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Deutschland

Hochwasserwelle ist schneller als gedacht

Die Hochwasserlage in Polen und Ostdeutschland wird immer angespannter. Die Pegel in Brandenburg steigen schneller als erwartet. Hier wurde inzwischen Alarmstufe vier ausgerufen. In Polen drohen Seuchen.

"Es kommt schneller, und es kommt mehr", sagte ein Sprecher des Umweltministeriums über die Wassermengen der Oder am Mittwoch (26.05.2010). Bislang seien die Behörden von einer flachen, lang anhaltenden Flut ausgegangen. Nun werde sie höher, schneller und möglicherweise kürzer ausfallen.

Matthias Freude, Präsident des Landesumweltamtes Brandenburg, steht vor einer mobilen Hochwasserschutzwand (Foto: AP)

Die Hochwasserschutzwand soll den Fluten trotzen

Für den Nachmittag waren Treffen zwischen Verantwortlichen aus dem Umwelt- und Innenministerium und Bundeswehr-Vertretern angesetzt. Sorgen bereiten den Behörden alte Deiche in der Neuzeller Niederung sowie eine Deich-Baustelle in Brieskow-Finkenheerd bei Frankfurt/Oder. Die beiden jeweils rund fünf Kilometer langen Deichabschnitte könnten undicht werden, sollte das Wasser dort mehr als zehn Tage auf Höchststand verharren. Die Katastrophenschützer wollen diese Stellen deshalb mit Sandsäcken verstärken.

Alarmstufe vier in Ratzdorf

Der Brandenburger Katastrophenstab schätzt zudem die Lage in Ratzdorf im Landkreis Oder-Spree als besonders kritisch ein. Dort erreichte der Pegelstand am Mittwochnachmittag die kritische Marke von 5,90 Meter, der zuständige Landrat rief die Alarmstufe vier aus. Diese gilt für den gesamten Oderabschnitt zwischen dem Übertrittsort Ratzdorf bis Frankfurt an der Oder.

Bei der Alarmstufe vier inspizieren Deichläufer die Deiche Tag und Nacht auf mögliche Sickerstellen. Außerdem sind der Katastrophenstab des Landkreises und die entsprechenden Stäbe der Kommunen nunmehr rund um die Uhr im Einsatz. Derweil werden in der Innenstadt von Frankfurt/Oder Spundwände aufgebaut. Die Behörden verteilen dort auch Sandsäcke an die Bevölkerung.

Kreuz im Wasser an der Oder (Foto: AP)

Die Idylle trügt: Die Oderpegel steigen stetig

Nach wie vor schätzt das Landesumweltamt die Hochwasserlage als nicht so verheerend wie 1997 ein. Zum einen soll das Wasser schneller fließen als vor 13 Jahren. Zum anderen waren in Brandenburg nach dem Jahrhunderthochwasser die Deiche fast durchweg von Grund auf saniert worden. 1997 verzeichneten Messstellen an der Oder sechs Wochen lang Pegelhöchststände. In Ratzdorf lag der Pegel damals auf dem Rekordwert von 6,90 Meter.

Der schnell ansteigende Hochwasserpegel der Oder hat den brandenburgischen Ministerpräsident Matthias Platzeck dazu veranlasst, seinen Pfingsturlaub vorzeitig abzubrechen. Platzeck versuche einen Rückflug zu buchen, der Zeitpunkt seiner Rückkehr sei noch unklar, teilte die Staatskanzlei mit.

Karte mit Überschwemmungsgebieten entlang Weichsel und Oder (Grafik: DAPD)

Die Überschwemmungsgebiete weiten sich aus

Weichsel-Scheitelpunkt erreicht Ostsee

In Polen hat der Scheitelpunkt der Weichsel inzwischen die Ostsee erreicht. Trotzdem sind weite Landstriche noch überflutet und erste Seuchenmeldungen gehen ein. So herrscht in der bei Touristen beliebten Region um Wilkow gespenstische Stille. Hier, 120 Kilometer südlich von Warschau, war der Deich durch die Weichselflut am letzten Freitag gebrochen.

Die Menschen in Wilkow kämpfen sich in Schlauchbooten vorwärts. Vielerorts lauern Gefahren: Aus dem Wasser ragen Baumspitzen oder Verkehrszeichen. An anderer Stelle liegen Kadaver von Kühen und Schweinen herum, fürchterlicher Gestank verpestet die Luft. Seuchen werden befürchtet. Die Pegelstände lägen weiterhin rund zwei Meter über der höchsten Alarmstufe-Marke, hieß es aus dem polnischen Krisenstab.

Hilfsprogramm ist angelaufen

Auch für die Oder gilt höchste Alarmbereitschaft auf polnischer Seite. Der Hochwasserscheitel bewegt sich durch den Verwaltungsbezirk Lubuskie auf die deutsche Grenze zu. Die Mündung in die Ostsee soll einer Prognose des Hydrometeorologischen Instituts in Warschau zufolge am 3. Juni erreicht sein. Zuvor fließen die Wassermassen aber entlang der deutsch-polnischen Grenze. In den Überschwemmungsgebieten von Oder und Weichsel sind bisher 16 Menschen ums Leben gekommen.

Zwei Männer im Wasser vor ihrem Haus (Foto: AP)

Die Menschen müssen aus ihren Häusern flüchten

Polens Regierung beschloss unterdessen ein Hilfsprogramm für die Flutopfer. Dafür gibt es zwei Milliarden Zloty (500 Millionen Euro). Menschen, die ihre Häuser verloren haben, können Unterstützung zwischen 20.000 und 100.000 Zloty (5000 bis 25.000 Euro) in Anspruch nehmen. Das Ausland leistet Polen weiterhin technische Hilfe: Am Dienstagabend landete in Warschau ein Transportflugzeug aus Russland mit 18 Pumpen, Rettungsbooten sowie mobilen Kraftwerken. Auch deutsche Helfer unterstützen ihre polnischen Kollegen.

Autorin: Marion Linnenbrink (afp, apn, dpa)
Redaktion: Annamaria Sigrist/Reinhard Kleber

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