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Europa

Hoffnungsschimmer am tiefsten Abgrund

Cañada Real Galiana ist einer der berüchtigsten Slums in Europa, gelegen am Rande der spanischen Hauptstadt Madrid. Inmitten von Drogen und Armut kämpft ein Priester dort für die Menschen vor Ort.

Auf dem Boden von Augustín Rodríguez' Jeep liegen Kletterhaken und ein dickes Seil. In seiner Freizeit erkundet der sportliche Priester Höhlen. Tagsüber, während der Arbeit, steigt er in Madrids Unterwelten ab. "In den meisten Häusern hier werden Drogen gedealt", sagt er. Und fügt dann hinzu: "Versteck' besser dein Mikrophon."

Augustín Rodríguez' Pfarrgemeinde in Cañada Real Galiana ist ein Umschlagplatz für harte Drogen. Kleine Autos bringen Drogenabhängige vom Zentrum Madrids in das Armenviertel am Stadtrand. "Kundas", so nennen die Leute die inoffiziellen Taxis. Männer sitzen auf Stühlen hinter ihren Klapptischen und warten auf Kundschaft. Ein Mann - dicker Bauch, Schnauzbart, weißes Unterhemd, Filzhut - stellt Blickkontakt her.

Inmitten der Gesetzlosigkeit

Vor acht Jahren ist die Polizei massiv gegen den Drogenhandel in Madrid vorgegangen - die Dealer sind daraufhin nach Cañada Real Galiana abgedriftet. Vermutlich, weil Cañada Real Galiana eine Art gesetzloses Niemandsland ist. Die illegale Siedlung existiert seit Jahrzehnten, wurde aber nie von den Behörden aufgelöst, weil diese einfach nicht gewusst hätten, was sie mit den Bewohnern hätten machen sollen.

Vater Augustin und Bruder Pep (Foto: DW/J. Laurenson)

Vater Augustin und Bruder Pep kämpfen gegen Drogen

Allerdings sind ein paar Häuser bereits planiert worden. Vater Augustíns katholische Kirche steht inmitten einer Trümmerhalde, als wäre der Platz von der Luft aus bombardiert worden. Überall liegt Abfall. Nur ein paar Schritte entfernt haben Dealer ihre Autos geparkt. Dort injizieren sich ein paar Süchtige ihr Heroin.

Vor der Kirche reicht ein junger Mann mit einem Kreuz um den Hals einem großen, schlaksigen Drogenabhängigen einen Orangensaft. Der süchtige junge Mann hat sich ein Badehandtuch wie ein Cape um den bloßen Oberkörper geschlungen. Der Mann mit dem Kreuz heißt Pep Monez. Bruder Pep, Mönch. "Die Menschen hier haben den absoluten Tiefpunkt erreicht", sagt Monez. "Junkies kommen hierher, um Drogen zu kaufen, aber viele arbeiten für die Dealer, sie kommen da nicht mehr raus." Viele würden wie Sklaven von den Dealer-Banden behandelt, müssten neue Kunden finden und als Wächter und Aufpasser arbeiten.

Flucht aus der Misere

Vor einem Monat hat Bruder Pep zwei Drogenabhängigen bei der Flucht geholfen. Nachdem sie ihm erzählt hatten, dass sie ihr Leben verändern wollten, hat Pep sie in sein Auto geladen und weit weg gefahren. Jede Woche besucht er sie in ihrer Entzugsklinik.

Der schlaksige Mann mit dem Badehandtuch verschwindet immer wieder in der Kirche. Entweder, sagt Vater Augustín, um auf Toilette zu gehen oder um zu duschen. Bald, sagt er, werden sie jeden Tag eine warme Mahlzeit anbieten. "Wir würden diesen Leuten am liebsten sagen: 'Steht auf! Bald werdet ihr befreit werden!' Denn genau das wollen wir erreichen", sagt Rodríguez. Aber das sei nicht der richtige Ansatz, um das Ziel zu erreichen. "Besser, du setzt dich neben jemanden und fragst ihn, wie es ihm geht. So einfach ist das."

Elendsviertel Canada Real. (Foto: DW/J.Laurenson)

Das Elendsviertel existiert schon seit Jahrzehnten

Die Süchtigen kommen zur Kirche, weil sie materielle Hilfe brauchen, sagt Rodríguez, "weil sie Durst und Hunger haben. Aber wenn sie einmal hier sind, dann können wir mit ihnen auch über andere Dinge sprechen."

"Ich hatte Angst, dass Sie mir den Eintritt verwehren"

Der folgende Sonntag ist ein besonderer Tag. Etwa 15 Personen haben sich in der Kirche versammelt. Das Steinkreuz am Altar ist in die Wand zementiert. "Damit es nicht gestohlen wird." Vater Augustin lächelt. Inmitten der Predigt läuft ein Mann in die Kirche. Seine Arme sind mit Nadelstichen übersäht. "Wir zelebrieren gerade die Messe. Komm später wieder", ruft Augustin. Aber der drogenabhängige Mann will bleiben.

Nach der Predigt fragt Vater Augustin ihn nach seinem Namen. Emilio, sagt er. Ob er etwas sagen wolle? Ja, er wolle sich entschuldigen. "Ich nehme an, dass sie das jetzt schockiert. Ich habe meine Probleme, ja, die Sucht. Ich glaube nicht, dass ich ein schlechter Mensch bin. Aber ich habe alles verloren."

Der Vater habe etwas über das Brot erzählt, fügt er hinzu. "Ich nehme an, das ist kein Brot für den Magen, sondern hierfür." Er deutet auf sein Herz. Tränen laufen über seine Wangen. "In diesen Zeiten denkt jeder nur ans Geld, an die Krise. Das ist wichtig, aber wir sollten alle, zumindest für einen kurzen Augenblick, einen friedlichen Ort aufsuchen." Darum sei er in die Kirche gekommen. Wieder bedankt er sich dafür, dass Vater Augustín ihn reingelassen hat: "Ich hatte Angst, dass Sie mir den Eintritt verwehren würden."

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