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Asien

Hoffen auf den Zahltag

Vietnam entwickelt sich von einer bäuerlichen Gesellschaft zu einem Industrieland. Immer mehr Bauern verlassen ihre Dörfer, um in den Fabriken Arbeit zu finden – und werden leicht Opfer von Ausbeutung und Betrug.

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Wanderarbeiter im vietnamesischen Hoi An

Draußen prasselt ein Schauer nieder. Trung sitzt in einem kleinen Zimmer, das er mit vier Landsleuten teilt. Erst vor wenigen Tagen ist er in dem Industriegebiet vor Saigon angekommen. Es ist kurz vor Feierabend, und er ist allein in dem kleinen Raum in der Barackensiedlung in der Industriezone Di An nördlich von Saigon. Er suche noch nach Arbeit, sagt er. "Egal was. Irgendeine körperliche Arbeit. Ich habe nichts anderes gelernt."

Unabhängig von der Familie

Wanderarbeiter Vietnam

Eine Siedlung für Wanderarbeiter bei Saigon

In Di An reiht sich Fabrik an Fabrik. Möbelfirmen aus Taiwan, Textilfabriken mit englischen Namen, dazwischen sind die Siedlungen der Arbeiter, Reihen von Baracken mit sechs bis acht Quadratmeter großen Zimmern. Vor jeder Tür ist ein Wasserhahn. Hinten im Raum ist eine kleine Toilette abgetrennt, in der Ecke gibt es einen kleinen Gasherd zum Kochen. Meist wohnen drei bis vier Personen in einem Raum. Trung ist bei drei Verwandten untergekommen, die wie er aus der nördlichen Provinz Nghe An stammen. Er habe seine Heimat Hals über Kopf verlassen, erzählt er – nach einem Streit mit dem Vater. Worum es ging, will er nicht verraten. "Etwas Persönliches. Wir kommen nicht gut miteinander aus."

Jetzt will der 26jährige beweisen, dass er allein über die Runden kommt. Vielleicht kann er als Lastwagenfahrer arbeiten, vielleicht etwas anderes. Er habe gehört, im Moment sei es schwer, etwas zu finden. Warum wisse er auch nicht. "Aber das ist es, was die Leute sagen."

Wanderarbeiter Vietnam

Saigon ist das wirtschaftliche Zentrum Vietnams

Wanderarbeiter spüren die schlechten Zeiten

Wie die meisten Tigerstaaten Asiens wurde Vietnam stark von der Wirtschaftskrise getroffen. Die Industrie, die in den vergangenen Jahren entstanden ist, lebt größtenteils vom Export. Der Einbruch der Nachfrage hat in vielen Fabriken zu Entlassungen geführt. Es sind die Wanderarbeiter, die die schlechten Zeiten zuerst spüren.

Ein paar Ecken weiter lebt Nam mit seiner Frau und seinem Sohn. Die Tür zu seinem Zimmer steht offen. Sechs Männer sitzen im Kreis, einige unterhalten sich, einer hat sich in der Ecke ausgestreckt und macht ein Nickerchen. Sie hätten alle bis vor kurzem auf einer Baustelle gearbeitet, sagt einer. Doch wenn der Zahltag kam, seien sie immer wieder vertröstet worden. "Da haben wir gemeinsam beschlossen, aufzuhören."

Weniger als 20 Euro pro Woche - im Optimalfall

Er trägt noch das blaue Arbeiterhemd mit dem Firmenaufdruck. Stolz zeigt er den Schriftzug auf dem Rücken. Sie stammen alle aus der Provinz Dong Thap im Mekong-Delta. In der Umgebung von Saigon wird viel gebaut, Gelegenheiten zum Geldverdienen gibt es viele, doch die Löhne sind niedrig. Drei bis vier hunderttausend Dong verdient ein Bauarbeiter in der Woche. Das sind weniger als zwanzig Euro – theoretisch. Denn nicht immer bezahlen die Arbeitgeber auch das, was sie versprechen. "Die Firma gibt das Geld einem Vermittler, der gibt es an den Vorarbeiter und der brennt dann damit durch", erklärt einer der Männer.

Wanderarbeiter Vietnam

Abend in der Industrieprovinz Binh Duong

Oft ist für die Arbeiter gar nicht klar, für wen sie eigentlich arbeiten. Die Firmen wickeln ihre Geschäfte mit Arbeitsvermittlern ab, die dann die Arbeiter anheuern. Weil solche Fälle in Vietnam alles andere als die Ausnahme sind, häuften sich in den letzten Jahren Meldungen über Streiks. Anders als zum Beispiel im Nachbarland China sind in Vietnam Streiks erlaubt – allerdings nur unter strengen Bedingungen. Sie müssen von einer offiziellen Gewerkschaft angemeldet werden, und diese muss vorher alle Möglichkeiten ausgeschöpft haben. Die meisten Streiks allerdings waren spontan und damit illegal. Bis vor zwei oder drei Jahren ging die Regierung manchmal großzügig damit um – sogar dass sich Arbeiter außerhalb der kommunistischen Gewerkschaften organisierten, duldete sie.

Den Ärger hinunterschlucken

Diese Zeiten sind allerdings vorbei. In den letzten Jahren wurden zahlreiche Aktivisten verhaftet und zu hohen Strafen verurteilt. Und auch die Meldungen von Streiks dringen immer seltener aus dem Land. Vietnams Regierung fürchtet die Macht der Massen, und die Arbeiter fürchten in der Wirtschaftskrise immer öfter um ihren Job. Für die meisten bleibt nur eins: den Ärger hinunterschlucken und sich irgendwie durchschlagen. Ein Drittel seiner Aufträge, schätzt Nam, bleibt unbezahlt. Trotzdem – eine Alternative gibt es nicht. Sein Dorf würde er auch heute wieder verlassen. "Dort war ich sehr arm. Hier ist es besser. Hier kann ich zumindest Arbeit finden." Und hoffen, dass der nächste Arbeitgeber pünktlich zahlt.

Autor: Mathias Bölinger
Redaktion: Daniel Scheschkewitz