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Mia san mia

Hoeneß: "FC Bayern ist eine Weltmarke"

Bayern-Präsident Uli Hoeneß gibt der DW im Rahmen der Produktion der Doku "Das Mia-San-Mia-Phänomen" Einblicke in sein Seelenleben, seine Rolle im Verein. Und räumt ein, dass er nicht mehr so frei reden kann wie früher.

Für Bayern-Präsident Uli Hoeneß hat sich in den vergangenen Tagen einiges geordnet: Nach der Entlassung Carlo Ancelottis ist mit seinem "ziemlich besten Freund" Jupp Heynckes für den Rest der Saison die - so Hoeneß - beste Lösung gefunden worden. Auch mit seinem Partner in der Vereinsführung, Karl-Heinz Rummenigge, hat er Unstimmigkeiten ausgeräumt. Im Interview mit der DW, das im Rahmen der Dokumentation "Das Mia-San-Mia-Phänomen" entstand, spricht er über Grundsätzliches: das Selbstverständnis des FCB, Machtansprüche und seinen Führungsstil.

DW: Herr Hoeneß, was sagen Sie dazu, wenn man Sie als die Seele des FC Bayern bezeichnet?

Uli Hoeneß: Das freut mich wahnsinnig, aber Sie können natürlich nicht erwarten, dass ich das beurteilen möchte. Das sollen andere tun. Wenn Sie das so empfinden, ist das schön. Und ich hoffe, dass ich mit meiner Art, hier mitzuarbeiten und mitzugestalten, dieses Attribut auch verdient habe.

Wie würden sie Ihre Rolle beim FC Bayern selbst beschreiben?

Ich habe sicherlich meinen Beitrag zum Erfolg geleistet, aber für so einen Riesenverein braucht es viele Leute. Wir haben natürlich davon profitiert, dass wir immer Leute hatten und haben, die selbst Fußball gespielt und ein großes Charisma haben. Franz Beckenbauer, Karl-Heinz Rummenigge, Paul Breitner, Gerd Müller, Sepp Maier haben mit dazu beigetragen, auch nach ihrer Karriere den Verein mit aufzubauen. Als Manager, Vorstand und Präsident habe ich alle Phasen miterlebt - so ist es natürlich, dass die Leute denken, dass mein Beitrag besonders groß ist.

1979 wurden Sie Manager mit 27 Jahren. Hatten Sie damals schon eine Vision im Kopf?

Die hatte ich immer. Ich war immer der Meinung, dass der FC Bayern München von einem kleineren Verein zu einer Weltmarke zu führen ist. Dazu mussten wir viele Dinge ändern, mussten an vielen Stellschrauben drehen. Der FC Bayern hatte damals zwölf Millionen Mark Umsatz, davon waren 85 Prozent Zuschauereinnahmen. Da war kein großer Spielraum, um mit den Großen dieser Welt, damals meist Italiener und Spanier, mitzuhalten. Deshalb habe ich von Anfang an versucht, die Abhängigkeit von den Zuschauereinnahmen zu verringern. Heute machen die Zuschauereinnahmen noch vielleicht zehn Prozent von 630 Millionen Euro Umsatz aus.

Vorstandschef Rummenigge (l.) und Präsident Hoeneß mit Trophäensammlung 2013. Foto: dpa-pa

Die Macher: Vorstandschef Rummenigge (l.) und Präsident Hoeneß nach dem Triple 2013

Ich habe mich von Anfang an bemüht, die wirtschaftliche Unabhängigkeit des Vereins zu forcieren. Ich bin in die USA geflogen, habe mir die NFL und die NBA angeschaut. Ich bin nach Manchester geflogen, weil man dort damals ein besonders gutes Merchandising hatte. Sportlich war es okay, was wir gemacht haben, aber wirtschaftlich haben wir in einer ganz anderen Liga gespielt als viele international operierende Klubs. Da mussten wir hin, und das haben wir aus eigener Kraft, ohne Mäzen oder Geldgeber geschafft.

Heute haben wir haben drei Shareholder mit je 8,3 Prozent, aber ansonsten ist beim FC Bayern kein fremdes Geld im Klub. Wir sind besonders stolz darauf, dass den Mitgliedern 75,1 Prozent gehören. So sind wir Herr unserer Entscheidungen, und es passiert hier im Verein nichts ohne die Führung des Klubs.

"Fetzen sind geflogen"

Sie haben mal gesagt, dass Sie sich im Zweifel immer für die menschliche Perspektive entscheiden, wenn es hart auf hart geht. Gibt es eine bestimmte Philosophie hinter Ihrem Führungsstil?

Es gibt kein Handbuch, nach dem ich arbeite. Ich war auch auf keiner Universität, um das zu lernen, sondern ich habe von Anfang an nach dem Motto gearbeitet 'Learning by doing'. Ich habe nie den zweiten Schritt vor dem ersten gemacht. Ich habe immer versucht, diesen Verein langsam, aber sicher aufzubauen. Am Anfang habe ich natürlich auch mit den Ellbogen gearbeitet. Ich wollte diesen Verein als Manager nach oben bringen. Auf dem Weg dorthin sind schon die Fetzen geflogen, gar keine Frage. Vor allem, wenn jemand versucht hat, den Verein zu beleidigen, zu beschämen, konnte es schon mal krachen.

Je weiter der FC Bayern - aber auch ich privat - wirtschaftlich unabhängig wurde, desto mehr habe ich mich darauf konzentriert, andere an unserem Klub teilhaben zu lassen. Ich habe immer darauf geachtet, dass der FC Bayern kein Moloch ist, dem es völlig wurscht ist, wie es in seinem Umfeld ausschaut. So hat es sich eben ergeben, dass wir viele Vereine, die heute auch in der Bundesliga spielen, unterstützt haben, als es Probleme gab - vor allem im Osten.

Fußball-Literatur Paul Breitner und Uli Hoeneß mit Buch (imago/Fred Joch)

Die Anfänge: Breitner und Hoeneß

Der FC Bayern war fast immer da, wenn er gerufen wurde. Das zeichnet uns heute ganz besonders aus - und ich glaube auch mich selbst. Ich habe nie nach oben gebuckelt und nach unten getreten, sondern umgekehrt. Ich habe immer versucht, den Schwachen zu helfen und die Großen zu attackieren. Das hat natürlich nicht immer jedem gefallen. Aber die Leute, die mit mir zu tun hatten, würden selten schlecht über mich reden.

Charterflieger für Kuffour

Zum Beispiel ihr ehemaliger Spieler Sammy Kuffour. Er sagt, Sie waren so etwas wie eine Vaterfigur.

Was soll ich dazu sagen? Sammy kam als 16- oder 17-jähriger Bursche aus Italien, wo er nicht so gut behandelt wurde. Er wurde intensiv von meiner Sekretärin betreut und kam damit auch in meine Obhut. Ich kann mich an eine Situation erinnern, die ich niemandem auf der Welt gönne: Ich kam nach dem Weihnachtsurlaub vom Skifahren zurück, lag Zeitung lesend auf der Couch, als meine Sekretärin anrief. Sie weinte und sagte mir, Sammy Kuffours Tochter sei in Afrika in ein Schwimmbad gefallen und gestorben. Sammy könne erst am Abend des nächsten Tages nach Ghana fliegen, weil es keinen Flug gebe.

Ich habe gleich ein Flugzeug für 80.000 Euro gechartert, damit er noch in der Nacht nach Hause konnte. Das Flugzeug haben wir so lange in Afrika stehen lassen, bis seine Frau und er in der Lage waren zurückzukommen. Das sind die Dinge, die man in keinem Handbuch nachlesen kann. Das würde ich immer wieder so machen.

"Ohne Macht geht es nicht"

Was bedeutet Ihnen Familie?

Ich habe ja nicht zuletzt in den drei Jahren, in denen ich im Gefängnis war, und dann als Freigänger gemerkt, wie wichtig es ist, eine Familie zu haben. Sie hat mir sehr geholfen, diese schwierige Zeit zu überstehen. Ich habe im Gefängnis festgestellt, wie schwierig es für all diese Männer war, die ihre Familie verloren haben. Sie haben es meist nicht geschafft, nachher wieder ein vernünftiges Leben zu führen.

Und Gerechtigkeit?

Das ist eine ganz wichtige Sache. Ich versuche jedenfalls, mich nie auf Kosten anderer zu bereichern oder jemanden zu bescheißen. Natürlich könnte man sagen: 'Er hat Steuern hinterzogen, das ist auch im weitesten Sinn Beschiss des Staates'. Das will ich jetzt mal außen vor lassen. Ich habe die Konsequenzen getragen und zugegeben, dass es ein Riesenfehler war. Gerechtigkeit ist ein ganz wichtiges Element in unserer Gesellschaft.

Hoeneß 2014 beim Prozess gegen ihn wegen Steuerhinterziehung. Foto: Reuters

Hoeneß 2014 beim Prozess gegen ihn wegen Steuerhinterziehung

Und Tradition?

Ich versuche sie hier, trotz der Schnelllebigkeit unserer Welt, zu erhalten. Ein Verein wie der FC Bayern München ist ein Global Player mit Interessen in China, Nord- und Südamerika, auf der ganzen Welt. Aber wir dürfen nicht vergessen, dass unsere Wurzeln auch in Niederbayern, in Freyung-Grafenau, in Deggendorf liegen.

Und Macht?

Dieses Wort ist in unserer Gesellschaft sehr negativ befrachtet. Ich sehe das nicht so. Wenn man Macht vernünftig einsetzt, ist das eine gute Sache, da man ohne Macht die Dinge nicht entscheiden, nicht verändern kann. Ohne eine gut eingesetzte und menschliche Macht geht es nicht. Nicht in der Gesellschaft, nicht in der Politik, aber auch nicht in einem Fußballverein.

Aus eigener Kraft hochgearbeitet

Wie würden Sie das "Mia-San-Mia-Phänomen" beim FC Bayern erklären?

Um das Phänomen kennenzulernen, muss man die bayerische Kultur, die Menschen, die Landschaft kennen. Wenn Sie am Tegernsee sitzen und runter auf den See schauen können, wenn Sie in einem Biergarten sind, wo die Leute nicht sagen: 'Nee, der Platz ist nicht frei', sondern 'Komm, wir rutschen zusammen' und Sie dann mit wildfremden Menschen zusammen ein Bier trinken und einen wunderbaren Abend verbringen. Wenn ich am Sonntag einen Handwerker brauche - das gilt nicht nur für Uli Hoeneß, sondern für alle, die in diesem Dorf wohnen - dann kommt auch am Sonntag ein Elektriker.

Diese Hilfsbereitschaft auf der einen Seite, auf der anderen aber auch das Granteln, das Sich-selbst-oft-in-Frage-stellen, ist eine ganz wichtige Geschichte. Diese Unzufriedenheit, aber gleichzeitig zu akzeptieren, dass wir hier das Glück haben, in diesem Land, in Bayern, geboren zu werden. Sie könnten vielleicht ja auch in Aleppo aufwachsen. Wenn Sie das mal erlebt haben, werden sie nie mehr das Gefühl haben, dass es uns schlecht geht.

Woher kommt eigentlich dieses Mia San Mia?

Ich glaube, das ist auch aus der relativ selbstbewussten Politik entstanden, die Franz-Josef Strauß und Edmund Stoiber [ehemalige bayerische Ministerpräsidenten, Anm. der Red.] hier vorgelebt haben. Sie haben aus einem kleinen Bauernstaat, der wirtschaftlich nicht sehr gesund war, eine hochmoderne politische Landschaft gemacht. Sie haben mit einer guten Mixtur aus Lederhose und Technik ein Land hingestellt, das heute das wohlhabendste in ganz Deutschland ist und mit seinem Geld auch viele Bundesländer im Länderfinanzausgleich unterstützt.

Uli Hoeneß am Bayern-Teamsitz an der Säbener Straße in München. Foto: dpa-pa

Zu Hause beim FC Bayern an der Säbener Straße - und das seit Jahrzehnten

Und so ähnlich hat sich auch der FC Bayern entwickelt. Der ist bei der Gründung der Bundesliga in den 1960er-Jahren gar nicht dabei gewesen, musste erst den Aufstieg aus der Regionalliga Süd schaffen und ist dann als Nachzügler zunächst nur der zweitbeliebteste Verein in der Stadt nach 1860 München gewesen. Man hat sich aus eigener Kraft hochgearbeitet. Mit diesem Selbstverständnis 'Wir schaffen das, wir sind ehrgeizig, wir sind fleißig' hat man die Ärmel hochgekrempelt und aus einem Fußballverein eine Heimat für 280.000 Mitglieder gemacht.

"Für viele Heimat oder Familienersatz"

Der FC Bayern polarisiert stark. Große Liebe oder krasse Ablehnung. Ein Zwischending gibt es selten. Wie erklären sie sich das?

Ich sehe das nicht mehr ganz so extrem. Ich habe in den letzten drei bis vier Jahren Dinge erlebt, die ich nie für möglich gehalten hätte. Ich habe zum Beispiel in Landsberg [im Gefängnis, Anm. der Red.] etwa 5000 Briefe bekommen, darunter unglaublich viele von Fans anderer Vereine, die schrieben: 'Ich mag den FC Bayern aus verschiedenen Gründen nicht, aber ich wünsche Ihnen alles Gute'. Es hat sich total verändert. Das erleben wir auch, wenn wir heute auswärts spielen. Früher konnte es schon mal passieren, dass bei Werder Bremen 35.000 riefen: 'Hoeneß, du Arschloch'. Das ist heute nicht mehr der Fall. Zuletzt im Januar konnte ich dort das Spiel kaum verfolgen, weil ich so viele Selfies machen musste.

Udo Lattek Europapokal 1974 (picture-alliance/dpa)

Weichenstellung für die Zukunft: Europapokalsieger 1974

Ich glaube, das liegt daran, dass die Leute respektieren, dass wir ohne fremde Hilfe, ohne Lottogewinn oder eine reiche Erbtante aus Amerika aus einem kleinen Verein mit 8000 Mitgliedern mit unserer Hände Arbeit einen Weltverein gemacht haben. Wir haben auch bewiesen, dass wir uns unserer sozialen Verantwortung anderen Vereinen gegenüber sehr wohl bewusst sind, dass wir über den Tellerrand hinausschauen. Der FC Bayern hat in der Flüchtlingskrise eine Million Euro zur Verfügung gestellt, Karl-Heinz Rummenigge hat bei der Überschwemmung in Niederbayern kurzfristig mit 100.000 Euro geholfen. Das heißt, wir betrachten den FC Bayern längst nicht mehr als einen Fußballverein, sondern als eine soziale Veranstaltung, die für viele Menschen Heimat oder Familienersatz bedeutet. 

Wie sehen Sie rückblickend den streitbaren Uli Hoeneß, der sich gerne auch mal vor seine Mitarbeiter, vor seinen Verein gestellt hat?

Ich finde es schade, dass ich das jetzt nicht mehr ganz so machen kann, weil es nach meinen Steuerproblemen schwieriger geworden, offen die Meinung zu sagen. Ich glaube, die Popularität, die Streitbarkeit, aber auch die Ablehnung mir gegenüber hat auch damit zu tun, dass ich nie gekuscht habe, nie mit meiner Meinung hinterm Berg hielt. Jetzt bin ich in einem Dilemma: Einerseits würde ich das gerne weiter machen, aber auf der anderen Seite kann ich mich bei meiner Vergangenheit der letzten Jahre nicht hinstellen und den Besserwisser geben. Da hat mein Leben leider einen Knacks bekommen, den ich auf absehbare Zeit auch nicht loswerde. Ich finde das schade, denn gerade jetzt, wo die Welt aus den Fugen gerät, bräuchte es mehr Leute, die ohne Rücksicht auf die eigene Person den Finger in die Wunde zu legen.

Uli Hoeneß, Jahrgang 1952, kam als 18-Jähriger zum FC Bayern. Als Profi gewann er dreimal den Europapokal der Landesmeister (1974, 75 und 76), wurde dreimal deutscher Meister (1972, 73 und 74), holte den DFB-Pokal 1971 und den Weltpokal 1976. Mit der Nationalmannschaft wurde er 1972 Europameister und 1974 Weltmeister. Mit 27 Jahren wurde er Manager beim FC Bayern, nachdem er seine Spielerkarriere wegen einer Knieverletzung beenden musste. 2009 wählten ihn die Mitglieder zum Vereinspräsidenten. Während seiner Funktionärstätigkeit gewann der FC Bayern zweimal die Champions League (2001 und 2013), den UEFA-Pokal (1996) sowie 19 deutsche Meisterschaften und elfmal den DFB-Pokal. 2014 wurde er wegen Steuerhinterziehung zu einer Gefängnisstrafe von drei Jahren und sechs Monaten verurteilt, die er im Juni 2014 antrat. Ende Februar 2016 wurde er auf Bewährung entlassen. Im November desselben Jahres wurde er wieder zum Präsidenten des FC Bayern gewählt.

Das Interview führte Niels Eixler.

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