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Kultur

Hoffnung für Junkies

Heroin ist in Deutschland künftig als Medikament für schwerst Drogenabhängige zugelassen. Jahrelang hat eine Elterninitiative dafür gekämpft. Mit Petitionen und einem Gedenktag für ihre verstorbenen Kinder am 21. Juli.

Heroin mit Besteck (Foto: dpa)

Nie wird Jürgen Heimchen den Tag vergessen, an dem sein Sohn verhaftet wurde, weil er einen Videorekorder stahl. Es war nicht das erste Mal, dass Heimchen den drogenabhängigen Thorsten auf einer Wuppertaler Polizeiwache besuchen musste. Doch diesmal kam der damals 50-jährige Vater zu spät. Thorsten erhängte sich mit 21 Jahren in seiner Zelle - kaputt vom ständigen Druck, sich den nächsten Schuss Heroin erbetteln oder stehlen zu müssen.

Jürgen Heimchen (l.) mit der Patientenbeauftragten Helga Kühn-Mengel (Foto: akzeptierende-eltern.de)

Jürgen Heimchen (l.) mit der Patientenbeauftragten Helga Kühn-Mengel

Hätte ihm ein Arzt damals Heroin verschreiben dürfen, würde er wohl noch leben, glaubt Heimchen. Seit dem Tod seines Sohnes 1992 kämpft der Wuppertaler für die Legalisierung von Drogen. 1993 gründete er den Bundesverband der Eltern und Angehörigen für akzeptierende Drogenarbeit. Seit 1998 veranstaltet der Verband jedes Jahr einen Nationalen Gedenktag für verstorbene Drogenabhängige. Am 21. Juli beteiligen sich mehr als 40 deutsche Städte daran.

Ein Meilenstein in der Drogenpolitik

In diesem Jahr spricht Heimchen zum ersten Mal von einem "Meilenstein in der deutschen Drogenpolitik". Denn erst vor kurzem einigten sich Bundestag und Bundesrat darauf, dass Ärzte schwerst Drogenabhängigen künftig synthetisches Heroin verschreiben dürfen. Vorausgesetzt, sie stehen unter medizinischer Beobachtung, sind älter als 23 Jahre, seit mindestens fünf Jahren drogenabhängig und haben zwei erfolglose Therapien hinter sich. Bisher hatte es die Diamorphin-Abgabe nur im Rahmen von Modellprojekten gegeben.

Weiße Holzkreuze auf einem schwarzen Tuch in der Wuppertaler Fußgängerzone (Foto: akzeptierende-eltern.de)

Gedenken an die Wuppertaler Drogentoten

"Wir haben dazu beigetragen, dass sich die Drogenpolitik in Deutschland verändert hat", meint der 66-jährige Bundesvorsitzende stolz. Jedes Jahr am 21. Juli verteilt er vor dem Wuppertaler Hauptbahnhof Infobroschüren, diskutiert mit Passanten über die Drogenproblematik und veranstaltet einen Gottesdienst, bei dem an die verstorbenen Toten erinnert wird. Immerhin starben im vergangenen Jahr 1.449 Menschen an ihrer Sucht - die höchste Zahl seit vielen Jahren. "Wir müssen auch den Abhängigen die Chance auf ein Überleben bieten, die über Methadonprogramme nicht zu erreichen sind."

Flächendeckende Versorgung gefordert

Sorge bereitet Heimchen allerdings die Umsetzung des neuen Gesetzes. Er rechnet damit, dass rund 30.000 Drogenabhängige in Deutschland von der medizinischen Heroinabgabe profitieren könnten. "Die Kosten sollen nicht nur die Krankenkassen, sondern auch die Kommunen tragen", sagt der Bundesvorsitzende. Da die Vergabe an eine psychosoziale Betreuung gekoppelt werden solle, käme auf die Kommunen eine starke finanzielle Belastung zu. "Viele Städte werden daher kein Interesse an der Heroinabgabe haben." Doch sein Verband wolle dafür kämpfen, dass es in Deutschland möglichst schnell zu einer flächendeckenden Versorgung komme, betont Heimchen.

Bundesweit vertritt der Bundesverband der Eltern und Angehörigen für akzeptierende Drogenarbeit 14 Elterngruppen in Nordrhein-Westfalen, Schleswig-Holstein und Hamburg. Rund 40 Eltern gehören der Wuppertaler Selbsthilfegruppe an.

Die Chance auf ein fast normales Leben

Ein kleiner Verband, der die Hoffnung nicht aufgeben will, dass auch für Drogenabhängige ein "menschenwürdiges Leben" möglich ist. "Die Elterngruppe hat mir Mut gemacht, für meinen Sohn Michael zu kämpfen", sagt Heidrun Behle von der Wuppertaler Selbsthilfegruppe.

Heidrun Behle im Gespräch (Foto: akzeptierende-eltern.de)

Heidrun Behle im Gespräch

Beschaffungskriminalität, Gefängnisaufenthalte, Therapieabbrüche, ein Selbstmordversuch - Heidrun Behle hat mit ihrem Sohn Michael schon viel Schweres erlebt. "Aber seit er Methadon bekommt, ist er nicht mehr kriminell, kann alleine wohnen und manchmal auch arbeiten." Eben ein fast normales Leben führen. "Genau diese Chance sollen auch schwerst Drogenabhängige bekommen", fordert Heidrun Behle. Dafür geht die 60-jährige Mutter auch in diesem Jahr am 21. Juli wieder auf die Straße.

Autorin: Sabine Damaschke

Redaktion: Elena Singer

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