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Ostmitteleuropa

Hohe Arbeitslosigkeit in Polen, aber Fachleute werden gesucht

– Nach Untersuchungen eines Meinungsforschungsinstituts gibt jeder sechste Beschäftigte nur vor zu arbeiten

Posen, 18.02.2002, WPROST, poln.

Auf dem Arbeitsmarkt wird eine Entlassungswelle beobachtet. Die Powszechny Bank Kredytowy (Allgemeine Kreditbank) plant, etwa 1 000 Stellen abzubauen. Bei der Bank Przemyslowo-Handlowy (Industrie und Handelsbank) sollen über 1 200 Personen entlassen werden. Der Vorstand der Fabriken Fiat Auto Poland (...) hat vor, etwa 700 Stellen zu streichen. (...) 2 500 Arbeitsplätze sind in der Autofabrik Daewoo in Lublin gefährdet. Ohne Arbeit werden aber auch 500 Personen sein, die noch beim Polnischen Fernsehen beschäftigt sind. Entlassungen werden insgesamt von über 700 Firmen angekündigt.

Gleichzeitig suchen aber über 500 Betriebe nach Fachkräften. Fast 600 freie Stellen gibt es in der Stocznia Szczecinska (Stettiner Werft), die in derselben Zeit etwa 1 000 Personen entlassen will. Dort mangelt es vor allem an Fachschweißern. Ähnliche Probleme hat auch die Werft in Gdynia (Gdingener Werft), die erfolglos etwa 500 Fachkräfte sucht (...) "Unser Problem besteht darin, dass es in Polen die von uns gesuchten Spezialisten überhaupt nicht gibt", sagt Miroslaw Piotrowski, Pressesprecher der Werft. (...)

Es sind zur Zeit etwa 700 Fachkräfte aus dem Ausland bei verschiedenen Firmen beschäftigt. (...) Die Absolventen der polnischen Technischen Hochschulen kennen sich mit den modernen Brandschutzanlagen, den Energie- und Ventilationssystemen und sogar mit der Kanalisation in Hochhäusern leider nicht aus. (...)

Auf dem Arbeitsmarkt fehlen aber nicht nur technische Fachkräfte. In Zielona Gora (Grünberg) gibt es z.B. keine Köche, und Gärtner (...) In vielen Städten mangelt es an Schlossern, Dachdeckern, Elektrikern, Drehern usw.

In den nächsten fünf Jahren werden in Polen etwa 60 Prozent der sogenannten modernen Berufe unbesetzt bleiben. (...). "Die Absolventen polnischer Hochschulen und Universitäten werden dort nur theoretisch auf die Ausübung ihrer Berufe vorbereitet. Nur wenige von ihnen lernen aus eigenem Antrieb, sind kreativ und engagiert", sagt Jerzy Krzanowski, einer der Inhaber der Firma Nowy Styl und fügt hinzu: "Die anderen werden sich nach einigen fehlgeschlagenen Versuchen, eine Stelle zu finden, dazu entscheiden, als "ewige Arbeitslose" zu leben, die es vorziehen, Arbeitslosengeld zu kassieren, anstatt zu arbeiten."

Noch im kommunistischen Polen und zu Beginn der neunziger Jahre haben die Absolventen der Hochschulen und Universitäten keine Probleme gehabt, eine Anstellung zu finden. Sie haben keine Konkurrenz auf dem Arbeitsmarkt kennengelernt. Einige von ihnen haben nicht einmal nach einer Anstellung nach ihrem Abschluß gesucht, sondern meldeten sich sofort beim Arbeitsamt und fuhren dann in Urlaub (...)", sagt Soziologieprofessor Ireneusz Bialecki.

"Die jungen Leuten wollen ein Haus, ein Auto und eine gute Arbeit haben und sind davon überzeugt, dass sich das alles in ein paar Jahren erreichen läßt und zwar ohne große Anstrengung. Dies resultiert daraus, dass man die Rolle der Arbeit im Westen falsch interpretiert. Dort wird jedoch niemandem etwas geschenkt, und der Preis für den Erfolg übersteigt in der Regel den achtstündigen Arbeitstag. In einem Land wie Polen muss man für den Erfolg noch härter arbeiten", sagt Professor Andrzej Kozminski. (...)

Aus den Untersuchungen des Institutes für Meinungsforschung "Pentor" geht jedoch hervor, dass 17 Prozent der Beschäftigten nur etwa 15 Minuten pro Tag aktiv arbeiten. Das bedeutet, dass jeder Sechste nur vorgibt zu arbeiten, aber am Ende des Monats sein Einkommen kassiert. (...)

"Die Zahl der Menschen, die sich erneut beim Arbeitsamt melden, ist in den letzten Jahren in Polen erheblich gestiegen. Man lebt von der Unterstützung, solange es geht, und dann nimmt man eine Arbeit für sechs Monate an, um später die Unterstützung weiter zu beziehen", bemerkt Maciej Grabowski vom Institut für Untersuchungen der Marktwirtschaft. (...)

"In den postkommunistischen Staaten hat sich die Meinung verfestigt, dass der Staat den Arbeitslosen helfen soll. (...) Aus diesem Grunde gibt es so viele "Berufsarbeitslose" (...) Das ist der Preis, den wir für den Kommunismus zu bezahlen haben, in dem der Staat die Rolle des Beschützers spielte. (...) ", sagt Professor Jan Winiecki von der Europauniversität in Frankfurt an der Oder. (...)

Paradoxerweise kann man sagen, dass wir Glück hatten, dass sich das Tempo der Wirtschaftsentwicklung in Polen verlangsamt hat. Wenn es nämlich höher wäre, würde es bei uns an Fachkräften mangeln.

Die größten Probleme stellt die Suche nach qualifizierten Managern dar. Nach Ansicht der Firma Deloitte & Touche entsprechen nur zwei Prozent von den 120 000 Managern westlichen Anforderungen. Darüber hinaus werden bei uns etwa 100 000 Wirtschaftsspezialisten gesucht.

Die Erfahrungen über die Qualität unserer Fachleute konnten wir bereits nach dem Beitritt Polens zur NATO sammeln. Unter den 200 000 Soldaten des polnischen Heeres konnte man keine 200 Personen finden, die den Anforderungen an die Stellen in der Führung oder den Stäben des Bündnisses in Europa entsprachen (...). (Sta)

  • Datum 18.02.2002
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