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Wissen & Umwelt

HIV-Forschung in Deutschland

Die Neu-Infektionsraten in Deutschland sind seit Jahren stabil und immer weniger Menschen sterben hierzulande an HIV/Aids. Auch bei der Erforschung des Virus und der Krankheit feiern deutsche Forscher bedeutende Erfolge.

Teddys mit roter Aids-Schleife (Foto: AP)

Es waren Franzosen und ein US-Amerikaner, die Anfang der 1980er Jahre unabhängig voneinander das HI-Virus entdeckt haben. Vor zwei Jahren erhielten Luc Montagnier und Françoise Barré-Sinoussi für ihre Entdeckung den Medizin-Nobelpreis. Die Forschung an dem Virus und der Krankheit Aids ist damit seit einem Vierteljahrhundert vor allem eine internationale Angelegenheit - zu der auch deutsche Forscher beitragen.

Erster Aids-Patient in Deutschland behandelt

Zu den bekanntesten deutschen HIV-Forschern gehört Eckhard Thiel. Der Direktor der Medizinischen Klinik mit Schwerpunkt Hämatologie und Onkologie an der Berliner Charité hat 1981 den ersten Aids-Patienten Deutschlands behandelt und vor anderthalb Jahren mit einer medizinischen Sensation für weltweite Schlagzeilen gesorgt. Thiel und sein Team konnten einen 42 Jahre alten US-Amerikaner dauerhaft von Aids und HIV heilen.

Dauerhaft von HIV/Aids geheilt

Eckhard Thiel (Foto: AP)

Aids-Mediziner Eckhard Thiel (links)

In die Charité eingewiesen worden war der Patient 2008 wegen einer Leukämie, in deren Verlauf ihn nur noch eine Knochenmarkspende retten konnte. Das Ungewöhnliche an dem Fall: Zu den 80 potentiellen Knochenmark-Spendern gehörte auch ein Kandidat, der eine im Kampf gegen HIV hilfreiche Mutation besaß. Bis zu drei Prozent der europäischen Bevölkerung tragen diese Veränderung des Rezeptors CCR5 in sich, die dafür sorgt, dass das HIV-Virus nicht in die Körperzellen eindringen kann.

Genau daran knüpften Thiel und sein Team an. Die Idee: Mit diesem Knochenmarkspender konnte der Patient nicht nur seine Krebserkrankung überwinden, sondern auch von den HI-Viren befreit werden. Der Plan des Forscherteams ging auf: Auch Jahre später sind bei dem einst todgeweihten Amerikaner keine tödlichen Viren mehr im Blut nachweisbar. Selbst eine Neuansteckung würde bei ihm folgenlos bleiben.

Ein Einzelfall, der Hoffnung gibt

Doch bis heute ist Thiels Erfolg ein Einzelfall geblieben. Bei anderen HIV-infizierten Krebspatienten konnte er keinen Spender mit entsprechender Mutation finden. Für die Regelbehandlung taugt das Modell ohnehin nicht, da es eine äußerst gefährliche Knochenmarktransplantation voraussetzt.

Trotzdem gibt dieser Fall aus Deutschland den Aids-Forschern aus aller Welt wichtige Hinweise im Kampf gegen die Immunschwächekrankheit. Möglichweise lieferte Thiel mit seinem Patienten auch wichtige Anstöße für eine Forschungsrichtung, an deren Ende ein wirksamer Impfstoff gegen HIV stehen könnte. In seiner aktiven Laufbahn wird Eckhard Thiel dieses Ziel allerdings nicht mehr erleben. Der Mediziner wird im kommenden Jahr emeritiert, die Aids-Forschung in Deutschland wird damit einen wichtigen Vertreter verlieren.

Elektronenmikroskopische Aufnahme mehrerer HI-Viren (Foto: picture alliance/dpa)

Elektronenmikroskopische Aufnahme mehrerer HI-Viren. Sie gehören zu den Retroviren, werden über Blut, Sperma oder Muttermilch übertragen

Reichen die Forschungsgelder?

Überhaupt ist der Optimismus in deutschen Forscherkreisen trotz wichtiger Fortschritte eher gedämpft. Ob in Berlin, Erlangen, Hamburg oder Heidelberg: viele Beteiligte fürchten, dass die Bundesregierung die Investitionen in die Aids-Bekämpfung drastisch zusammenstreicht. Schon in den vergangenen Jahren wurden die Mittel zur Aidsaufklärung kontinuierlich gesenkt. Mittlerweile stellen die USA das 300-fache des deutschen Budgets für die Aidsforschung bereit. Die deutsche Forschung gilt unter Experten schon länger als chronisch unterfinanziert.

In Zukunft könnte sich das Verhältnis zu Ungunsten Deutschlands noch weiter verschlechtern. Der Aids-Experte Oliver Moldenhauer von der deutschen Sektion von "Ärzte ohne Grenzen" warnt vor Gedankenspielen im Entwicklungshilfeministerium, den deutschen Beitrag an den Globalen Fonds gegen Aids, Malaria und Tuberkulose auf ein Drittel zu senken, von insgesamt 600 Millionen auf 200 Millionen Euro in den kommenden drei Jahren.

Veränderter Blick auf HIV/Aids

Der Sparzwang hängt eng mit der Wirtschaftskrise zusammen, aber womöglich auch mit einem veränderten Blick auf HIV/Aids überhaupt. Die Krankheit ist zwar bis heute nicht heilbar, aber im Vergleich zu früher gut behandelbar. Mit einer modernen Therapie können Infizierte noch Jahrzehnte ein weitgehend normales Leben führen. Anders als in den Entwicklungsländern hat Aids seine tödliche Fratze in den reichen Industrieländern verloren. Jedes Jahr sterben rund zwei Millionen Menschen weltweit an Aids, in Deutschland weniger als 1000.

Das Berliner Robert-Koch-Institut spricht zwar im Zusammenhang von HIV/Aids von der "größten medizinischen Katastrophe der Neuzeit", verzeichnet aber für Deutschland bei 80 Millionen Einwohnern Ende 2009 "nur" noch rund 67.000 HIV-Infizierte oder Aidskranke.

Autor: Andreas Noll
Redaktion: Hartmut Lüning

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