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Kultur

HIV-positiv, fromm, katholisch

Evangelische Christen haben ein Netzwerk kirchlicher AIDS-Seelsorge gegründet. Dazu gehört auch der Katholik Manfred Weber. Er kann aus eigener Erfahrung über Diskriminierung und Vorurteile in der Kirche berichten.

Katholiken demonstrieren am Weltaidstag (dpa)

Auch manche Christen engagieren sich heute gegen AIDS

Es sollte nur eine kleine Mutprobe sein. Aber die veränderte sein Leben. Manfred Weber wollte einem Freund beweisen, dass er seine Angst vor Spritzen überwinden kann und spendete vor fast zwanzig Jahren Blut. Zwei Wochen später kam das Testergebnis: HIV positiv. Der Katholik berichtet, dass damals eine Welt für ihn zusammengebrochen ist: "Das war noch die Zeit, 1989, wo sehr viele sehr schnell an AIDS gestorben sind." Dennoch hat er nicht aufgegeben, sondern ist in die Aidshilfe gegangen und hat dort Menschen kennengelernt, die seit drei, vier Jahren mit AIDS leben. "Dann habe ich gesagt: Wenn die es schaffen, schaffe ich es auch."

Blutabnahme (AP Photo/Luis Romero)

Nur durch einen Bluttest kann AIDS frühzeitig entdeckt und behandelt werden

Heute ist Manfred Weber 58 Jahre alt und dankbar für jeden Augenblick, den er lebt. Er hat eine schwere Lungenentzündung, einen Herzinfarkt und eine Krebserkrankung überstanden. Fünf Tabletten muss er täglich nach einem strengen Rhythmus einnehmen, es waren einmal 27. Manfred Weber lebt heute alleine. Seine Kinder sind erwachsen, seine Frau hat sich von ihm getrennt. Nicht wegen seiner Infektion, sondern weil er offen mit HIV lebt.

Denn wer dies tut, muss mit Anfeindungen rechnen - so wie einmal in der Kirche: Manfred Weber erzählt, wie es bei ihm im Pfarrgemeinderat, dessen Mitglied er zwölf Jahre lang war, üblich ist, sich nach dem Friedensgruß links und rechts die Hand zu geben. "Rechts von mir stand eine Pfarrgemeinderätin, links stand ihr Mann und die hat die Hand ihrem Mann gegeben an mir vorbei, aber nicht mir." Doch das ist etwas, das sich Manfred Weber nicht gefallen lässt: "Sie musste ihre Hand ja wieder zurückziehen und da habe ich die Hand genommen und sie geschüttelt. Und dann hat es die ganze Frau geschüttelt."

Wenig Toleranz vor allem unter Christen

Eine Schülerin hält eine rote Aids-Schleife in die Höhe (Patrick Seeger dpa)

AIDS ist auch in Deutschland ein ernstzunehmendes Problem

Vor allem in der Kirche ist Manfred Weber auf viele Vorurteile gestoßen. Immer wieder wollten Christen wissen, bei wem der Familienvater sich infiziert hat – bei einer Prostituierten oder gar bei einem homosexuellen Freund? Doch das, meint Weber, geht niemanden etwas an. Er möchte als Mensch akzeptiert werden – auch in der Kirche. Dafür kämpft er seit vielen Jahren. Er weiß allerdings, dass er nur als Teil der Kirchengemeinschaft etwas bewirken kann: "Wenn ich etwas erreichen will in der Kirche, muss ich Mitglied sein. Denn sonst kann ich nicht mitreden." Viele Bekannte hätten ihm gesagt, er könne mit seiner Einstellung gegenüber der Kirche auch aus der Gemeinde austreten. Denn Manfred Weber ist überaus kritisch: "Unsere Kirche, egal ob katholisch oder evangelisch, hat Probleme mit den Schwulen."

Und die machen mit rund 65 Prozent den Großteil der HIV-Infizierten und AIDS-Kranken in Deutschland aus. In der AIDS-Hilfe hat Manfred Weber zahlreiche Homosexuelle kennengelernt. Manch einer zählt heute zu seinen Freunden.

Viele sind qualvoll gestorben

Ein Fahrradfahrer fährt an einem Werbeplakat-Plakat zur Verhütung von Aids vorbei (dpa)

"Gib AIDS keine Chance" ist eine groß angelegte Kampagne der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung

Weil er offen mit AIDS lebt, weil er zuhören und trösten kann, melden sich viele Menschen mit HIV bei Manfred Weber. Obwohl kein Theologe, ist er doch längst zu einem Seelsorger geworden. Eine Aufgabe, die ihn ausfüllt, aber auch belastet: "Ich habe ungefähr 50 Leute begleitet, bis sie gestorben sind. Und ich weiß, was es heißt, an AIDS zu sterben." Heute sei es nicht mehr so wie früher, weil viele AIDS-Kranke auch oft an einem Herzinfarkt oder Schlaganfall sterben würden. Doch Manfred Weber sind vor allem noch die Todesfälle von früher im Gedächtnis: "Die meisten HIV-Infizierten sind nicht gestorben, die sind krepiert. Und davor habe ich Angst. Da stehe ich dazu."

Doch diese Angst hält Manfred Weber nicht davon ab, für AIDS-Kranke da zu sein. Sein Glaube, so betont er, gibt ihm die Kraft zu leben, zu helfen und optimistisch in die Zukunft zu sehen. Denn er rechnet fest damit, dass es eine Zukunft für ihn gibt: "Was ich mir persönlich wünsche: Die nächsten eineinhalb Jahre überstehen." Dann feiert er seinen 60. Geburtstag. Er möchte seine "Kinder erleben, wie sie heiraten und - was vielleicht zu weit weg ist - wie deren Kinder in die Schule kommen."

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