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Wissen & Umwelt

Hoffen auf eine Impfung

Vor 130 Jahren wurde der Tuberkulose-Erreger entdeckt - bis heute wird an einem Impfstoff geforscht. Der Mikrobiologe Stefan Kaufmann sucht seit Jahren nach einer Lösung - und rückt ihr immer näher.

Deutsche Welle: Herr Kaufmann, gängiger Impfstoff gegen Tuberkulose ist BCG, ein Mittel, das schon über 90 Jahre alt ist. Er schützt zwar Kleinkinder gegen die sehr stark und kräftig verlaufende Tuberkulose, ist aber mehr oder weniger wirkungslos gegen die Tuberkulose der Erwachsenen. Warum ist es so schwierig, einen neuen Impfstoff gegen Tuberkulose zu finden?

Stefan Kaufmann (Foto: dpa)

Stefan Kaufmann

Stefan Kaufmann: Die Impfung gegen Tuberkulose unterscheidet sich deutlich von der Impfung gegen die bekannten Kinderkrankheiten wie Masern, Mumps oder Röteln. Bei all den Impfungen, bei denen wir derzeit erfolgreich sind, wird einen Art Immunität stimuliert, die von Antikörpern getragen wird. Das sind lösliche Moleküle, die die Virusaktivität blocken. Das reicht beim Tuberkuloseerreger aber nicht, denn dieser Erreger verschwindet in Wirtszellen, also in Zellen unseres Körpers, wo ihn Antikörper gar nicht finden können. Für solche versteckten Erreger haben wir eine zweite Art Immunantwort: die weißen Blutkörperchen, genauer gesagt die T-Lymphozyten. Die erkennen den Erreger nicht direkt, aber sie erkennen Zellen, in denen sich die Tuberkuloseerreger versteckt halten. Wie man solche Immunzellen stimuliert, haben wir erst vor Kurzem verstanden oder sind dabei es zu verstehen.

Warum ist dieser Schutz bisher nur bei Kindern möglich? Verläuft die Krankheit bei Kindern und Erwachsenen unterschiedlich?

Diese Frage kann man nur ganz schwer beantworten. Meine persönliche Auffassung ist, dass der Schutz beim Kleinkind nur sehr kurz andauert. Das Kleinkind ist noch sehr schwach und besitzt keine vollständige Abwehrkraft. Da reicht schon ein etwas besserer Schutz aus. Beim Erwachsenen reicht das nicht mehr aus. 90 Prozent aller Menschen, die mit dem Erreger der Tuberkulose infiziert sind - und das sind immerhin zwei Milliarden Menschen, also fast ein Drittel der Weltbevölkerung - können den Erreger in Schach halten, also gar nicht erkranken. Wir brauchen aber einen Impfstoff, der genau die zehn Prozent der Menschen schützt, die ein hohes Risiko haben zu erkranken. Dafür reicht die Eindämmung des Erregers für eine gewisse Zeit, die wir beim Kleinkind leisten können, nicht aus. Vielmehr brauchen wir stärkere Abwehrkräfte, die den Erreger entweder über Jahrzehnte eindämmen oder ihn letztendlich abtöten.

Genau das versuchen Sie mit Ihrer Weiterentwicklung des Impfstoffs BCG zu erreichen. Sie haben BCG molekular umgebaut. Wie funktioniert das?

Wir haben uns gedacht, dass der BCG-Impfstoff, wenn er Kleinkinder für eine gewisse Zeit schützen kann, gar nicht alles falsch macht. Er macht es nur nicht ausreichend und gut genug. So haben wir BCG genommen und ihn genetisch verändert. Das haben wir so gemacht, dass er nun nicht mehr nur in einer Wirtszelle versteckt bleibt und daher nur ein kleines Repertoire unserer Abwehrkräfte stimulieren kann. Sondern er wird auffälliger gemacht, damit er auch von T-Lymphozyten erkannt wird und diese mit einer Immunantwort darauf reagieren können. Er stimuliert also ein breiteres Abwehrreservoir.

Petrischale mit einer abgetöteten Kultur mit Bakterienkolonien des Tuberkulose-Impfstammes BCG (Foto: picture-alliance/dpa)

Wissenschaftler wollen den Impfstoff BCG weiterentwickeln

Im Herbst 2008 gab es erste klinische Studien an Menschen. Wie weit ist der Impfstoff in seiner Entwicklung?

Der Impfstoff befindet sich jetzt in einer sogenannten Phase-Zwei-Stufe. In der ersten Phase wird erst einmal geschaut, ob der Impfstoff sicher ist. Das ist die Mindestvoraussetzung. Unter kontrollierten Bedingungen wird eine kleine Gruppe von Menschen geimpft und es wird geschaut, ob der Impfstoff sicher ist. Schließlich wollen wir zunächst wissen, ob das Mittel irgendwelche chemischen Reaktionen hervorruft. Diese erste Prüfung erfolgt normalerweise in dem Land oder in der Region, wo der Impfstoff entwickelt wurde, in unserem Falle in Deutschland. Die Untersuchung wurde erfolgreich abgeschlossen.

Die nächste Studie wurde in Südafrika durchgeführt, also in einem Gebiet, wo die Tuberkulose immer noch wütet. Auch dort war die Sicherheit exzellent und auch der Impfstoff hat diese Überprüfung mit Bravour bestanden. Derzeit befinden wir uns in der Phase-Zwei-Stufe wieder in Südafrika, wo geschaut wird, ob unser Impfstoff bei Kleinkindern wirkt. Danach wissen wir noch nicht, ob er wirklich vor Tuberkulose schützt, aber ob er eine körpereigene Immunantwort stimuliert. Und natürlich, ob er auch beim Kleinkind sicher ist.

Was glauben Sie, wie lange es insgesamt noch dauern wird, bis der Impfstoff tatsächlich auf dem Markt sein wird?

Alles im allem denke ich, müssen wir noch mit fünf bis acht Jahren rechnen. Wir müssen auch wissen, ob der Impfstoff das erfüllt, was wir uns alle erhoffen.

Angenommen er erfüllt alles, was Sie sich erhoffen: Ist dieser Impfstoff dann ein ausreichender Schutz gegen die Krankheit? Darf man die Tuberkulose dann tatsächlich als besiegt betrachten?

Tuberkulose-Impfung bei einem Kind in der Ukraine (Foto: AP)

Nur bei Kleinkindern bietet BCG vorübergehend Schutz

Gerne würde ich jetzt sagen, dann haben wir das Problem gelöst. Das wird aber leider nicht so sein. Unser Impfstoff soll den Krankheitsausbruch verhindern. Das heißt, der Erreger wird letztendlich nur eingedämmt. Und er wird so lange eingedämmt, dass wir dann hoffentlich sagen können, er wird über das ganze Leben eingedämmt. Idealerweise aber hätten wir gerne einen Impfstoff, der noch mehr kann.

Entweder er verwehrt dem Erreger das Ansiedeln im Körper - also schützt vor der Infektion. Oder es wird eine Abwehrkraft induziert, die den Erreger abtötet, ihn also eliminiert. Beides haben wir nicht. Bei allen bekannten Impfstoffen ist es ja so, dass die Infektion meistens stattfindet, also der Erreger sich erst einmal ansiedelt und dann mithilfe der Immunantwort der körpereigenen Abwehr abgetötet wird. Und da ist eben auch kein Infektionsschutz gegeben. Bei der Tuberkulose wäre es aber fantastisch, wenn wir sogar vor der Infektion schützen könnten.

Der Mikrobiologe Stefan H. E. Kaufmann ist Direktor des 1993 von ihm gegründeten Max-Planck-Instituts für Infektionsbiologie in Berlin. Außerdem hat er seit 1998 die Professur für Mikrobiologie und Immunologie an der Charité in Berlin inne.

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