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Asien

Hoffnung auf koreanisches Tauwetter?

Der Überraschungsbesuch einer nordkoreanischen Spitzen-Delegation in Südkorea am Wochenende sorgt für Gesprächsstoff. Wie sind die Zeichen zu interpretieren?

In den vergangenen anderthalb Jahren herrschte Eiszeit zwischen Seoul und Pjöngjang. Die Beziehungen beider Länder waren in Folge des dritten nordkoreanischen Atomtests so angespannt wie lange nicht mehr. Der Ton war extrem rau. So bezeichneten beispielsweise die nordkoreanischen Staatsmedien Südkoreas Präsidentin Park Geun Hye als "Prostituierte" und drohte, Seoul zu einem "Meer aus Feuer" zu machen. Südkorea seinerseits trieb den Plan einer koreanischen Wiedervereinigung voran – allerdings nach eigenen Bedingungen.

Umso überraschender war für Korea-Beobachter, dass drei der einflussreichsten Vertreter des nordkoreanischen Regimes am Wochenende (04./05.06.2014) zur Abschlussfeier der Asien-Spiele ins südkoreanische Incheon gereist kamen. Angeführt wurde die Delegation von Hwang Pyong So, dem Vizevorsitzenden der Nationalen Verteidigungskommission und Leiter des Politbüros der Armee. Er gilt als Nummer Zwei in der nordkoreanischen Hierarchie hinter Staatschef Kim Jong Un. Vermutungen zufolge soll er - nicht Kim Jong Un - in erster Linie für das aktuelle Tagesgeschäft zuständig sein. Begleitet wurde Hwang von seinem Amtsvorgänger Choe Ryong Hae sowie Kim Yang Gon, dem Sekretär der nordkoreanischen Arbeiterpartei.

Ein Treffen von 14 Minuten

Nordkorea Treffen Hwang Pyong So, Ryoo Kihl-jae

Zum ersten Mal seit dem Waffenstillstand von 1953 kam es zu einem so hochrangigen Treffen zwischen Nord- und Südkorea

Insgesamt elf Mitglieder umfasste die Besuchergruppe aus Pjöngjang, die im großen Stadion von Incheon auch mit dem südkoreanischen Premierminister Chung Hong Won, allerdings nicht mit der Präsidentin Park Geun Hye zusammentraf. Knapp eine Viertelstunde dauerte das Treffen, bei dem beide Seiten es vermieden, sensible Themen anzusprechen. Er habe die Hoffnung, dass der Besuch den von Seoul erwünschten Durchbruch bringen könnte, so Chung nach der Begegnung.

Das einzig konkrete Ergebnis der ersten Runde war die Einigung darauf, dass es Ende Oktober oder Anfang November weitere Gespräche geben soll. Experten allerdings

warnen vor verfrühtem Optimismus

. Noch sei es viel zu früh, von einem solchen Durchbruch zu sprechen. "Solche Ouvertüren sind Bestandteil der nordkoreanischen Politik, so etwas haben wir in den vergangenen Jahren wieder und wieder erlebt", sagt Robert Dujarric vom "Institute of Contemporary Asian Studies" am Japan Campus der Tokioter Temple Universität. Nordkorea biete etwas an und verlange dafür seinerseits eine Gegenleistung: Nothilfe, Geld oder auch Unterstützung beim Bau eines Leichtwasserreaktors. "Danach fallen sie wieder zurück in alte Verhaltensmuster. Sie können sich so benehmen, weil niemand einen Krieg will. Und das wissen die Nordkoreaner ganz genau", so Dujarric weiter.

Politik der kleinen Schritte

Kim Jong-Un

Seit September nicht mehr in den Medien. Angeblich wegen Überarbeitung.

Möglicherweise sei Pjöngjang durch die jüngste Annäherung zwischen China und Südkorea zu diesem Schritt genötigt gewesen, so Dujarric weiter. China ist Nordkoreas einziger Verbündeter. Auch Jon Okumura, Gastprofessor am Meiji-Institut für globale Fragen, zweifelt an der Motivation und den Zielen Nordkoreas: "Nordkorea ist in einer Position, in der es seine Karten offenlegen muss. Die Landwirtschaft durchlebt gerade kein gutes Jahr, also können die Nordkoreaner jede Unterstützung von außen gut gebrauchen. Aber Hilfe gibt es nicht umsonst, und Seoul wird versuchen, so viel Kapital aus der Situation im Norden zu schlagen wie möglich.“

Eine Möglichkeit sei, dass die beiden Regierungen die Gespräche über eine Wiedereröffnung des Ferienressorts in den Kumgang-Bergen wiederaufnehmen. Es seien solche kleinen Schritte, mit denen Seoul hoffe, auch einen Durchbruch bei Verhandlungen zu größeren Themen erreichen zu können, etwa bei der Frage nach der Fortführung des

nordkoreanischen Atomprogramms

.

Verkompliziert wird die Situation durch Spekulationen über den Aufenthaltsort und den Gesundheitszustand von Nordkoreas Staatschef Kim Jong Un. Dessen letzter öffentlicher Auftritt fand Anfang September statt. Gerüchten zufolge sei er schwer erkrankt – oder sogar einem Putsch zum Opfer gefallen. Die Regierung in Pjöngjang versucht, diesen Meldungen entgegenzuwirken: In einer offiziellen Pressemitteilung, hieß es, Kim habe sich einer Operation an seinen Fußgelenken unterziehen müssen, da diese durch seinen dicht gedrängten Terminkalender mit zahlreichen Besuchen in Fabriken und Militäreinrichtungen pro Tag überlastet gewesen seien.

Nordkorea wiegelt ab

Nordkorea Raketenstart 2012 Sohae Anlage

Mit Atom- und Raketentests hält Nordkorea Asien in Atem

In einer derart abgeschotteten Gesellschaft wie der nordkoreanischen sind verlässliche Informationen über Kims Gesundheitszustand genauso wenig zu bekommen wie darüber, wie viel Macht der junge Diktator in seinem Land tatsächlich ausübt. Experten weisen jedoch darauf hin, dass es in Pjöngjang bislang keinerlei Anzeichen für eine ungewöhnliche Entwicklung gegeben hätte.

"Es geht ihm gut, und es gibt keinerlei Probleme mit seiner Gesundheit”, sagt denn auch Kim Myong Chol, Direktor des "Zentrums für Frieden zwischen Nordkorea und den USA", ein Sprachrohr des Regimes in Pjöngjang, gegenüber der DW. Zwar wolle Nordkorea "Fortschritte erzielen", dennoch muss selbst dieser nordkoreanische Offizielle einräumen, dass es noch zu früh sei für eine Bewertung darüber, ob die Delegiertenreise in den Süden den Durchbruch schaffen werde, den einige bereits entdeckt haben wollen.

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