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Politik

Hohe Erwartungen

Die deutsch-afghanischen Beziehungen gelten traditionell als gut. Daher gibt es beim Deutschland-Besuch des afghanischen Interims-Premier Karzai auf beiden Seiten hohe Erwartungen. Ein DW-Kommentar von Günter Knabe.

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Freundschaften sind verknüpft mit gegenseitigen Erwartungen. Je länger eine Freundschaft besteht und je tiefer sie ist, desto höher wachsen solche Erwartungen. Das gilt auch für die deutsch-afghanischen Beziehungen, die seit beinahe einem Jahrhundert traditionell gut sind. Das afghanische Volk sah und sieht in vielen Jahrzehnten - auch in den schlimmsten Phasen seiner eigenen Geschichte - in den Deutschen Freunde. Und es gibt viele Deutsche, die dem Land am Hindukusch sehr wohl gesonnen sind. Das gilt vor allem für diejenigen, die in Afghanistan gelebt und gearbeitet haben in den zahlreichen Projekten deutsch-afghanischer Entwicklungszusammenarbeit.

Das deutsche Engagement in und für Afghanistan begann schon Ende der 20er Jahre des vorigen Jahrhunderts. Deutsche Lehrer wurden an afghanische Schulen, deutsche Professoren an die Kabuler Universität entsandt, deutsche Ingenieure halfen beim Bau von Brücken und Kraftwerken. Afghanistans Polizei wurde noch zu Zeiten des afghanischen Königreichs von Deutschen ausgebildet und ausgerüstet. Im größten regionalen Projekt der deutschen Entwicklungshilfe überhaupt arbeiteten Deutsche und Afghanen in der Provinz Paktia rund zwei Jahrzehnte miteinander. Genau dort, wo jetzt die möglicherweise letzten Kämpfe gegen die übrig gebliebenen Taliban- und Al-Qaida-Kämpfer in Afghanistan ausgetragen werden.

Das Blutvergießen von der sowjetischen Besetzung des Landes bis zum Kampf gegen die Taliban hatte alle deutsch-afghanische Entwicklungszusammenarbeit unmöglich gemacht. Die meisten Projekte sind mittlerweile zerstört. Jetzt soll an die gute Zusammenarbeit in friedlichen Zeiten wieder angeknüpft werden. Dazu ist Deutschland bereit und die Afghanen knüpfen hohe Erwartungen daran. Zu hohe Erwartungen, so steht zu befürchten.

Besonders deutlich wird das an dem Wunsch der afghanischen Übergangsregierung, die Bundeswehr möge demnächst die Führung der ISAF-Truppen in Kabul übernehmen. Außerdem möchten Hamid Karzai und sein Kabinett internationale Truppen im ganzen Lande stationieren. Bundeskanzler Gerhard Schröder wird im Gespräch mit Hamid Karzai solch hohe Erwartungen dämpfen müssen, da sie die internationale Gemeinschaft und insbesondere Deutschland überfordern.

Hamid Karzai wird in Berlin auf offene Ohren und aufmerksame Zuhörer stoßen. Die Bereitschaft, ihn zu unterstützen auf dem sehr schweren Weg zum Aufbau einer friedlichen Zivilgesellschaft in Afghanistan ist groß. Das lässt sich auch in Zahlen ausdrücken. Deutschland hat Afghanistan für die Zeit bis 2005 bereits 320 Millionen Euro für den Wiederaufbau zugesagt. Schon in diesem Jahr sollen davon 80 Millionen Euro fließen. An so große Summen knüpft auch die deutsche Wirtschaft große Erwartungen.

Die Wirtschaft will verdienen, das ist legitim. Aber die deutsche Regierung muss darauf achten, dass die Hilfsgelder zum Nutzen des afghanischen Volkes ausgegeben werden. Die Verwendung des Geldes, muss strikt kontrolliert werden - und das ist schwer genug. Viel Geld weckt viel Gier. Und neben den vielen guten Traditionen der Afghanen gibt es auch die schlechte Gewohnheit, Geld in die eigene Tasche zu stecken. Karzai und seine Regierung müssen alles daran setzen, das Geld für den Wiederaufbau Afghanistans nachweisbar effizient und mit so wenig Verlust durch Korruption wie möglich zu verwenden. Das wird nicht einfach, ist aber eine legitime deutsche Erwartung.

Heikel ist auch die Erwartung von deutscher Seite, dass beim Wiederaufbau Afghanistans und der Errichtung einer Demokratie die Frauen gleichberechtigt sind. In der vom Islam und Traditionen geprägten afghanischen Gesellschaft ist das schwierig und nur behutsam durchzusetzen. Die Deutschen müssen auch in diesem Bereich auf Enttäuschungen gefasst sein.

Die gegenseitigen Erwartungen können in umso größerem Umfang erfüllt werden, je offener und klarer beide Seiten über die Möglichkeiten und Grenzen der Zusammenarbeit sprechen. Die riesigen Aufgaben gemeinsam nüchtern anzupacken, sind beide Regierungen verpflichtet. Die afghanische Regierung schuldet es ihrem Volk, damit es endlich aus seinem Elend herauskommt. Die Bundesregierung schuldet es den Deutschen, deren Steuergelder nach Afghanistan fließen und den deutschen Soldaten und ihren Angehörigen, die für den Frieden in Afghanistan ihr Leben riskieren.

  • Datum 13.03.2002
  • Autorin/Autor Günter Knabe
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  • Permalink http://p.dw.com/p/1yxq
  • Datum 13.03.2002
  • Autorin/Autor Günter Knabe
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