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Deutschland

Hohe Abbrecherquote beim freiwilligen Wehrdienst

Der freiwillige Wehrdienst ist eine Art Soldaten-Schnupperkurs für junge Frauen und Männer. Fast 30 Prozent brechen ihren Dienst vorzeitig ab. Die Bundeswehr reagiert gelassen, eine andere Zahl ist ihnen viel wichtiger.

Heimweh, Karriere, falsche Erwartungen. Das sind die Hauptgründe für junge Männer und Frauen, ihren freiwilligen Dienst bei der Bundeswehr nach kurzer Zeit wieder zu beenden. Die einen merken, dass sie doch nicht gerne so weit von zu Hause weg sind, die anderen erhalten ein anderweitiges Jobangebot oder bekommen doch noch einen Studienplatz. Und die Dritten haben sich den Alltag in einer Kaserne entspannter vorgestellt und mögen das frühe Aufstehen nicht, die Unterbringung in Mehrbettzimmern - und den militärischen Drill schon gar nicht.

Der freiwillige Wehrdienst wurde nach der Abschaffung der allgemeinen Wehrpflicht in Deutschland Anfang 2012 eingeführt. Er dauert mindestens sechs und maximal 23 Monate. Über die Länge ihrer Dienstzeit können die Rekruten individuell entscheiden. Im Durchschnitt bleiben sie 13 Monate. Die ersten sechs Monate gelten als Probezeit.

Oberstleutnant Michael Backhaus (Foto: Bundeswehr)

Michael Backhaus, Oberstleutnant

Es gebe aber nicht nur für die Soldatinnen und Soldaten die Option, während der Probezeit aus dem Dienst auszusteigen, sagt der Bundeswehr-Pressesprecher für den Bereich Personal, Oberstleutnant Michael Backhaus: "Wenn die Bundeswehr von sich aus die Zusammenarbeit beendet, hat das meist den Grund in der fehlenden gesundheitlichen Eignung oder der mangelnden körperlichen Leistungsfähigkeit der Rekruten."

Im (oliv-)grünen Bereich

Die hohe Abbrecherquote ist für Kritiker des freiwilligen Dienstes bei der Bundeswehr keine Überraschung. Zu Zeiten der Wehrpflicht hätten sich nach dem Pflichtdienst eben nur diejenigen für eine freiwillige Militärkarriere entschieden, die das auch wirklich wollten. Sie wussten, worauf sie sich einließen, deshalb sei die Abbrecherquote so niedrig gewesen, sagt Harald Kujat, ehemaliger Generalinspekteur der Bundeswehr. "Das Zweite ist: Wir hatten länger Zeit, diese jungen Männer zu beobachten, ob sie geeignet sind. Das ist etwas anders, als wenn man nur ein paar Stunden bei einem Aufnahmetest hat. Das hätte man berücksichtigen müssen, dann hätte man gesehen, dass dieses neue Konzept so nicht aufgehen kann", meint der ehemalige Luftwaffengeneral.

Bundeswehrsoldaten in Nordafghanistan (Foto: picture alliance)

Auslandseinsätze der Bundeswehr schrecken Freiwillige ab

Bundeswehr-Sprecher Backhaus stellt dieser Argumentation einen anderen Aspekt entgegen. Ja, es gebe zwar die bekannte Abbrecherquote, gibt er zu. Aber das sei in anderen Ausbildungsbereichen ebenfalls ein bekanntes Phänomen, für das überall ähnliche Gründe angeführt würden. Darüber hinaus sei eine andere Zahl für die Bundeswehr viel interessanter: "Knapp 30 Prozent von denen, die zu uns kommen, verpflichten sich anschließend weiter als Soldaten auf Zeit, quer durch alle Laufbahnen."

Damit befinde sich die Bundeswehr im grünen Bereich. Es würde darüber hinaus nämlich nicht nur separat auf die Situation im freiwilligen Wehrdienst geschaut, sondern es gehe immer um das Große und Ganze, so Backhaus. Insgesamt plane die Bundeswehr mit einer Truppenstärke von 170.000 Männern und Frauen, zu denen ein Kontingent von mindestens 5000 bis maximal 12.500 Freiwilligen hinzugerechnet werde. Und von den 16.000 neuen Soldatinnen und Soldaten, die für dieses Jahr insgesamt gebraucht werden, habe man bereits 80 Prozent rekrutiert.

Auch der Vorwurf mancher Kritiker, es sammelten sich in der Truppe vor allem "Sozialversager", die es sonst nirgends zu etwas bringen könnten, greife nicht, sagt Backhaus. Von den im April Eingezogenen hätten 43 Prozent die Mittlere Reife gehabt, und im Juli seien knapp die Hälfte der neuen Uniformierten Abiturienten gewesen.

Kampf gegen schlechtes Image

Harald Kujat (Foto: picture alliance)

Harald Kujat, ehemaliger Generalinspekteur der Bundeswehr

Die Bundeswehr ist in den vergangenen Jahren immer weiter verkleinert worden. Der Rückgang von ehemals 250.000 auf 170.000 Soldaten bedeutete auch die Schließung von Standorten und damit eine geringere Präsenz in der deutschen Gesellschaft. Deshalb kämpft sie jetzt nicht nur gegen die Taliban in Afghanistan und für Frieden und Sicherheit am Horn von Afrika, sondern auch um ihren guten Ruf, sagt General a.D. Kujat: "Die Verringerung der Bundeswehr erweckt den Eindruck, als seien hier die Chancen und Perspektiven eingeschränkt. Und die Einsätze im Ausland, monatelang von der Familie getrennt mit Risiken für Leib und Leben. Diese Gemengelage ist nicht positiv für die Bundeswehr. Da ist sie nicht so attraktiv wie ein Arbeitgeber vor Ort."

In anderen Ländern wie Frankreich, Großbritannien oder den USA habe das Militär ein ungleich höheres Ansehen in der Bevölkerung. In Deutschland drohe die Gefahr, so Kujat, dass die Bundeswehr immer mehr ihren Platz "in der Mitte der Gesellschaft" verliere, wenn immer weniger Menschen Erfahrungen mit dem Dienst in Uniform machten. Denn auch wenn die Bundeswehrzeit nicht immer als nur positive Erfahrung erlebt worden sei, so werde sie im Rückblick von den meisten doch als Gewinn angesehen, ist der Ex-Generalinspekteur überzeugt: "Hier kommen Menschen aus unterschiedlichen Gegenden und Berufen und sozialen Verhältnissen zusammen. Das ist prägend für das spätere Leben. Je kleiner die Bundeswehr ist und je weniger attraktiv, desto weniger werden die Ehemaligen positiv über sie erzählen."

Anlässlich der Diskussion um die Abbrecherquote beim freiwilligen Wehrdienst erinnert Kujat daran, dass es bei allem Reformzwang der Streitkräfte nicht nur um Verkleinerung der Truppe und Sparen an ihrer Ausstattung gehen dürfe. Der entscheidende Faktor sei die Frage, welche Aufgaben die Streitkräfte erfüllen sollen. "Natürlich muss man finanzielle Dinge berücksichtigen, aber das darf nicht der begrenzende Faktor sein. Sonst würde ich ja den Soldaten Aufgaben zumuten, wohl wissend, dass sie gar nicht in der Lage sind, diese Aufgaben auszufüllen. Das wäre keine Politik, dass wäre unverantwortlich."