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Kultur

Hoffen auf weißen Rauch

Aus dem ersten Wahlgang ist wie erwartet kein neuer Papst hervorgegangen. Unter den Kardinälen sollen sich zwei Lager herausgebildet haben. Trotzdem könnte es eine schnelle Entscheidung geben.

Die Wettbüros und Buchmacher in London gehen davon aus, dass das Konklave bereits am Mittwoch oder Donnerstag zu Ende gehen wird. Am Dienstagabend absolvierten die 115 wahlberechtigten Kirchenfürsten den ersten Wahlgang, der vom Sprecher des Vatikans, Pater Federico Lombardi, als eine Art Generalprobe bezeichnet worden war. Es sollte ausgelotet werden, ob es einen oder zwei Favoriten gibt, die bei den nächsten Wahlgängen am Mittwoch die notwendige Zwei-Drittel-Mehrheit erreichen könnten. Das sind 77 von 115 Stimmen.

Tausende warten im Regen

Auf dem Petersplatz beobachteten einige zehntausend Pilger und Touristen trotz Regenwetters den Rauch, der aus dem Schornstein der Sixtinischen Kapelle quoll. Nur bei erfolgreicher Wahl wird der Rauch der verbrannten Stimmzettel weiß gefärbt.

Ephrahim Balley (Foto. Bernd Riegert/DW)

Da muss man dabei sein: Ephrahim Balley

"Hier wird Geschichte gemacht. Das will ich sehen", sagte Ephrahim Balley aus Äthiopien, der jetzt in Rom lebt. "Ich bin zwar nicht katholisch, aber ich hoffe, der nächste Papst räumt in der Kirche mal richtig auf." Die Fernsehkameras hunderter Sender rund um die Welt waren auf das schlichte Rohr gerichtet. Über 3000 Fernsehteams haben sich auf den Dächern rund um den Petersplatz aufgebaut. Als um 19:42 Uhr der schwarze Rauch aufstieg, ging nur ein enttäuschtes Raunen durch die Menschenmenge, die sich rasch zerstreute.

Der französische Kardinal Paul Poupard ist 82 Jahre alt und kann deshalb aus Altersgründen nicht mehr mitwählen. In der Zeitung "La Stampa" schildert Paul Poupard die Gefühle, die ihn beim letzten Konklave 2005 bei der Wahl Joseph Ratzingers übermannt haben. "So etwas habe ich mein ganzes Leben lang nicht gefühlt. Die Medien hatten ein langes Konklave vorhergesagt. Aber als wir schon am zweiten Tag die entscheidende Stimme für Ratzinger zählten, sagte ich zu meinem Nebenmann, dass der Heilige Geist keine Zeitung liest", erzählt der französische Kardinal. "Ich habe meine Armbanduhr abgelegt und über den historischen Moment nachgedacht. Es war genau 17 Uhr 28 Minuten."

Rote Pracht in der Sixtina

Feierlich ging es zu, als die Kardinäle unter liturgischen Gesängen in die Sixtinische Kapelle einzogen und ihren Eid ablegten, in dem sie sich zu absoluter Geheimhaltung verpflichteten. Die von Michelangelo ausgemalte berühmte Kapelle mit der Schöpfungsgeschichte leuchtete vom Rot der Soutanen. Diese Farbe tragen die Kardinäle traditionell, nicht nur bei der Papstwahl. Nur einer trägt abweichend schwarz: Kardinal Antonios Naguib. Er stand der koptisch-katholischen Kirche in Ägypten vor und dort kennt man das Purpur-Gewand der Kardinäle nicht. Alle 115 Kardinäle nehmen an der Wahl teil, einer der betagten Herren kam allerdings im Rollstuhl und einer geht an Krücken.

Kardinäle in der Sixtina (Foto: Reuters)

Die Kardinäle schwören Verschwiegenheit: Wahlprozedur in der Sixtina beginnt

Nach dem Ausspruch "Extra Omnes!" (Alle hinaus!) des Zeremonienmeisters verließen alle Personen, die nicht wählen dürfen, die Sixtinische Kapelle. Sie wird von Schweizer Gardisten bewacht, wurde auf Wanzen und versteckte Kameras untersucht. Ein Störsender ist installiert, um den Empfang von Mobilfunk oder drahtlosem Internet zu unterbinden. Jeder Kardinal hat vor sich auf seinem Tisch ein grünes Buch mit der Wahlordnung und ein türkis-farbenes Buch mit der Liturgie für das Konklave. In einer roten Mappe sind die Wahlzettel verstaut. Ohne Aussprache wird gewählt. Nach der Auszählung durch drei Kardinäle werden die Wahlzettel verbrannt.

Reformer gegen Römer

Die "Vaticanisti", also die professionellen Kirchen-Korrespondenten der italienischen Zeitungen, sind sich diesmal nur in einem einig: Es gibt keinen klaren Favoriten. Nach intensivem Wahlkampf während der letzten Woche unter den Kardinälen, die sich ja täglich zur Vollversammlung getroffen haben, schälen sich zwei Lager heraus.

Angelo Scola (Foto: AFP/Getty Images)

Gute Chancen: Kardinal Scola

Auf der einen Seite stehen die Reformer aus Europa und den USA, die die Kirche modernisieren und das kirchliche Hauptquartier in Rom neu organisieren wollen. Ihr Kandidat ist offenbar der 71-jährige Erzbischof Angelo Scola aus Mailand. Die italienische Zeitung "La Stampa" erklärte Scola zum aussichtsreichen Kandidaten. Er werde im ersten Wahlgang um die 35 Stimmen erhalten, so die Zeitung. Das zweite Lager sind nach Einschätzung vieler Vatikan-Experten die "Römer". Das sind vor allem die Kardinäle, die in der Kurie, der kirchlichen Hierarchie in Rom, hohe Posten bekleiden. Sie unterstützen offenbar den 63-jährigen Erzbischof von Sao Paulo, Odilo Pedro Scherer. Der eher konservative Vertraute des abgedankten Papstes Benedikt XVI. wäre der erste nicht-europäische Oberhirte.

Der Wiener Kardinal Christoph Schönborn sagte vor dem Konklave, es habe eine gute Grundsatzdebatte über die Lage der Kirche gegeben. "Es ist in dieser Woche in seltener Weise offen, frei, in großer Wahrhaftigkeit miteinander gesprochen worden über die Licht- und auch über die Schattenseiten der jetzigen kirchlichen Situation." Schönborn warnte aber davor, die Papstwahl mit einer normalen Wahl zu vergleichen, schließlich habe Gott die Hand im Spiel. "Es geht darum, wirklich zu fragen, wer ist jetzt der von Gott Erwählte? Natürlich müssen wir daran mitarbeiten und mitwirken, aber es geht nicht um irgendwelche Parteien und Gruppierungen, sondern wer soll das geistliche Oberhaupt der Kirche sein?"

Kompromiss könnte ein Nordamerikaner sein

Falls sich eines der Lager nicht durchsetzen kann, haben Kompromiss-Kandidaten oder auch krasse Außenseiter eine Chance. Der lachende Dritte könnte der ehemalige Erzbischof von Quebec (Kanada), der 68-jährige Kardinal Marc Ouellet sein. Er arbeitet als Präfekt der Kongregation für die Bischöfe auf einem hohen Leitungsposten der Kurie in Rom. Genannt werden von verschiedenen Kirchen-Beobachtern auch der Erzbischof von Boston, Sean Patrick O'Malley (68) und der Erzbischof von New York, Michael Timothy Dolan (63). Dolan glänzte in Rom in der vergangenen Woche durch sein joviales Auftreten in der Öffentlichkeit.

Luis Antonio Tagle (Foto: AFP/Getty Images)

Kardinal Tagle - der Kompromisskandidat?

Italienische Zeitungen billigen dem Erzbischof von Manila (Philippinen), Luis Antonio Tagle, die Qualitäten zu, die ein Kompromiss-Kandidat bräuchte. Mit 55 Jahren ist Tagle einer der jüngsten Kardinäle überhaupt und will vor allem die Jugend für die Kirche begeistern. Genannt wird auch der Erzbischof von Esztergom-Budapest, der 60-jährige Ungar Peter Erdö.

Nicht Manager, sondern Hirte

Der Wiener Erzbischof Christoph Schönborn (68) warnte vor Journalisten, das Papstamt nicht auf seine weltliche Dimension zu reduzieren. Der Stellvertreter Christi auf Erden sei nicht in erster Linie ein Manager oder Geschäftsführer. "Aber die entscheidende Voraussetzung ist sicher, ich würde sagen, ist er ein Mann des Evangeliums?", so Kardinal Schönborn. "Eine weltweite Gemeinschaft wie die katholische Kirche braucht Managerqualitäten. Aber das ist nicht das Erste, was man vom Papst erwartet. Er soll gute Mitarbeiter haben. Natürlich schaut man unter den Kardinälen auch auf Qualitäten wie zum Beispiel er eine Diözese leitet. Man wird sicher niemanden zum Papst wählen, der in seiner Diözese ein Desaster hinterlassen hat."

Schönborn, der als hervorragender Diplomat innerhalb des Kardinalskollegiums gilt, hat nach Meinung einiger "Vaticanisti" selbst Chancen, als Kandidat des Kompromisses gewählt zu werden. Die Kardinäle übernachten nach gemeinsamen Abendessen im Gästehaus "Heilige Martha" neben dem Petersdom. Kontakt zur Außenwelt ist ihnen nicht gestattet. Fernseher, Telefone, Computer und Tageszeitungen sind verboten.

Benedikt allein zu Hause

Auch der deutsche Erzbischof Georg Gänswein zog mit in die Sixtinische Kapelle ein, und zwar in seiner Funktion als Leiter des päpstlichen Haushalts. Gänswein ist der engste Vertraute des abgedankten Papstes Benedikt XVI. Er wohnt mit ihm im Castel Gandolfo unweit von Rom. Da Gänswein, im Gegensatz zu sechs deutschen Kardinälen, nicht wahlberechtigt ist, verließ er die Sixtina wie viele andere Funktionsträger vor dem ersten Wahlgang. Joseph Ratzinger war also nicht allzu lange allein zuhause im Castel Gandolfo und hat sich den Auftakt des Konklaves vielleicht im Fernsehen angeschaut.

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