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Fußball

Hoffnungsträger André Schürrle

Nach dem Reus-Ausfall richtet sich der Fokus in der DFB-Offensive immer stärker auf Schürrle. Ihn prädestinieren drei Dinge für die Startelf: physische Fitness, taktische Reife und ein neues Selbstbewusstsein.

Auch die kleinen Siege feiert André Schürrle gerne mal ausgelassen. Ein lautes "Jahaaaaa!" schallt über den Trainingsplatz. Diebisch freut sich Schürrle, dass er gerade Mario Götze den Ball abgeluchst hat und klatscht sich mit Sami Khedira ab. Das Fünf-gegen-zwei-Trainingsspiel ist genau sein Ding. Blitzschnelles Reagieren, gute Technik, sauberes Passspiel – Schürrle kann alles und zeigt es an diesem Nachmittag in Santo André. Agil und immer anspielbar klatscht er in die Hände, fordert den Ball von seinen Mitspielern, gibt kurze Kommandos. Seine ganze Körpersprache sendet eine Botschaft: Ich bin bereit für die Startelf.

Gut drei Stunden zuvor auf der Pressekonferenz gibt sich André Schürrle etwas zurückhaltender. Weißes T-Shirt, funkelnder Ohrring, buntes Armband, die Frisur akkurat geföhnt - still nimmt er auf dem Podest platz und spricht mit leicht gedämpfter Stimme über seine Rolle im Nationalteam. "Ansprüche werde ich keine stellen. Hier geht’s ums Ganze und auch darum, sein Ego hinten anzustellen." Klar, solche Sätze muss der moderne Fußballer heute sagen. Verbale Bekenntnisse zur Teamfähigkeit sind Lektion eins im Medientraining für Profifußballer. Aber war es das schon? Gibt André Schürrle, der kürzlich betonte, beim FC Chelsea zu einem selbstbewussteren Spieler gereift zu sein, keine klare Bewerbung um einen Stammplatz ab?

"Ich denke, ich habe meine Sache ganz gut gemacht"

André Schürrle bei der Pressekonferenz (Foto: Andreas Gebert/dpa)

Schürrle macht auch neben dem Platz eine gute Figur

Doch. Schürrle überlegt kurz, wie er diese Frage beantworten soll und klingt nun entschlossener: "Ich glaube, der Bundestrainer kennt meine Stärken. Ich habe versucht, alles zu geben: im Trainingslager und in den Testspielen. Ich denke, ich habe meine Sache ganz gut gemacht. Ich habe dem Team geholfen. Jetzt muss der Bundestrainer entscheiden."

Der Bundestrainer könnte sich schon entschieden haben - für Schürrle. Momentan gilt die deutsche Nummer 9 im offensiven Mittelfeld als einer der ersten Kandidaten für Joachim Löw. Konditionell befindet sich Vielläufer in exzellenter Verfassung, technisch spielt er schon länger auf einem hohen Niveau und taktisch hat er in seiner ersten Saison beim FC Chelsea Fortschritte gemacht - Lehrmeister José Mourinho sei dank. "Ich muss in seinem System viel nach hinten arbeiten. Dadurch bin ich defensiv stärker geworden. Das hat meinem Spiel gutgetan", sagt Schürrle und erfüllt damit eine der Kernanforderungen für Offensivkräfte im deutschen WM-Team.

Schürrle hat sich in der Premier League weiterentwickelt

André Schürrle (r.) freut sich mit David Luiz vom FC Chelsea über einen Treffer (Foto: Richard Heathcote/Getty Images)

Beim FC Chelsea reift Schürrle (r.) zu einer Persönlichkeit

Immer wieder betonen Bundestrainer Joachim Löw und Co-Trainer Hansi Flick, wie wichtig es ist, bei den schwül-warmen Bedingungen in Brasilien aus einer kompakten Defensive heraus zu agieren. Weil das Klima die Spieler schneller ermüden lasse, müssen auch die Kreativköpfe hinten mit aushelfen, um Gegentore durch Konter zu vermeiden. Schürrle weiß das und bietet sich an. "Ich spüre den Druck, auch im Training immer alles zu geben. Ich fühle mich viel besser als noch vor einem Jahr. Ich habe mich weiterentwickelt: im körperlichen Bereich, aber auch bei meiner Einstellung." Das klingt nun nach einer echten Bewerbung um einen Stammplatz, Löw wird sie gehört haben. Ohnehin lobt der Bundestrainer Schürrle als "dynamisch" und "stark", er habe das Gefühl, der Offensivspieler des FC Chelsea habe in der Premier League körperlich zugelegt.

In der Tat hat Schürrle einen Schritt nach vorne gemacht in London, einer Stadt, deren Vielfalt er liebt, wie er sagt. Der Fortschritt entstand nicht nur aus Erfolgen. Er habe im ersten Jahr an der Themse ein Jahr mit Aufs und Abs erlebt, mit vielen guten, aber auch schlechten Momenten, sagt er und meint damit sicher, dass ihn Trainer Mourinho nicht zuletzt in der Champions League oft auf der Bank schmoren ließ. Dennoch bewundert er den Starcoach für seine "totale Gier nach Erfolg", die auch ihn zu einem besseren Spieler gemacht habe.

Selfies mit den brasilianischen Fans

André Schürrle läuft über den Platz zwischen zwei Deutschland-Fahnen (Foto: Martin Rose/Bongarts/Getty Images)

André Schürrle kommt auch bei den Fans gut an

Wer die wichtigsten Fakten seines sportlichen Lebenslaufs überfliegt, hat schnell den Eindruck, dort oben auf dem Podest der DFB-Pressekonferenz sitzt ein erfahrener Fußballer in seinen besten Jahren. Doch André Schürrle ist erst 23 Jahre jung. Geboren 1990 in Ludwigshafen erhält er den wichtigsten Teil seiner fußballerischen Ausbildung beim 1. FSV Mainz 05 unter Trainer Thomas Tuchel. Dann geht alles ganz schnell: 2009 Bundesliga-Premiere, 2010 Länderspielpremiere, 2011 Wechsel zu Bayer Leverkusen, 2013 ruft ihn der große Mourinho zu sich nach Chelsea. Mittlerweile blickt Schürrle bereits auf 33 Länderspiele mit 13 Toren zurück und erlebt dabei jedes Mal "das totale Deutschland-Gefühl" und Gänsehaut, wie er zuletzt etwas pathetisch erzählte.

Schürrle hat zwar noch nicht den ganz großen Namen im DFB-Team, doch den könnte er sich nun hier in Brasilien erarbeiten. Die einheimischen Fans umlagerten ihn jedenfalls schon beim ersten öffentlichen Training der DFB-Elf. Geduldig schrieb er Autogramme, posierte für Selfies mit den Fans, während die meisten Teamkollegen Distanz zu den Zaungästen wahrten. Solche Nähe schafft Freunde: 2,3 Millionen Follower auf Facebook und 500.000 auf Twitter hat er schon. Die Zahlen dürften nach der WM deutlich höher sein.

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