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Kultur

Hoffen auf das Wintermärchen

Handball ist der Deutschen zweitliebster Sport. Bei der Weltmeisterschaft soll nun alles so werden wie bei der Fußball-WM im letzten Jahr - nur ein bisschen kleiner.

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Am 19.1. ist Anwurf zur Handball-WM in Deutschland

Deutschland Handball Trainer Heiner Brand

Heiner "Antje" Brand

Bundestrainer Heiner Brand ist so etwas wie der Franz Beckenbauer des Handballs: Gesicht und Sprachrohr seines Sports, aber doch ganz anders als der Fußballkaiser. Brand denkt nach, bevor er redet. Er gilt als stoisch und unglamourös. Statt getönter Brille trägt der 54-Jährige unbeirrt den gewaltigen Schnurrbart, der ihm einst den Spitznamen "Antje" einbrachte - nach dem Walross, das dem Norddeutschen Rundfunk als Maskottchen dient. Ihn nerven Vergleiche mit Fußball. "Fußball ist ein Volkssport, da versteht jeder das Spiel. Das ist beim Handball nicht so", sagt Brand. Trotzdem kann auch er nicht anders: Auch Brand bezieht sich auf das Sommermärchen 2006, die Fußball-WM, wenn er von der Handball-WM spricht, die vom 19. Januar bis zum 4. Februar in Deutschlandt stattfindet. "Wir hoffen auf ein Wintermärchen", sagt Brand.

Der Orkan in der Halle

Die deutschen Handballer sind Europameister, Slowenien

Die Europameister 2004

Fußball kann langweilig und langsam sein. Handball nicht. Das Spiel ist schneller, härter, oft auch spannender. Viele Tore, ständig wechselnde Führungen, Entscheidungen in den letzten Sekunden. Und Handball ist lauter, viel lauter. Es ist ein Orkan, wenn eine ganze Halle eine Mannschaft nach vorn schreit, nach vorn trommelt. Bei der WM werden bis zu 20.000 Zuschauer in den Hallen sein.

Ein globaler Massensport ist Handball nicht: In Europa, Nordafrika, Südkorea, Japan und Südamerika wird gespielt, anderswo ist der Sport fast unbekannt, obwohl olympische Disziplin. Das Herz schlägt in Europa - mit erstaunlicher Verteilung: In Spanien, Frankreich ist Handball populär, nicht aber in Italien. Skandinavische Länder sind traditionell Handballgroßmächte, in Finnland wird aber kaum gespielt. Mittel- und osteuropäische Länder können sich sämtlich für das Spiel begeistern, auf den britischen Inseln kennt Handball so gut wie niemand.

Handball, Heiner Brand

Als die Hosen kürzer waren und es zwei Deutschlands gab: Heiner Brand bei der WM 1978 im Spiel gegen die DDR

Nirgendwo kommen aber so viele Menschen zu Spielen wie in Deutschland. Es ist der Deutschen Ballsportart Nummer zwei, trotz des Nowitzki-Booms im Basketball. Die Bundesliga ist die stärkste Liga der Welt. Die meisten Weltklassespieler verdienen hier ihr Geld, gutes Geld. Mehrere Hunderttausend Euro Jahresgehalt sind für Topspieler zu verdienen. In den letzten Jahren bekam der Traditionssport in Deutschland nochmals einen Schub, vor allem durch Erfolge der Nationalmannschaft: 2004 wurde Deutschland Europameister, der erste Titel seit einem Vierteljahrhundert. Im selben Jahr erreichte die Mannschaft das olympische Finale. Danach trat eine ganze Spielergeneration ab, es blieb aber der Mann, der Deutschland wieder in der Weltspitze etablierte: Trainer Heiner Brand.

Goleo mit Hosen

Brand soll es nun richten, sportlich und an der Werbetrommel. Die Organisatoren hatten mit der WM 2006 ein Lehrstück vor Augen, wie man Massen mobilisiert, bei der Handball-WM wird nun fleißig abgekupfert: Wie Beckenbauer wurde Brand vor der WM bei einer Menge Repräsentationseinsätzen herumgereicht. Wie bei den Fußballern wurde ein begehbarer Ball durch die Republik gekarrt, um für das Turnier zu trommeln. Maskottchen Hannibal steht in seinem trotteligen Charme Goleo kaum nach, trägt aber immerhin Hosen. Es wird zwar keine Fanmeile geben, aber in einigen deutschen Städten Public Viewing, winterfest in Hallen und beheizten Zelten. Ein Filmprojekt darf auch nicht fehlen: Winfried Oelsner wird die deutsche Mannschaft mit der Kamera begleiten. Das bekannteste Werk des Dokumentarfilmers bislang: "Tsunami, Terror an der Nordsee". "Dass es die größte WM sein wird, steht schon fest - und zwar sowohl nach Anzahl der teilnehmenden Mannschaften, der WM- Spiele und von den Zuschauerzahlen her", sagt Ulrich Strombach, der Präsident des Deutschen Handballbundes. Fast alle Karten sind verkauft, der wirtschaftliche Erfolg steht fest.

Das Wunder von Kopenhagen

Sportlich plagen Brand deutlich mehr Sorgen. Für ein Wintermärchen bräuchte er ein Wunder. Gastgeber Deutschland gehört neben Spanien, Frankreich, Kroatien und Dänemark zwar zu den Favoriten, wird aber von einer fast biblischen Verletzungsplage heimgesucht. Sechs Stammspieler sind verletzt oder angeschlagen - die komplette Startformation. Gerissene Sehnen, Mittelhandfraktur, Brüche im Gesicht: Handballer dürfen nicht wehleidig sein. Brand weiß das, er galt selbst einmal als bester Abwehrspieler der Welt. In den 1970er Jahren, dem goldenen Jahrzehnt des deutschen Handballs. Die DDR schaffte es zweimal in ein Weltmeisterschaftsfinale - und verlor beide. Die Mannschaft der Bundesrepublik machte es 1978 in Kopenhagen besser: Ein episches 20:19 als krasser Außenseiter im Endspiel gegen die Sowjetunion, Deutschland war Weltmeister - zum ersten und auch letzten Mal.

Fast 30 Jahren nach dem Wunder von Kopenhagen soll es nun wieder so weit sein. "Wenn wir das Halbfinale erreichen, dann wird uns kaum mehr einer schlagen können", sagt Florian Kehrmann, Weltklasse-Linksaußen. Nicht weil Deutschland eine Turniermannschaft wäre, sondern weil es dann erst richtig laut wird. "Dann spielen wir vor zwanzigtausend Zuschauern in Köln. Da müssen die anderen erst mal gegen ankommen."

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