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Kultur

"Hochkomprimiert lesbar"

Wir haben mit dem Journalisten und Buchautor Dr. Michael Funken über die Bedeutung von Habermas für die Sozialwissenschaften gesprochen und wie es kommt, dass der Philosoph eine solche Breitenwirkung erreicht hat.

Michael Funken

Schreibt Bücher über Habermas: Michael Funken

DW-WORLD.DE: Philosophen schaffen es nur selten, einer breiten Öffentlichkeit bekannt zu werden. Jürgen Habermas aber ist weit über seine philosophischen Fachwerke hinaus bekannt. Wie kommt das?

Funken: Habermas hat ein Massenmedium benutzt, er schrieb und schreibt in der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung" und in "Die Zeit". Er hat nach seinem Studium zunächst ja auch journalistisch gearbeitet, d.h. er kennt die Gesetzmäßigkeiten, er kann griffige Formulierungen prägen, so etwas wie "Neue Unübersichtlichkeit", "Kolonialisierung der Lebenswelt", "Nachmetaphysisches Denken". Das ist eingängig und bleibt hängen. Außerdem hat er hat ja eine unglaublich breite Themenvielfalt. Viele aus seiner Generation haben nur eine Botschaft, die sie predigen und predigen. Er kann zu vielem etwas sagen. Und er hat auch wirklich etwas zu sagen. Und das führt eben dazu, dass man an diesem Mann bis heute nicht vorbei kommt.

Philosophen stehen eigentlich in dem Ruf, schwer lesbare Bücher und Aufsätze zu schreiben. Schreibt Habermas für ein größeres Publikum und deshalb "einfacher"?

Er tut beides. Viele haben ihn ja kritisiert, er könne gar nicht schreiben. Die haben vermutlich "Die Theorie des kommunikativen Handelns" gelesen und dann wahrscheinlich nach Seite 50 beiseite gelegt, weil sie nichts verstanden haben. Das kann einem gut passieren, weil das Buch extrem akademisch ist, hochkomprimiert, es hagelt nur so Zitate. Da muss man sich wirklich durcharbeiten. Aber er kann auch ganz anders. Er kann Zeitungsessays schreiben, die vor Witz und Esprit strotzen, die eben leicht lesbar sind und er kann auch sehr bildhaft schreiben. Er hat mal für seinen Freund, den Filmemacher Alexander Kluge etwas geschrieben und hat dort eine enorme Bildsprache an den Tag gelegt, so dass ich dachte: Mein Gott, das kann er ja auch.

Habermas ist also ein öffentlich wirksamer Philosoph, einer, der es versteht, die Medien zu nutzen. Welche Bedeutung hat er denn für die Sozialwissenschaften?

Das wird glaube ich am besten klar durch den Positivismusstreit. Das ist schon 40 Jahre her. Der Streit entzündete sich hier in Deutschland an der Haltung der Kritischen Rationalisten, Karl Raimund Popper und Hans Albert. Deren Position ist eigentlich eine ganz simpel. Sie forderten, die Sozialwissenschaftler sollen die soziale Welt und ihre Gesetzmäßigkeiten so beschreiben, wie eben Physiker die physikalische Welt beschreiben, wertfrei, nachvollziehbar, beweisbar und widerlegbar.

Das heißt, alles, was nicht zu berechnen ist, hat keine wissenschaftliche Bedeutung, beziehungsweise keine Berechtigung.

Ja, und was nicht zu beschreiben ist. Und da wird auch schon in den Worten deutlich, wie das Denken ist. Popper zum Beispiel schreibt da vom "social engineering", also vom Sozialingenieur. Der soll dazu beitragen, dass die Gesellschaft verändert werden kann. Das klingt alles schön und gut. Nun kommen aber Adorno und Habermas, gerade Habermas mit einem breiten Vorwissen und nicht zu vergessen, als Angehöriger der sogenannten "Skeptischen Generation", die als Jugendliche in der Zeit des Nationalsozialismus den Verlust aller Autoritäten erlebt haben. Und die sagen: Moment mal! Der Soziologe steht doch gar nicht außerhalb der sozialen Welt, der ist doch ein Teil von ihr. Der ist ja nicht wie der Physiker. Und daraus entsteht ein ganz anderer Ansatz: wertfreie Betrachtung ist unmöglich.

Wir sind also ein Teil dessen, was wir untersuchen?

Ja und deshalb beginnt das Ganze mit Selbstreflexion, bei der es aber nicht bleiben darf. Alle Vernunft, alle Annäherung an Wahrheit entsteht durch die Kommunikation eines Kollektivs. Die gilt es zu untersuchen.

Jürgen Habermas hat viele Begriffe geprägt. Aber einer ragt heraus, nämlich der Begriff der "Postsäkularen Gesellschaft". Was verbirgt sich dahinter?

Zunächst ging Habermas ebenso wie viele andere davon aus, dass in der modernen Gesellschaft die Religion als die Instanz, die uns sagt, was moralisch gut und richtig ist, abgedankt hat, überholt ist. Das hat er mit dem Begriff der Postsäkularen Gesellschaft eingeschränkt, mit dem Blick auf die wieder wachsende Bedeutung der Religion für viele Menschen auf der ganzen Welt. Das wurde aber oft missverstanden. Er ist jetzt nicht alt und fromm geworden, sondern er sagt, die Begründung dafür, dass etwas als moralisch richtig anzuerkennen ist, die können wir nicht aus der Religion nehmen. Wir wollen Begründungen haben. Aber dass wir einen Sinn, ein Verständnis dafür bekommen, was Werte sind und wie sie entstehen, dass man einen Vorschlag auf dem Tisch hat, dieses könnte ein Wert sein, dafür brauchen wir immer noch die Religion.

Habermas ist ein öffentlich wirksamer Philosoph. Er ist jemand, der die Gesellschaft untersucht und in sie eingreift. Ist es das, was ihn als Sozialphilosoph auszeichnet?

Nein, es gibt immer schon seit Platon Philosophen, die in die Gesellschaft eingreifen. Nein, was ihn auszeichnet ist sein neuer und umfassender Ansatz. Sprache ist nach Habermas viel mehr als nur ein Verständigungsmittel. Ohne Sprache kann ich das, was ich formulieren will, gar nicht denken. Alles, Vernunft und Wahrheit ist in ihr enthalten. Viele Menschen sprechen ja von der Erfahrung: lernt man eine andere Sprache, dann lernt man eine andere Welt kennen. Es geht also um kollektive Erfahrungen und Bedeutungszusammenhänge. Habermas hat darauf hingewiesen, dass das nicht nur für die Philosophie gilt, sondern auch für die Soziologie, die Politikwissenschaften, die Juristerei, ja im Grunde für alle Wissenschaften.

Interview: Günther Birkenstock
Redaktion: Elena Singer

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