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Bücher

Hitler und sein Schutzengel

Was wäre, wenn Hitler die auf ihn verübten Attentate nicht überlebt hätte? Der Schriftsteller Dieter Kühn schreibt vier Variationen über das Ende des Diktators.

Portrait des Schriftstellers Dieter K�hn (Foto: DW)

Die Mischung aus Historie und Erfindung ist das Markenzeichen des Schriftstellers Dieter Kühn – seit seiner überaus erfolgreichen Biografie über den Minnesänger Oswald von Wolkenstein. Jetzt hat er dicht an der historischen Realität Fiktionen über Hitlers Ende vorgelegt. Zum Beispiel die, dass Attentate wie das des Schreiners Georg Elser geglückt wären. Das hätte dann einmal – in Kühns Vorstellung - zu einer Art Nationalsozialismus light geführt, mal zu einem restaurativen System – in keinem Fall aber zu einer Demokratie.

DW-World.de: War erst der totale Zusammenbruch von 1945 notwendig, damit eine Demokratie, wie wir sie heute kennen, entstehen konnte? Wäre diese Vorstellung nicht auch bitter?

Dieter Kühn: Wir müssen bedenken, das es ein langer Prozess war, bis die alten Nazis aus der Regierung raus waren, ehe der ganze Ton sich änderte. Das hat zwei Jahrzehnte gedauert, wobei 1968 ein deutlicher Einschnitt war. Die Stunde Null, behaupte ich immer, hat es in der Form nicht gegeben. Wenn man zum Beispiel alte Wochenschauen sieht, dann hört man noch genau diesen pathetischen, fast schreienden Ton, ob das nun Hitler oder Adenauer war. Große Schauspieler, die im Dritten Reich führende Rollen gespielt haben, haben die auch nach dem Krieg weiter gespielt. Der Einschnitt kam erst ganz langsam.

Buchcover Dieter Kühn: Ich war Hitlers Schutzengel (Foto: Verlag S. Fischer)

Die zentrale Figur in Ihrem Buch ist der Schutzengel, der alles verhindert hat. Mit was für einer Frage quält er sich in Ihrem Buch?

Der Schutzengel hat eine ganz schwierige Position, denn er macht ja das Gleiche, das auch die SS-Schutzstaffel oder SS-Leibstandarte für Adolf Hitler getan haben, nämlich ihn zu beschützen. Das bringt den Schutzengel in eine Schieflage. Er fragt sich: was habe ich eigentlich alles ermöglicht, indem ich das Gelingen der Attentate verhindert habe. Und er bezeichnet dann seine Situation so: Er hat das Gefühl, er hätte einen weißen, einen engelsweißen, und einen SS-schwarzen Flügel. Er hängt zwischen den Extremen. Und kommt damit auch nicht zurecht. Er ist letztlich erleichtert, als er auf dem Belüftungsschacht des Führerbunkers sitzt und unten den Schuss hört mit dem Hitler seinem Leben ein Ende setzt.

Wie sind Sie darauf gekommen einen Schutzengel einzuführen?

Das war eigentlich naheliegend. Hitler selbst hat immer wieder die Vorsehung angerufen. Nach den missglückten Attentaten wurden, auch von kirchlicher Seite aus, Gottes Engel zitiert, die Hitler gerettet hätten. Und als ich dieses Zitat las, dachte ich mir, dann nehme ich das mal beim Wort und führe den Schutzengel ein. Es ist eigentlich Kirchenlehre, dass jeder Mensch einen Schutzengel hat. Und Erhebungen in der Bundesrepublik besagen, dass etwa zwei Drittel der Bevölkerung an einen Schutzengel glauben. Das war für mich der Ansatzpunkt, nun nehme ich das mal wörtlich und bringe das zur Sprache.

Der Schriftsteller Dieter Kühn (Foto: DW)

Ein Engel für Hitler - von Dieter Kühn

Kommt man da nicht an die Grenzen des Denkens? Wo waren die anderen Schutzengel, all der anderen Menschen? Wo waren die Schutzengel der Juden? Wo waren die Schutzengel der Deutschen die bombardiert wurden?

Das fragt sich dieser Engel natürlich auch. Ein Schutzengel hat generell nur die Möglichkeit über die innere Stimme der Menschen zu agieren -ein Schutzengel flüstert jemanden etwas ein, das derjenige erkennen und umsetzen muss. Der Hitler-Schutzengel hat das Gefühl, die anderen hätten offenbar nicht auf ihre innere Stimme gehört oder sie hätten ihren Schutzengeln den Rücken zugedreht. In dem Punkt hält sich mein Schutzengel ein bisschen bedeckt. Er wartet auch immer wieder darauf, dass nachträglich mal eine Form der Legitimation von oben kommt á la: Du hast den Auftrag erfüllt - zwar mit Folgen, aber Du hast deinen Auftrag erfüllt. Darauf wartet er aber vergeblich. Und das bringt ihn schwer ins Grübeln.

Sie selber hatten auch einen Schutzengel. Sie haben noch einen Teil des Krieges miterlebt, auch die Bombardierungen.

Der Schutzengel in meinem Fall ist eher in Form meiner Mutter aufgetreten, die ganz rigorose Entschlüsse gefasst hat. Ich habe noch die ersten Bombenangriffe auf Köln miterlebt bis 1941. Die waren noch relativ harmlos. Da wurden Brandbomben abgeworfen, auch über Köln-Bayenthal. Die schlugen auch immer in unserem gemieteten kleinen Haus ein und meine Mutter hat dann gelöscht. Ich durfte aus dem Mansardenfenster gucken, es brannte überall und da sagte sie: Schau es dir genau an. Es wird noch viel schlimmer, aber wir ziehen hier weg. Insofern hat die Entscheidung meiner Mutter uns vor den weiteren zweihundert Bombenangriffen in Köln nach 1941 bewahrt. Wir sind dann nach Bayern gezogen. Wie hätte sich eine andere politische Entwicklung damals auf meine persönliche Entwicklung auswirken können? Ohne diese Frage würde mein ganzes Buchprojekt in der Luft hängen. Denn natürlich geht man erst mal aus von der Frage: was wäre dann für mich passiert?

Das Gespräch führte Gabriela Schaaf

Redaktion: Marlis Schaum

Dieter Kühn: Ich war Hitlers Schutzengel

Verlag: S. Fischer Verlag

ISBN: 978-3-10-041515-8

Preis (EURO): 17,95