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Alltagsdeutsch – Podcast

Hochzeitsbräuche

Jedes Land hat seine Sitten und Gebräuche. Viele davon sind Jahrzehnte, vielleicht sogar Jahrhunderte alt. So auch allerlei Verhaltensweisen, die sich um Hochzeit und Heiraten ranken.

Sprecherin:

Viele moderne Eheleute möchten mit traditionellen Umgangsformen und Bräuchen nichts mehr zu tun haben. Sie fahren und fliegen zum Heiraten in andere Länder und feiern alleine, ohne Familie oder gerade einmal mit den besten Freunden, weit weg von ihrer Heimat Deutschland und meist nur standesamtlich. Aber trotzdem haben sich auch in der Zeit der modernen Hochzeiten von heute einige Hochzeitsbräuche aus alten Zeiten gehalten. Alexandra und Thomas zum Beispiel sind gläubige Katholiken und haben nicht nur standesamtlich, sondern auch kirchlich geheiratet.

Alexandra:

"Früher war es gang und gäbe, dass die Eltern der Braut die Kosten für die Hochzeit übernommen haben. Heute ist das anders, meistens teilen sich die Eltern das. Je nachdem, wie alt man ist, bezahlen die Eltern gar nichts mehr, und das Paar muss dafür aufkommen. Bei meinen Eltern war das anders. Wir haben halbe-halbe gemacht. Und mit den Fünf-Mark-Stücken haben wir dann die Brautschuhe gekauft, also, das ist vielleicht noch so übrig geblieben. Früher waren es wahrscheinlich keine Fünf-Mark-Stücke, sondern Pfennige, die gesammelt wurden. Also, sie hat so eine Schatulle gehabt und die Fünf-Mark-Stücke gesammelt. Das war natürlich prima, weil ich dann nicht so tief in die Tasche greifen musste, diese Kosten waren dann schon mal gedeckt."

Sprecher:

Alexandra sagt, es war gang und gäbe, dass die Brauteltern die Hochzeitskosten übernahmen. Damit meint sie, es war üblich, geläufig. Diese stabreimende Zwillingsformel ist zusammengesetzt aus "gang" - althochdeutsch "gangi", gemeint ist eigentlich: was unter den Leuten umläuft - und "gänge", mittelhochdeutsch: "gäbe" = angenehm, eigentlich: was gegeben werden kann. Ursprünglich war "gang und gäbe" ein Begriff des Münzwesens und bezeichnete die augenblicklich im Umlauf befindliche, gültige Währung. So hieß es schon im 13. Jahrhundert im "Sachsenspiegel" des Eike Repkow "geng und gêve". Später findet die Bezeichnung auch in der Geschäftssprache zur Bezeichnung von Waren Verwendung. Heute gibt es diese Formel in allen Bereichen des täglichen Lebens für alles, was Sitte und Brauch ist oder von der momentanen Mode bestimmt wird. Die junge Ehefrau freut sich, dass sie nicht so "tief in die Tasche greifen" muss. Dies bedeutet, dass sie nicht so viel Geld für die Brautschuhe ausgeben musste.

Sprecherin:

Ursprünglich war der Brauch der Brautschuhe der, dass die Braut selber über lange Jahre schon vor der Hochzeit Pfennige sammeln sollte, um damit ihre Brautschuhe zu kaufen. Dieter Lamsfuß ist Standesbeamter. Er hat in seinem langjährigen Berufsleben schon viele Menschen getraut und kennt sich mit Hochzeitsbräuchen bestens aus.

Dieter Lamsfuß:

"Also, ein gängiger Brauch ist es, dass ein Holzbock mit einem Holzstamm vor die Tür gestellt wird, damit die Brautleute, die dann aus dem Raum kommen, müssen dieses Hindernis gemeinsam meistern. Und das bedeutet in diesem Falle mit einer Säge, jeder auf einer Seite, so eine große Bügelsäge ziehen und gemeinsam dieses Stück Holz durchsägen. Damit ist die erste Klippe für die gemeinsame Zukunft natürlich schon überwunden."

Sprecher:

Mit einem Holzbock meint Dieter Lamsfuß ein Gestell aus Holz, das den Holzstamm hält, damit er zersägt werden kann. Wenn die Brautleute den Stamm zersägt haben, sei die erste Klippe überwunden, erklärt Dieter Lamsfuß. Eine Klippe oder eher eine Hürde nehmen heißt, eine schwierige Angelegenheit bewältigen, einen gewagten Sprung tun - im bildlichen, wie im übertragenen Sinne, ähnlich wie das Pferd, das beim Pferderennen ein Hindernis überspringt. Und genau dieses Hindernis mussten Alexandra und Thomas, ihr jetziger Mann, vor kurzem bei ihrer Hochzeit überwinden.

Alexandra:

"Als wir raus kamen aus der Kirche, gab es eine Überraschung. Da haben die Freunde aus Girlanden einen Riesenreigen gemacht, und wir mussten unter einem Bogen, den sie gehalten haben, aus Blüten, eigentlich sind wir unten drunter hergelaufen. Und dann gab's einen Riesenbaumstamm und eine rostige Säge. Und dann haben wir aber genauer hingeguckt und fühlten uns leicht veräppelt, weil es nämlich eine rostige Säge war. Und mit einer rostigen Säge so 'nen dicken Baumstamm zu durchsägen, ist schon 'ne schwierige Geburt. Aber wir haben es geschafft, es ist alles glatt gegangen."

Sprecherin:

Die junge Mutter Alexandra erzählt, dass sie sich erst leicht veräppelt fühlten, also nicht ernst genommen wurden. Das Sägen sei eine schwierige Geburt, soll heißen, ein schwieriges Unternehmen, das schließlich doch noch zu Ende gebracht werden konnte. In dieser Redensart werden Begleitumstände der natürlichen Geburt in übertragenem Sinn erwähnt. "Es ist alles glatt gegangen" heißt, die beiden Brautleute haben es geschafft, den Stamm zu zersägen. Aber das war nicht das einzige Hindernis, das Alexandra an ihrem Hochzeitstag überwinden musste.

Alexandra:

"Mir wurden die Augen verbunden, und dann setzten sich mehrere Herren nebeneinander auf die Stühle, zogen ihre Hosen hoch bis Kniehöhe, und dann musste ich mit verbundenen Augen die Waden meines Mannes ertasten. Ich hab' wie durch ein Wunder die Waden meines Mannes tatsächlich identifizieren können – unter dem großen Applaus und der johlenden Menge. Da hab' ich wirklich Schwein gehabt. Diese Prüfung habe ich also bestanden."

Sprecher:

Nachdem Alexandra die Waden des Gatten endlich identifiziert hat, sagt sie erleichtert: "Da habe ich Schwein gehabt". Dies bedeutet: Glück haben. Die Wendung hat verschiedene Deutungen erfahren. Eine steht zum Beispiel im Zusammenhang mit dem Kartenspiel, in dem früher das As auch "Sau" genannt wurde. Im 16. Jahrhundert eifert Abraham à Sancta Clara in einer seiner Predigten: "So sind in den Karten vier Säu, und weil die Säu mehr gelten als der König, so ist das ja ein säuisch Spiel." Die Redensart würde demnach bedeuten, die höchste Karte im Spiel haben, heißt gewinnen und wurde dann verallgemeinert zu: Glück haben.

Sprecherin:

Auch Angelika und Ralf haben Glück gehabt, denn ihr Hochzeitstag ist gleichzeitig der Geburtstag ihrer Tochter geworden, die zwei Wochen zu früh auf die Welt kam. Die beiden haben nicht in der Kirche geheiratet, und bis sie sich überhaupt zur Ehe mit standesamtlicher Trauung entschieden haben, hat es neun Monate gedauert.

Angelika:

"Für uns war das so, dass wir nicht heiraten wollten, wir fanden das mit der wilden Ehe ganz toll. Trotzdem, als ich dann den dicken Bauch bekommen hab' und wir ein kleines Kind erwarteten, kam dann so von dem einen, mal von dem anderen der Gedanke, ob man nicht doch heiraten sollte. Und das zog sich dann die neun Monate so hin. Und es gab nur einen ganz kurzen Moment, wo wir beide gleichzeitig uns überlegt hatten: och, heiraten wir doch. Wir sind zum Standesamt gegangen, eine Woche später waren wir verheiratet, und am gleichen Tag kam dann auch das Kind."

Sprecherin:

Angelika spricht von der wilden Ehe und meint damit die Jahre des Zusammenlebens mit Ralf, bevor sie geheiratet haben. Heute wird diese Form der Umgangssprache immer weniger benutzt, da in Deutschland immer mehr Paare in einer Gemeinschaft zusammen leben, ohne verheiratet zu sein. Aber heiraten bedeutet für die beiden, im Gegensatz zu Alexandra und Thomas, eher eine vertraglich festgehaltene Sicherheit für sie beide und das Kind.

Angelika:

"Wir haben das mit dem Heiraten nie durch die rosarote Brille gesehen. Das war immer so, wir haben Heiraten nicht als den siebten Himmel angesehen, sondern als, ja, einen Vertrag, den man schließt, und ob man den schließt oder nicht, das kann man sich dann zweimal überlegen."

Sprecher:

Angelika erklärt, sie habe das Heiraten nie durch die rosarote Brille gesehen. "Etwas durch die Brille ansehen" bedeutet, eine Sache nach fremder Eingebung, mit einem Vorurteil betrachten; bei der "rosa Brille" zum Beispiel mit günstigem Vorurteil. Weiterhin spricht die junge Frau vom siebenten Himmel. Der oberste, siebente Himmel war als Sitz Gottes gedacht, im siebenten Himmel sein ist daher gleichbedeutend mit: in höchster Wonne schweben. Nach der Trauung bleibt Angelika und Ralf gar keine Zeit für Hochzeitsfeier und -bräuche, denn drei Stunden nachdem sie verheiratet sind, kommt auch schon ihre Tochter Nora auf die Welt.

Angelika:

"Ja, bei anderen ist das ja so, dass nach der Hochzeit gefeiert wird, und bei denen hängt dann der Himmel voller Geigen, und die haben große Pläne, was sie denn so machen sollen und so. Bei uns war das dann so, kurz nachdem wir geheiratet hatten, war es dann so, dass das alles etwas schneller ging, weil wir unseren Nachwuchs dann bekamen."

Sprecher:

Angelika weiß, dass es normalerweise so Brauch ist, nach der Hochzeit zu feiern und eine Hochzeitsreise anzutreten. Bei anderen Brautpaaren hängt dann der Himmel voller Geigen, sie haben große Pläne, wo die Reise hingeht. Belege für die Redensart "ein Himmel voller Geigen" finden sich vor allem in der Barockdichtung. Bei Abraham à Sancta Clara heißt es zum Beispiel: "Wann der Himmel, wie man sagt, voller Geigen hänget ..." Mit der biblischen Erzählung von der Verkündung an den Hirten auf dem Felde verbindet Caspar von Lohenstein die Wendung: "Der Himmel tut sich auf und hänget voller Geigen, die Cherubinen mühen sich die Geburt zu zeigen." Für die beiden jungen Eltern hängt der Himmel trotzdem voller Geigen, denn sie freuen sich über ein gesundes Kind, und die Feier haben sie nachgeholt.

Sprecherin:

Angelika und Ralf haben auch auf Eheringe verzichtet. Dies ist allerdings bei Brautleuten selten der Fall, denn der Ehering ist der wohl weitverbreitetste Hochzeitsbrauch. Schon der römische Erzähler Plinius berichtet von Ringen, die als Treueversprechen angelegt wurden. Allerdings gab es damals noch keine Goldringe. Die römischen Christen führten etwa 200 nach Christi den eisernen Brautring mit der gleichen Intention als Treuesymbol ein. Dieses Treueversprechen aber war lange Zeit erst einmal einseitig, weiß Dieter Lamsfuß:

Dieter Lamsfuß:

"Das Treueversprechen gibt die Braut ab. Der Mann steckte also der Braut diesen Ring über, und erst im Mittelalter musste sich auch der Bräutigam mit einem Ring zu dem Versprechen hinreißen lassen und auch seine Treue und seine Liebe auf die Ewigkeit hin versprechen. Wer es glaubt, wird selig, da muss man immer abwarten, ob die Treue sowohl beim Mann als auch bei der Frau sich wirklich auf Dauer durchsetzt."

Sprecher:

Dieter Lamsfuß müsste ja eigentlich als Standesbeamter davon ausgehen, dass Ehen für immer geschlossen werden und sich beide Partner ein Leben lang treu sind. Aber er hat natürlich im Laufe der Jahre und mit zunehmender Berufserfahrung gesehen, dass nicht alle Ehen ein Leben lang dauern und dass sich auch Menschen, die sich die Treue für das ganze Leben geschworen haben, manchmal wieder scheiden lassen. Er sagt: "Wer es glaubt, wird selig." Diese Redensart wird oft mit dem Zusatz versehen: "... und wer's nicht glaubt, kommt auch in den Himmel"; dies bedeutet, etwas ist unglaublich. Der Standesbeamte will damit sagen, dass er nicht unbedingt daran glaubt, dass die Treue für immer bei allen währt. Obwohl er schon sehr viele Menschen getraut hat, kann sich Dieter Lamsfuß an eine Trauung noch besonders gut erinnern.

Dieter Lamsfuß:

"Den Vogel abgeschossen hat eine Eheschließung, da war ein Teamchef der deutschen Fußballnationalmannschaft hier, hat bei mir geheiratet, weil er mit einem Pullmann-Mercedes 600 aus dem Mercedes-Museum vorgefahren ist und dann zu unserem Gourmetrestaurant von Dieter Müller gefahren ist. Das war also eine Aufruhr in der Stadt, das haben wir schon lange nicht mehr erlebt. Und das Ganze natürlich mit Glanz und Gloria, wie Sie sich das gut vorstellen können. Presse, Rundfunk, Fernsehen hat auf dem Rathausplatz gestanden und alles in Bild und Ton festgehalten."

Sprecherin:

Lamsfuß behauptet, der Fußball-Teamchef habe bei seiner Hochzeit den Vogel abgeschossen. Diese Wendung bedeutet eigentlich, die beste Leistung erzielt zu haben. Sie wird vom volkstümlichen Brauch des Vogelschießens hergeleitet, wo derjenige Schützenkönig wird, der den Vogel herunterschießt. Er sagt, die Hochzeit habe mit Glanz und Gloria stattgefunden. Lamsfuß meint damit, die Hochzeit war ausgezeichnet. Die Begriffe "Glanz" und "Gloria" wurden ursprünglich auf die Lichtfülle bei der Erscheinung des Herrn, der Mutter Gottes und der Heiligen bezogen und im Zusammenhang damit auch auf die Prachtentfaltung der geistlichen und weltlichen Würdenträger früherer Zeit.

Sprecher:

Ein weiterer Brauch ist die Brautentführung, die Dieter Lamsfuß bei seiner eigenen Hochzeit allerdings etwas verändert hat. Er sagt, das mit der Zeche sei ins Auge gegangen. Er musste die Zeche nämlich selber zahlen, da seine Frau ihn nicht ausgelöst hat. Das hätte ins Auge gehen können bedeutet: Das hätte eine schlimme Wendung nehmen können. Die um 1900 aufkommende Redensart kennt die hochgradige Empfindlichkeit des Auges und fasst alles, was nicht das Auge verletzt, für weniger schlimm auf. Nicht nur, dass Dieter Lamsfuß die Zeche zahlen musste, er hatte durch den erhöhten Alkoholkonsum während der Entführung starke Kopfschmerzen bekommen und nahm statt der Hochzeitstorte Aspirin und Zwieback zu sich.

Dieter Lamsfuß:

"Üblicherweise wird ja die Braut entführt, aber in diesem Fall hatten sich Freunde und Verwandte vorgenommen, den Bräutigam zu entführen. Und Brauch ist es ja dann, dass derjenige, der entführt worden ist, von demjenigen, der dann auf den anderen wartet, gesucht wird. Und wenn der dann gefunden wird, der muss dann die Zeche zahlen. Ich verrate Ihnen jetzt ein großes Geheimnis, ich habe noch niemals darüber gesprochen. Aber meine Frau hat mich nicht gesucht. Also, für die Zeche ist es natürlich leider ins Auge gegangen, aber gefunden hat sie mich dann doch am späten Vormittag."

Fragen zum Text:

Ein Hochzeitsbrauch ist, dass die Eheleute mit einer Säge …

1. einen Zaun zersägen.

2. einen Holzstamm zersägen.

3. eine Tür zersägen.

Wenn man sich veräppelt fühlt, dann …

1. werden ihm/ihr Äpfel gestohlen.

2. macht er/sie sich über andere lustig.

3. fühlt er/sie sich nicht ernst genommen.

Wenn jemand etwas durch eine rosarote Brille sieht, dann …

1. kann er/sie ein Problem nicht lösen.

2. hat er/sie Probleme mit den Augen.

3. betrachtet er/sie etwas mit einem günstigen Vorurteil.

Arbeitsauftrag:

Hochzeitsbräuche gibt es viele und sie sind in jedem Land verschieden. Was für Hochzeitsbräuche gibt es in Ihrem Land? Gibt es einen, der Ihnen am besten gefällt? Erzählen Sie Ihren anderen Kursteilnehmern über Hochzeitsbräuche in Ihrem Land und begründen Sie, was Ihnen an einem Brauch besonders gefällt.

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