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Amerika

Hoffnung und Angst - Immigration in den USA

Mehr als elf Millionen illegale Immigranten leben in den USA, viele von ihnen in Angst und wirtschaftlicher Not. Washington ringt seit langem um ein neues Gesetz, das die Einbürgerung erleichtern soll.

Jorge wartet auf Arbeit. Er steht am Rande eines großen Parkplatzes vor einem Einkaufszentrum in San Diego, an diesem Freitagmorgen genauso wie an anderen Tagen der Woche. Wie so oft schon in den letzten 20 Jahren, als er aus Mexiko nach Kalifornien gekommen ist. Ein "Jumper", wie er sagt, einer, der über den Zaun gesprungen ist.

Der kräftige Mann mit dem kurzrasierten Schädel steht gemeinsam mit anderen Tagelöhnern im spärlichen Schatten der Bäume und hält Ausschau, ob einer der Kunden des Einkaufszentrums anhält und Arbeit hat - für zwei oder vier Stunden, einen ganzen Tag, oder auch schon mal für mehrere Tage am Stück. "Manchmal bekomme ich Jobs hier, zwei bis dreimal die Woche", sagt Jorge in gebrochenem Englisch. "Es kann aber auch sein, dass man gar nichts verdient."

Mehr als elf Millionen Immigranten sind ohne gültige Papiere in den USA, allein zwei Millionen von ihnen leben in Kalifornien. Sie stehen im Schatten der Gesellschaft und sind in ständiger Angst, von der Polizei aufgegriffen und abgeschoben zu werden. Und sie sind praktisch ohne Rechte.

Tagelöhner im Gespräch mit einem Sicherheitsmann am Rande des Parkplatzes eines Supermarktes in San Diego. (Foto: DW/Dr. Gero Schließ, Juli 2013)

Diese Tagelöhner haben noch Glück: viele ihrer Landsleute aus Mexiko schaffen es erst gar nicht über die Grenze

Jorge ist jetzt Bürger der Vereinigten Staaten von Amerika. Er hat die fast unüberwindbar scheinenden Hürden des Immigrationsgesetzes überwunden, eines Gesetzes, das Immigranten lange Wartezeiten, hohe Gebühren und weitreichende Anforderungen auferlegt. Und vor allem die Ungewissheit, ob am Ende der Prozedur die Einbürgerung oder die endgültige Abschiebung steht.

"Mann, bin ich stolz!"

"Ich bin ein Bürger, weil ich so hart gearbeitet habe, weil ich gemacht habe, was man von mir verlangt hat," sagt Jorge. "Ich hatte einen Wohnsitz, war in der Schule, habe meine Tests bestanden. Es dauerte fünf Jahre. Und ich bin richtig stolz, legal hier zu sein. Mann, bin ich stolz! Das einzige Problem ist, das es keine Jobs gibt, keine Zukunft."

Viele seiner Landsleute kommen in den USA gar nicht erst an, lassen auf dem Weg in den Norden ihr Leben. Sie werden von Räuberbanden überfallen, ausgeraubt, erpresst, ermordet oder verdursten in der Wüste.

"In einem Sommer sterben mehr Menschen an der mexikanischen Grenze als insgesamt an der Berliner Mauer", empört sich Enrique Morones von den Border Angels. "Wir wollen eine humane Immigrationsreform und nicht mehr Tote. Mehr als 10.000 Menschen sind an dieser Grenze bisher gestorben."

Enrique Morones, Präsident der Border Angles, in seinem Büro (mit Kreuzen, die an die 10000 Todesopfer an der mexikanisch-amerikanischen Grenze erinnern sollen). (Foto: DW/Dr. Gero Schließ, Juli 2013)

Die Kreuze erinnern an die Todesopfer an der Grenze

Seit Jahren ringt Washington um ein neues Immigrationsgesetz. Es ist eines der wichtigsten Vorhaben von Präsident Barack Obama. Er spricht von einem "gebrochenem System", das längst nicht mehr zeitgemäß sei. Allerdings argumentiert Obama vor allem mit den wirtschaftlichen Vorteilen, die er sich von einer erleichterten Eingliederung der illegalen Einwanderer verspricht: Mehr Wachstum soll es geben und eine Verringerung des Budgetdefizits, dank der neuen Steuerzahler. Die oppositionellen Republikaner haben eine Reform bisher blockiert, obwohl Obamas Demokraten ihnen mit dem Plan eines massiven Ausbaus der Grenzanlagen an der mexikanischen Grenze weit entgegengekommen sind.

Erste Hilfe für die Immigranten

Unfair und inhuman sei das gegenwärtige Immigrationsgesetz, sagt auch die Anwältin Nora Millner. Dass beispielsweise ein illegaler Einwanderer für zehn Jahre wieder in sein Herkunftsland zurück müsse, wenn er einen Antrag auf Staatsbürgerschaft stellt, sei unmenschlich. "Wer verlässt seine Familie für zehn Jahre? Das ist eine wahnsinnige Bürde, die der Gesetzgeber den illegalen Einwanderern auferlegt hat."

Das neue Immigrationsgesetz sollte diese Regel abschaffen, fordert Millner. "Es sollte andere Wege zur Erlangung der Bürgerschaft geben. Also nicht mehr nur über Familie und Job, sondern auch über andere Qualifikationen, wie Englisch zu sprechen, verlässlich Steuern zu zahlen, sich einfach als ein gutes Mitglied der Gesellschaft zu beweisen."

Nora Millner, Anwältin in San Diego, spezialisiert auf Immigration, in ihrem Büro. (Foto: DW/Dr. Gero Schließ, Juli 2013)

Nora Millner will ein faires Einwanderungsgesetz

Es gibt aber auch Vorbehalte. David, ein Taxifahrer, spricht - unter dem Siegel der Anonymität - deutlich aus, warum er gegen eine Erleichterung der Zuwanderung ist.

"Die Leute kommen hier hin, sie umgehen das Gesetz, nehmen ihr Geld mit nach Mexiko und nutzen die Leistungen des Gesundheits- und Ausbildungssystems und anderer Sozialeinrichtungen auf Kosten der Steuerzahler."

Immigrationsreform lebenswichtig für San Diego

Dem widersprechen die Fachleute. Kevin Faulconer, Mitglied der Stadtverwaltung von San Diego und Republikaner, hat einen dringenden Appell an beide Parteien in Washington gerichtet, endlich eine "umfassende Gesetzgebung" zustande zu bringen.

Einer der größten Grenzübergänge der Welt - der zwischen San Diego und dem mexikanischen Tijuana - funktioniere einfach nicht, sagt er. Bis zu fünfstündige Wartezeiten seien absolut schädlich für den Wirtschaftsaustausch. "Die Immigrationsreform ist lebenswichtig für San Diego. Wir sehen wie wichtig unsere Beziehung zu Mexiko ist, wie vernetzt unsere Wirtschaft ist. Wir haben ein Immigrationssystem, das nicht funktioniert. Es ist nicht akzeptabel."

Luis Maizel teilt diese Meinung - und ist das lebende Beispiel für eine gelungene Einwanderung. Er hat die LM Capital Group aufgebaut und steuert von San Diego aus mittlerweile millionenschwere Pensionsfonds. Doch auch Maizel kämpft gegen Klischees und Vorurteile an. Es gebe eine falsche Wahrnehmung von Mexikanern, sagt er der DW. "Die meisten denken, sie wären Gärtner, Kellner oder würden in Hotels oder Restaurants arbeiten. Ich habe Abschlüsse als Ingenieur und habe in Harvard studiert. Ich war immer so etwas wie der 'sonderbare Junge.'"

Aus dem "sonderbaren Jungen" ist ein einflussreicher Geschäftsmann geworden - auch in Washington. Tatkräftig unterstützt er Senator Marco Rubio aus Florida, der für eine moderne Immigrationspolitik steht. Rubio gehört zur "Gang of Eight" (Parteiübergreifende Gruppe von Senatoren, die am Kompromissgesetz arbeiten, die Red.) und hat jenen Kompromiss mitverhandelt, der vom Senat mittlerweile verabschiedet wurde. Er sieht eine erleichterte Einbürgerung und gleichzeitig einen Ausbau der Grenzanlagen hin zu Mexiko vor.

Doch selbst dieses Vorhaben geht vielen in dem von oppositionellen Republikanern dominierten Repräsentantenhaus zu weit. Wann und wie sie abstimmen werden, bleibt offen.

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