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Fußball

Hitzlsperger: "Es fehlen die Vorbilder"

Ex-Nationalspieler Thomas Hitzlsperger machte 2014 seine Homosexualität öffentlich und brach damit ein Tabu. Im DW-Interview spricht er über Homophobie im Fußball - und über Perspektiven von Profis nach der Karriere.

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Hitzlsperger und die Medien

DW: In der vergangenen Woche sprachen Sie auf der FIFA-Konferenz für Gleichstellung und Integration. Sie sagten dort, dass Homophobie ein Thema bleibe und dass es wichtig sei, dass Fußballer als Vorbilder aufstünden. Was hält schwule Fußballer davon ab, an die Öffentlichkeit zu gehen?

Thomas Hitzlsperger: Dass es nicht viele homosexuelle Athleten gibt, die offen damit umgehen - vor allem nicht im Fußball. Und weil es der Sport Nummer eins in der Welt ist, fehlen ganz einfach die Vorbilder, zu denen man aufblicken könnte. Außerdem wissen wir nicht, wie die Fans darauf reagieren würden. Davor scheint es eine gewisse Angst zu geben. Auch das hält die Leute sicher zurück.

Was meinen Sie mit einer "gewissen Angst"?

Schwer zu sagen, weil ich meine Homosexualität ja erst nach meiner Karriere öffentlich gemacht habe. Als ich anfing, darüber nachzudenken, fragte ich mich, welche Wirkung das wohl hätte. Die Leute sagten, es würde sicher Aggressionen und Beleidigungen von den Tribünen geben. Ob das wirklich so ist, werden wir aber erst wissen, wenn jemand mutig genug ist, noch während seiner Karriere an die Öffentlichkeit zu gehen. Wir haben das in anderen Ligen auf der ganzen Welt erlebt, aber nicht in einer der großen Fußballligen in Europa. Das würden viele wohl gerne abwarten, um so zu sehen, wie die Reaktionen ausfallen.

Befürchten schwule Fußballer, dass ein Coming-Out ihre Karriere behindern würde?

Hitzlsperger im Nationaltrikot (2009). Foto: dpa-pa

Hitzlsperger im Nationaltrikot (2009)

Möglicherweise ja. Aber die Spieler sind ja nicht isoliert, sie haben einen Berater, Freunde und Familie. Also ist es keine Entscheidung, die sie nur alleine treffen. Und am Ende könnte eine Mehrheit dieser Leute des Vertrauens einem davon abraten, an die Öffentlichkeit zu gehen. Ich glaube, viele schwule Fußballer, die über ein Coming-Out nachdachten, haben letztlich entschieden, dass es schlauer ist, damit bis nach dem Karriere-Ende zu warten.

Die FIFA hat die nächsten Weltmeisterschaften nach Russland und Katar vergeben - an Länder, die sich nicht gerade mit Rechten für Homosexuelle hervorgetan haben. Ein falsches Signal?

Ich denke, die FIFA sollte in Zukunft mehr Wert auf die Einhaltung der Menschenrechte im Allgemeinen legen und nicht nur darauf blicken, ob gute Stadien und eine passende Infrastruktur vorhanden sind. Die Konferenz in der vergangenen Woche war ziemlich ermutigend. Klar könnte man deutlich mehr verändern, aber es ist schon mal ein guter Anfang. Bei der WM in Russland hat die FIFA die Möglichkeit, das zu tun, was sie für richtig hält. Ich hoffe, dass sie diese Gelegenheit nutzt, die Menschen darüber zu informieren, was es wirklich bedeutet, gegen Diskriminierung und für Gleichheit zu kämpfen. Die FIFA hat in dieser Hinsicht großes Potenzial.

Wie wären Sie als schwuler Spieler in ein solches Turnier gestartet? Hätte es Sie mental beeinflusst, wenn Sie gewusst hätten, wie die Leute dort ticken?

Ich weiß nicht, wie es sich auf Spieler auswirkt, die ihre Homosexualität noch nicht öffentlich gemacht haben. Klar ist es nicht toll zu wissen, dass du in ein Land reist, in dem die Rechte von Homosexuellen nicht sehr ausgeprägt sind. Aber die FIFA hat nun die Chance, das zu ändern. Der Fußball vermag sehr viel, aber du wirst nicht die Politik eines ganzen Landes verändern. Wir müssen diese Gelegenheit ergreifen, um Menschen aus Russland und dem Rest der Welt zusammenzubringen. Und wir sollten die WM als Plattform nutzen, um über verschiedene Themen zu sprechen - unter anderem über die Rechte von Homosexuellen.

Mario Gomez und Thomas Hitzlsperger mit Meisterschale 2007. Foto: dpa-pa

Hitzlspergers größter Triumph: Deutscher Meister mit dem VfB Stuttgart 2007 (links Mario Gomez)

Welche Möglichkeiten hat ein moderner Profifußballer, wenn er seine Karriere beendet?

Das hängt vom Spieler ab. Es gibt viele verschiedene Möglichkeiten. Du warst ein Fußballspieler, also solltest du dich hoffentlich nicht mehr ums Geld kümmern müssen. Du kannst rausgehen und dir aussuchen, was du machen willst. Das ist ein großer Luxus. Es hängt davon ab, wofür du dich interessierst. Die meisten Spieler gehen zurück in den Fußball, sie machen ihren Trainerschein oder gehen zu den Medien. So bleiben sie dem Spiel verbunden. Ich denke, Fußballer haben heute mehr Chancen als früher.

Kümmern sich die Klubs heutzutage auch mehr um ihre Spieler?

Ich hoffe es. Für mich, der für den VfB Stuttgart arbeitet und damit immer noch im Fußball aktiv ist, gehört das zu den wichtigsten Dingen, die ich in den Verein bringen möchte. Ich möchte meine eigenen Erfahrungen an junge Spieler weitergeben. Ich möchte ihnen vermitteln, wie schwierig das Leben nach dem Fußball sein kann. Unter Umständen lässt dich dein Berater im Stich, weil er mit dir kein Geld mehr verdient. Die Leute sind vielleicht nicht mehr für dich da, weil du kein berühmter Fußballspieler mehr bist. Der Verein sollte seine Spieler auf das Leben nach ihrer Karriere vorbereiten.

Als Fußballspieler bist du nicht gezwungen, jeden Tag eine Unmenge Stunden zu schuften. Aber wenn du deine Zeit klug anlegst, kann du nicht nur ein sehr guter Fußballer sein, sondern auch noch Kurse besuchen, zur Universität gehen oder einfach nur lesen und sehen, was da draußen los ist. Ich denke, genau das sollten Spieler tun.

In einem früheren Interview haben sie einmal gesagt, dass jeder junge Fußballer ein einzigartiges  Talent benötigt, um sich abzuheben. Welches hatten Sie?

Ich habe in drei europäischen Top-Ligen gespielt: in Italien, Deutschland und England. Es hat sicher nicht geschadet, dass ich vor der Kamera sowohl Deutsch als auch Englisch sprechen kann. Und ich bin neugierig. Ich habe schon während meiner Karriere immer dazulernen wollen, das hat sich bis heute nicht geändert. Ich denke, das ist eine gute Eigenschaft. Aber der Wettbewerb ist hart.

Lahm und Hitzlsperger mit Nationalmannschaftskollegen 2009. Foto: Getty Images

Lahm (2.v.l.) und Hitzlsperger (2.v.r.)

Ihr Kollege und Freund Philipp Lahm beendet seine Laufbahn. Welche einzigartigen Qualitäten kann er nach seiner Karriere in den Fußball einbringen?

Es gibt nicht viele Spieler, die besser sind als Philipp Lahm. Es ist eine Freude, ihm beim Spielen zuzusehen. Er hat seine Position beherrscht. Ich hatte das Privileg, mit ihm zu spielen. Er weiß so viel über das Spiel, er denkt so intensiv darüber nach. Es ist inspirierend, ihm zuzuhören, wenn er über Fußball spricht. Das ist ein riesiges Talent.

Er kennt den FC Bayern aus dem Effeff. Würde sich da nicht für ihn in München eine Position ähnlich Ihrer in Stuttgart anbieten?

Diese Diskussion gab es ja, und er hat sich dagegen entschieden - zumindest für jetzt. Aber ich denke, er wird dem Fußball treu bleiben. Ich wäre überrascht, wenn wir ihn nicht wiedersähen. In welcher Rolle? Das muss er für sich selbst entscheiden. Vielleicht macht er erst einmal eine Pause, sieht sich außerhalb des Fußballs um und kommt dann eines Tages wieder zurück. Ich bin sicher, dass er das tun wird.

Als Profifußballer begann Thomas Hitzlsperger seine Karriere beim englischen Klub Aston Villa. 2005 wechselte er zum VfB Stuttgart, mit dem er 2007 den Meistertitel holte. Später spielte Hitzlsperger für Lazio Rom, West Ham United, den VfL Wolfsburg und den FC Everton. Für die Nationalmannschaft lief er 52-mal auf, wurde 2006 WM-Dritter und 2008 Vize-Europameister. Nach dem Karriereende machte Hitzlsperger Anfang 2014 seine Homosexualität öffentlich. Seit 2016 arbeitet der 34-Jährige im Management des Zweitligisten VfB Stuttgart.

Das Interview führte Matt Ford.

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