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Kultur

Hitler und Goebbels neben "Brigitte" und "Freundin"?

"Zeitungszeugen" – eine historische Zeitschriften-Edition will in Deutschland über Presse im Nationalsozialismus aufklären. Nun gibt es Ärger um die Rechte an den abgedruckten Originalen der Nazi-Propaganda.

Screenshot der Internetseite der Zeitungszeugen

Screenshot der Internetseite der "Zeitungszeugen"

"Nichts ist älter als die Zeitung von gestern", besagt ein altes Journalisten-Sprichwort. "Doch kaum etwas ist interessanter, wenn es um Geschichte geht", könnte der britische Albertas-Verlag entgegensetzen. Das Haus möchte in Deutschland mit Abdrucken von Zeitungsausschnitten aus der Zeit des Nationalsozialismus Aufschluss über die Nazi-Diktatur geben. Die erste Ausgabe der historischen Edition "Zeitungszeugen" erschien vor einer Woche - zu kaufen gibt es die Hefte neben gewöhnlichen Zeitschriften an Kiosken und im Einzelhandel. Noch - denn schon bald könnte Schluss sein mit dem Projekt.

Am Freitag (16.01.2008) forderte das bayerische Finanzministerium als Inhaber der Rechte des früheren NS-Verlags Eher eine Unterlassungserklärung des britischen Verlagshauses. Bereits im Umlauf befindliche Exemplare der Nazi-Hetzblätter müssten eingezogen werden. Der Freistaat Bayern befürchtet, dass die dem Magazin beigelegten Nachdrucke von Rechtsradikalen und Neonazis missbraucht werden könnten.

Zentralrat der Juden teilt die Kritik

Im ersten Heft der "Zeitungszeugen" war ein kompletter Nachdruck einer Ausgabe der Goebbels-Zeitung "Der Angriff" von 1933 beigefügt, für die zweite Ausgabe ist ein Teil-Abdruck des "Völkischen Beobachters" geplant - beide

Ein Kiosk mit bunter Zeitschriftenauslage. Die Zeitungszeugen werden seit dem 8. Januar 2009 an vielen Kiosken und Zeitschriftenläden angeboten (Quelle: dpa)

Die "Zeitungszeugen" werden seit dem 8. Januar 2009 an vielen Kiosken und Zeitschriftenläden angeboten

erschienen seinerzeit im Verlag Eher. Die Rechte an der Nazi-Propaganda waren nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges auf den Freistaat Bayern übergegangen und mit ihnen die Verantwortung, die Verbreitung von NS-Propaganda zu unterbinden.

Der Zentralrat der Juden in Deutschland teilt die Kritik des bayerischen Finanzministeriums. Generalsekretär Stefan Kramer zeigte sich ebenfalls besorgt in Bezug auf die "Zeitungszeugen". In einem Fernsehinterview sagte er, es erschwere die Verfolgung von verfassungswidriger Zeichen-Verwendung, wenn es diese an jedem Kiosk zu kaufen gäbe.

Chefredakteurin von aufklärerischem Nutzen überzeugt

Der Albertas-Verlag sieht keine Missbrauchsgefahr durch rechtsradikale Propaganda. Die historischen Abdrucke würden durch renommierte Wissenschaftler historisch eingeordnet, außerdem erfolge eine direkte Gegenüberstellung mit nachgedruckten kommunistischen oder sozialdemokratischen Blättern. "Zeitungszeugen" betreibe im besten Sinne Aufklärung über NS-Propaganda, sagte Chefredakteurin Sandra Paweronschitz der Nachrichtenagentur AP.

Zu der von Bayern behaupteten Rechteverletzung sagte ein Sprecher der "Zeitungszeugen", Alexander Luckow, die Lage sei längst nicht so eindeutig, wie der Freistaat es darstelle. Bei Blättern aus dem Jahr 1933 seien die entsprechenden Fristen abgelaufen. Der Verlag will nun juristisch gegen die erhobenen Vorwürfe vorgehen - nofalls bis vor das Bundesverfassungsgericht.

Die Hefte können seit dem 8.1.2009 für 3,90 Euro im deutschen Zeitschriftenhandel erstanden werden. Jede Ausgabe soll Reproduktionen von zwei bis drei historischen Zeitungsausschnitten enthalten sowie einen Mantel mit Kommentaren und Analysen führender Experten und Historiker. Das Projekt wird unter anderem von dem Leiter des Zentrums für Antisemitismusforschung der TU Berlin, Wolfgang Benz und dem Historiker Hans Mommsen unterstützt. Ähnliche Editionen hat das Verlagshaus bereits in anderen europäischen Ländern auf den Markt gebracht. (sas)


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