Behörden bekannt. Auch nur wenige Unfälle, bei denen Personen Schaden nehmen, kommen in die Statistiken. Als Ursache ihrer Passivität gaben die Befragten die mühsame und oft zeitraubende Prozedur der Verfahren an.

Eine anderer wichtiger Grund ist natürlich das fehlende Vertrauen in die Polizei. Nur 17 Prozent waren der Meinung, dass diese fähig sei, die Sicherheit der Bürger zu gewährleisten, während sich 51 Prozent diesbezüglich nicht sicher waren und der Rest eine negative Antwort gab. Im Allgemeinen bezeichneten nur 13 Prozent die Sicherheitslage als gut. 33 Prozent befanden diese als schlecht, 54 Prozent gaben keine eindeutige Antwort, sahen die die Lage vermutlich aber ebenfalls nicht positiv.

Fast jeder zweite Ungar denkt übrigens, dass sein Land, was die Kriminalität betrifft, zu den am meisten betroffenen zehn Ländern Europas gehört. Zwölf Prozent meinen sogar, dass man sich unter den drei Ländern befinde, in denen die meisten Straftaten begangen werden. Interessanterweise schätzt die Bevölkerung aber die Zahl der Kriminaldelikte viel geringer ein, als diese wirklich vorkommen. So denken 60 Prozent, dass sich die Gesamtzahl der Straftaten pro Jahr um 200.000 oder darunter bewegt. Völlig falsche Vorstellungen hat man auch darüber, was die Natur der Delikte betrifft. So denkt die Mehrzahl der Menschen, dass Autodiebstahl der häufigste Kriminalakt sei, gefolgt von Raub, Einbruch, Mord und Bestechung. In Wahrheit führen die Vermögensdelikte die Statistiken an. Trotz der düsteren Zahlen ist den Experten zufolge die Kriminalität in Ungarn im europäischen Vergleich eher gering. Das Land steht am Ende der Liste – auch wenn vermerkt werden muss, dass Verwaltungsdelikte in den ungarischen Statistiken – im Gegensatz zu den Vergleichsländern – dort nicht aufscheinen.

Offenbar wissen die Menschen nichts über die statistisch vorteilhafte Lage – oder fühlen sich trotzdem gefährdet. Die Ergebnisse der Erhebung belegen, dass sich zwei Drittel der Menschen vor einem Einbruch fürchten. Neun Prozent gaben an, dass die Kriminalität ihr tägliches Leben beeinflusse. Ein Prozent, vielfach ältere Menschen, traut sich selbst tagsüber nicht aus seiner Wohnung und neun Prozent haben in der Nacht Angst vor einem Angriff.

Insgesamt erhoffen sich die Menschen von der EU-Mitgliedschaft eine Verbesserung der Lage, aber ihr Optimismus hält sich in Grenzen. Jeweils ein Drittel denkt, dass sich die Lage verbessern oder eben nicht ändern werde, während 16 Prozent mit einer Verschlechterung rechnen.

Unterwelt in den Händen der Einheimischen

Die Banden der Organisierten Kriminalität haben in Ungarn rund 4.000 Mitglieder, ebenso viele Helfer gehören zu ihnen, erklärte ein hoher Polizeioffizier. Dem Brigadegeneral István Mikó zufolge konnte die Polizei 46, die Grenzwache 30, die Zollwache vier Organisationen identifizieren. Der Großteil von diesen wird nach Meldung der Népszabadság zentral gelenkt und auch die Familienangehörigen der Verbrecher würden zur Mitarbeit angehalten bzw. gezwungen. Die Zahl der Bandenmitglieder bewege sich zwischen 10 und 50, doch konnten schon mehrere Organisationen identifiziert werden, die über 100 Mitglieder verfügten.

Nach Angaben der Polizei konnten die Leiter zahlreicher krimineller Organisationen ihr Vermögen in die legale Wirtschaft überretten und auch Investitionen im Ausland tätigen. Der General bezichtigte in diesem Zusammenhang namentlich nicht genannte Rechtsanwälte, die bei der Planung von Straftaten behilflich gewesen sein sollen bzw. halfen, Strafverfahren zu verhindern. Ebenso soll es Broker und Investitionsratgeber geben, die Aufträge der Maffia übernehmen. Darüber hinaus weiß man von Ärzten, die im geheimen gesuchte Kriminelle behandeln. Ein neues Phänomen sei die Einspannung von Mitarbeitern der Post, um Sendungen und Nachrichten zu befördern.

Laut General Mikó könnten die Kriminellen – die Naivität der Politiker und anderer Akteure des öffentlichen Lebens ausnutzend – recht leicht Kontakt zu diesen aufbauen, indem sie sich als "Unternehmer" präsentieren. Die entscheidende Mehrheit der Banden im Land sei in der Hand von Einheimischen: schon Mitte der 90er Jahre wurde klar, dass Gruppen, die nur aus Ausländern bestanden, allein aus sprachlichen Gründen nicht erfolgreich operieren konnten.

Die Polizei rechnet nach dem EU-Beitritt Ungarns 2004 mit einer Zunahme der Organisierten Kriminalität. Es wird eine engere Zusammenarbeit mit ausländischen Banden erwartet, vor allem beim Schmuggel von Menschen, Tabakwaren und gestohlenen Fahrzeugen. Die größte Einnahmequelle der Maffia bedeute natürlich das Rauschgift, aber auch der Schmuggel von Computerzubehör sei lukrativ. Autodiebstahl befände sich – angesichts der regen Nachfrage südlich und östlich der Grenzen – nach wie vor ebenfalls weit oben auf der Liste. (fp)

  • Datum 02.12.2003
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