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Filme

Hochgelobt: "Toni Erdmann" kommt in die Kinos

In Cannes war die deutsche Komödie Publikumsliebling. Maren Ade ist mit "Toni Erdmann" ein kluges und einfühlsames Meisterwerk gelungen. Der beste deutsche Film seit Langem, meint Scott Roxborough.

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Kinostart: "Toni Erdmann"

Nach "Der Wald vor lauter Bäumen" (2003) und "Alle anderen" (2009), zwei Sozialdramen, die messerscharf die persönlichen Beziehungen zwischen den Figuren sezieren, nimmt sich die Regisseurin Maren Ade nun die Komödie vor. Aus dem Wiedersehen eines Vaters mit seiner Tochter, die sich von ihm entfremdet hat aber genauso unglücklich ist wie er, macht Ade ein urkomisches filmisches Meisterwerk.

Maren Ades Händchen fürs Komische schimmerte auch in ihren zwei vorherigen Filmen immer wieder durch. Doch "Toni Erdmann" geht darüber weit hinaus. Der Film changiert zwischen Pennäler-Humor (Furzkissen und alberne Kostüme inklusive), brutal realistischen Beobachtungen zu Sexismus am Arbeitsplatz und ungemein zarten Darstellungen der (Nicht-)Kommunikation zwischen Eltern und Kindern. Nach allen Regeln des Kinos dürfte dieser Film eigentlich nicht funktionieren – und er tut es doch auf grandiose Weise.

Sandra Hüller und Peter Simonischek in ToniErdmann, Foto: Festival de Cannes

Sandra Hüller und Peter Simonischek in "Toni Erdmann"

Vater-Tochter-Konflikt

Die zwei Hauptfiguren des Films könnten unterschiedlicher nicht sein. Vater Winfried (Peter Simonischek) ist ein zotteliger, chaotischer Musiklehrer, der nun auch seinen letzten Klavierschüler vergrault hat. Trotzdem hat Winfried sich seinen schrägen, manchmal pubertären Sinn für Humor bewahrt. Er liebt es, Streiche zu spielen, sich zu verkleiden und seine Kollegen oder sogar den Postboten ordentlich reinzulegen. Sein bevorzugtes Alter Ego ist der bekloppte Life-Coach Toni Erdmann, ein imaginärer Spinner mit schiefen Zähnen.

Winfrieds Tochter (Sandra Hüller) ist die durch und durch bodenständige und erfolgreiche Unternehmensberaterin Ines. Ihr Kleiderschrank besteht hauptsächlich aus Hosenanzügen. Die letzten zwölf Monate hat die taffe Business-Frau damit verbracht, einen Ölkonzern in Bukarest bei seiner Umstrukturierung zu beraten. Nach Ines' Kurzbesuch in der deutschen Heimat ist Winfried davon überzeugt, dass seine Tochter todunglücklich ist, und entschließt sich spontan und völlig überstürzt zu einem Besuch in Rumänien - als sein Alter Ego Toni Erdmann.

Vordergründig hat Winfried mit seinen Streichen nur ein Ziel: Dass seine Tochter Ines endlich etwas lockerer wird. Doch schnell wird klar: Der Vater steckt selbst in einer tiefen Lebenskrise. Seine Albernheiten sind zugleich ein Hilferuf und ein Versuch, sich mit der Brechstange wieder einen Platz im Leben seiner Tochter zu erkämpfen.

Simonischek gibt den traurigen Clown

Peter Simonischek zeigt als Winfried alias Toni seine gesamte schauspielerische Bandbreite. Der in Deutschland vor allem als TV- und Theaterschauspieler bekannte Österreicher spielt die Erdmann-Szenen mit herrlich übertriebener Komik, um im nächsten Moment direkt wieder die tiefe Traurigkeit seiner Figur mit voller Wucht zu offenbaren.

Als Inspiration für die Figur des Winfried hat Maren Ade in Interviews ihren eigenen Vater genannt, der ihr und seinen Mitmenschen ständig Streiche gespielt habe. Simonischek gelingt es, die perfekte Balance zwischen Mitleid und Fremdscham für seine Figur zu erwecken und zu zeigen, dass hinter dem Clown ein trauriger und wütender Mann steckt.

Sandra Hüller (links) und Regisseurin Maren Ade in Cannes, Foto:Getty

Sandra Hüller (links) und Regisseurin Maren Ade in Cannes

Whitney-Houston-Karaoke wird zum Seelen-Striptease

Sandra Hüller als Tochter Ines ist Simonischek absolut ebenbürtig. Seit ihrer herausragenden Leistung in Hans-Christian Schmids Film "Requiem" (2006) - Hüller spielte eine Epileptikerin, die einen Exorzismus über sich ergehen lassen muss – gilt sie als eine talentiertesten und furchtlosesten Schauspielerinnen in Deutschland.

Doch selbst die grauenhaften Exorzismus-Szenen konnten kaum eine größere Herausforderung für Hüller gewesen sein als die Schlüsselszene in "Toni Erdmann". In ihr singt sich Ines bei einer Karaoke-Nummer von Whitney Houstons "The Greatest Love of All" drei Minuten lang buchstäblich die Seele aus dem Leib: Schonungslos und ohne Rücksicht auf Schamgefühl legt sie einen emotionalen Striptease hin, der brüllend komisch und bewegend zu gleich ist.

"Toni Erdmann" ist ein Film, der sich Zeit für seine Figuren nimmt. Zwei Stunden geht der Film bis Ade in der dritten zum fulminanten Finale anzusetzt, in dem fast jede Szene ein komödiantischer Volltreffer ist. Im Vorbeigehen stellt Ade noch mühelos den Sexismus unserer heutigen Arbeitswelt bloß. In einer Szene zwingt ein Geschäftspartner Ines förmlich dazu, mit seiner Ehefrau - die er offensichtlich für eines seiner Statussymbole hält - shoppen zu gehen. In einer anderen willigt Ines in ein erniedrigendes Sex-Spiel mit ihrem Kollegen und Liebhaber Tim ein. Diese Szenen lassen Ines menschlicher erscheinen und hinter ihre Fassade aus hartem Business-Gebaren und seriösen Hosenanzügen blicken.

Der Ruf Hollywoods?

Ein Triumph ist Maren Ade mit "Toni Erdmann" jetzt schon gelungen, obwohl sie in Cannes nicht die Goldene Palme gewonnen hat. Angesichts der überschwänglichen Begeisterung an der Côte d'Azur dürfte Hollywood nicht weit sein. Es wäre wenig überraschend, wenn Ade nicht schon Angebote für ein Remake aus L.A. bekommen hätte. Doch während die Geschichte um Vater und Tochter universell ist, hat Ade ihren Film doch tief in einer typisch deutschen Gefühlswelt verankert, in der die Menschen gleichzeitig zuknöpft und doch schonungslos offen sein können. "Toni Erdman" ist der beste deutsche Film der letzten Jahre - und die lustigste Komödie seit langem, ob nun aus Deutschland oder nicht.

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