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Fokus Osteuropa

Hoffnungen und Spekulationen nach Fernseh-Appell an Karadzic

Die Frau des flüchtigen mutmaßlichen Kriegsverbrechers Radovan Karadzic hat diesen dazu aufgerufen, sich dem UN-Kriegsverbrechertribunal zu stellen. DW-RADIO hat Reaktionen in Sarajewo, Banja Luka und Belgrad gesammelt.

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Wird Radovan Karadzic dem Appell seiner Frau folgen?

Ljiljana Zelen Karadzic, Ehefrau des wohl meistgesuchten mutmaßlichen Kriegsverbrechers auf dem Balkan, hat am Donnerstagabend (28.7.) ihren Mann in einer dramatischen Fernsehansprache zur Hauptsendezeit aufgerufen, sich dem UN-Kriegsverbrechertribunal ICTY in Den Haag zu stellen. Grund für ihren Aufruf sei, so Frau Karadzic, dass ihre Familie "unter ständigem Druck von allen Seiten lebt. Unser Leben und unsere Existenz sind gefährdet und wir leben ständig und unaufhörlich in Sorge, Schmerz und Leid."

Vertreter der internationalen Gemeinschaft in Sarajewo begrüßten einhellig den Appell von Karadzics Ehefrau. Der Kommandant der Friedenstruppe EUFOR, der britische General David Leakey, sagte: "Der Appell von Ljiljana Karadzic überrascht mich nicht. Radovan Karadzic hat schließlich seine Frau, seine Familie und auch sein Land und sein Volk verlassen". Leakey zufolge ist es höchste Zeit, dass sich der ehemalige Präsident der Republika Srpska dem Kriegsverbrecher-Tribunal stellt.

Ebenso begrüßte der Befehlshaber der NATO-Truppen, der amerikanische General Steven Schook den Aufruf von Karadzics Frau. NATO-Angehörige hatten in diesem Jahr bereits mehrere Suchaktionen am Wohnsitz von Karadzics Familie in Pale bei Sarajewo gestartet. Ziel der Aktionen waren die Familienangehörigen Karadzics. Die letzte Fahndungsaktion hatte im Juli kurz vor dem 10. Gedenktag des Srebrenica-Massakers stattgefunden. Dabei wurde Karadzic’ Sohn Aleksandar für mehrere Tage festgenommen aufgrund des Verdachts, einen angeklagten Kriegsverbrecher zu unterstützen und über Informationen zu verfügen, die zu seiner Festnahme führen oder zum Auffinden seiner Helfer beitragen könnten. General Schook versprach, dass die NATO Aktionen gegen ICTY-Angeklagte fortsetzen werde. Ferner ist er davon überzeugt, dass Karadzic den Appell seiner Frau registriert hat und einige Mitglieder der Familie Karadzic sehr wohl wüssten, wo sich Radovan versteckt halte.

Nach Einschätzung des internationalen Bosnien-Beauftragten Paddy Ashdown ist dieser Appell "ein großer Schritt nach vorn". Er hofft zudem, dass Karadzic diesem Aufruf folgen und dadurch die Last von seinem Volk und seiner Familie nehme. Ashdown wies darauf hin, dass zahlreiche weitaus weniger bekannte mutmaßliche Kriegsverbrecher auch den Mut aufgebracht hätten, sich dem ICTY zu stellen.

Auch die Politiker in Sarajewo und der Föderation begrüßten das überraschende Vorgehen von Liljana Karadzic. Elmir Jahic, Mitglied der Parteispitze der regierenden bosniakischen Partei der Demokratischen Aktion (SDA) meinte, der Aufruf sei ehrlich gemeint und biete Karadzic die Chance, sich endlich dem Tribunal in Den Haag zu stellen sowie das serbische Volk und Bosnien-Herzegowina von einer großen Last zu befreien.

Ebenso positiv wurde der Appell in der Republika Srpska aufgenommen. Der Präsident dieser Entität, Dragan Cavic, betonte, die Zukunft der Entität hänge davon ab, dass Karadzic und der ebenfalls flüchtige General Ratko Mladic endlich verhaftet würden. Cavic, der auch Vorsitzender der von Karadzic gegründeten Serbischen Demokratischen Partei (SDS) ist, sagte außerdem, der Fernsehauftritt bestätige, dass die Familie des Angeklagten unter psychischem Druck stehe. Er bekräftigte: "Radovan Karadzic muss sich dem ICTY stellen. Wenn er dies nicht tut, muss er verhaftet werden. Das Innenministerium der Republika Srpska bearbeitet bereits seit Monaten die Fälle der Personen, die auf der öffentlichen Anklageschrift stehen, damit sie sich in Den Haag einfinden. Man muss sie ausfindig machen und ihnen deutlich sagen: ‚Entweder stellen Sie sich freiwillig oder Sie werden verhaftet‘. Eine dritte Option gibt es nicht".

Der ehemalige Premier und Oppositionsführer in Banja Luka, Milorad Dodik, meinte, wenn Karadzic aufgebe, sei dies nicht nur eine Erleichterung für seine Familie, sondern für das gesamte serbische Volk; sowohl in der Republika Srpska als auch in Serbien. Karadzics Bruder Luka, der in Montenegro lebt, sagte hingegen, seiner Schwägerin sei anzusehen gewesen, dass sie ihre Erklärung wegen des ständigen Drucks und der Razzien abgeben habe. "An ihrem Gesichtsausdruck und an ihrer Sprechweise war genau zu erkennen, in welcher Lage sie sich befindet. Sie hat die Person, die sie am meisten auf der Welt liebt, dazu aufgerufen, sich zu stellen. Das ist eine nie da gewesene, beispiellose und brutale Art, Druck auf Radovans Familie auszuüben", so Luka Karadzic.

Politiker in Serbien hoffen nun, dass dieser Appell Radovan Karadzic dazu bewegt, aufzugeben. Der Berater des serbischen Präsidenten, Jovan Simic, sagte, er kenne "weder die Motive noch die Bedingungen", die Ljiljana Karadzic zu ihrem Aufruf bewogen. Wenn sich Karadzic stelle, sei dies "eine Erleichterung für die Republika Srpska und die ganze Region." Nach Ansicht des serbisch-montenegrinischen Außenministers, Vuk Draskovic, hätte die Ehefrau des flüchtigen ICTY-Angeklagten noch einen wichtigen Punkt in ihrem Aufruf erwähnen müssen: "Wenn der Appell ehrlich gemeint war, dann hätte sie sagen müssen, dass diese Lage nicht nur für die Familie untragbar sei, sondern auch das Volk und das Land", sagte der Minister.

Schließlich meldet sich auch der serbisch-orthodoxe Patriarch Pavle zu Wort. In einer schriftlichen Erklärung des Patriarchen heißt es: "Als Geistlicher und Hirte aller christlichen Seelen, die mir Gott anvertraut hat, bin ich dazu verpflichtet die mächtigen ausländischen Akteure, von denen ich glaube, dass sie auch Christen sind, darauf aufmerksam zu machen, dass eine ganze Familie nicht wegen der Anklage gegen ein Mitglied erpresst, misshandelt und bestraft werden darf." Daher bitte er im Geiste der christlichen Barmherzigkeit und Nächstenliebe inständig, dass der Gewalt gegen die Angehörigen von Radovan Karadzic umgehend Einhalt geboten werde.

Z. Pirolic/Sarajewo, St. Smoljanovic/Banja Luka,
I. Petrovic/Belgrad
DW-RADIO/Bosnisch, DW-RADIO/Serbisch, 1.8.2005,
Fokus Ost-Südost

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