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Geschichte

Hitler-Stalin-Pakt: "Flitterwochen" zweier Diktatoren

Am 23. August jährt sich zum 75. Mal die Unterzeichnung des sogenannten Molotow-Ribbentrop-Pakts. Hitler-Deutschland und Stalins Sowjetunion wurden mit ihm Verbündete - für 22 Monate.

Der Pakt sah in einem Geheimprotokoll die Teilung Polens vor und besiegelte auch das Schicksal der baltischen Staaten, die an die Sowjetunion fielen. Finnland, Bessarabien und Nordbukowina wurden ebenfalls zum sowjetischen Interessengebiet deklariert. Genauso überraschend für die gesamte Welt - auch für die Menschen in der UdSSR und im "Dritten Reich" - wurde am 28. September auch der "Vertrag über Freundschaft und die Staatsgrenze" unterzeichnet. Faktisch hatten sich Stalin und Hitler schon seit 1938 auf den Pakt vorbereitet. Besonders eilig hatte es Hitler: Den Feldzug gegen Polen wollte er vor den Regenfällen im Herbst beginnen.

Brigadekommandeur Semjon Kriwoschein und General Heinz Guderian 1939 in Brest (Foto: Gutjahr)

Brigadekommandeur Semjon Kriwoschein und General Heinz Guderian 1939 in Brest

Nur eine Woche nach der Unterzeichnung des "Molotow-Ribbentrop-Pakts" am 23. August 1939 begann mit dem Angriff auf Polen der Zweite Weltkrieg. Und zwei Wochen später besetzten auch sowjetische Truppen Gebiete Polens. Der siegreiche Feldzug endete mit einer "Verbrüderung" von Einheiten der Wehrmacht und der Roten Armee bei einer gemeinsamen Parade in Brest. Damals standen Brigadekommandeur Semjon Kriwoschein und General Heinz Guderian nebeneinander. Zwei Jahre später stand Guderians Panzerkorps vor Moskau. Die "Flitterwochen" waren spätestens da vorüber.

Stalins Absichten

Hitlers Ziele bei der Unterzeichnung des Pakts waren klar, da sind sich deutsche und russische Historiker einig. Über Stalins Überlegungen wird noch immer diskutiert. "Im Sommer 1939 hatte Stalin die größte Landarmee der Welt. Er hätte Hitler klar machen können, sobald Deutschland Polen überfällt, kommen am nächsten Tag Millionen sowjetischer Soldaten an die Grenze Polens. Dann hätte es keinen Krieg gegeben. Aber Stalin wollte Hitler nicht stören", sagt in einem DW-Interview der bekannte russische Publizist Mark Solonin.

Jörg Ganzenmüller (Foto: privat)

Historiker Jörg Ganzenmüller

Stalin habe sich vor allem strategisch verhalten wollen, meint der deutsche Historiker Jörg Ganzenmüller. "Stalin wusste, dass Hitler früher oder später die Sowjetunion angreifen würde. Er kannte Hitlers 'Lebensraumkonzept'. Sein Kalkül war: Wenn Deutschland in einen Krieg mit den Westmächten verstrickt sei, dann würde Hitler es nicht wagen, an zwei Fronten Krieg zu führen. In der Zwischenzeit könnte die Sowjetunion weiter aufrüsten. Stalin hatte immer die Angst, dass die kapitalistischen Mächte sich einigen und gemeinsam die Sowjetunion überfallen. Deshalb war es sein Ziel, einen Krieg zwischen diesen Mächten loszutreten. Dieser Krieg war für Stalin die Sicherheitsgarantie, gar nicht der Pakt selbst."

Kehrtwende in Moskau

Nach der Unterzeichnung des Paktes durch die beiden Außenminister Joachim von Ribbentrop und Wjatscheslaw Molotow in Moskau hob Stalin sein Glas auf die Gesundheit des "Führers". Molotow lobte auf einer Sitzung des Obersten Sowjets die "friedlichen Absichten" Hitlers. Er nannte den Krieg der westlichen Alliierten gegen Hitler "sinnlos und verbrecherisch". Später wurde Molotow in Berlin von Hitler, Göring und Hess herzlich empfangen.

Unmittelbar vor dem Pakt wurde Maxim Litwinow vom Posten des Volkskommissars für Auswärtige Angelegenheiten der UdSSR entlassen. Er war Jude und Verfechter eines Bündnisses mit den westlichen Demokratien. Er passte nicht mehr in die neue Strategie Moskaus gegenüber Hitler.

In den 22 gemeinsamen Monaten verschwanden aus der sowjetischen Presse alle Angriffe auf die Nazis. Aus den Kinos wurden bekannte antifaschistische Filme verbannt, darunter "Die Familie Oppenheim" nach dem Roman von Lion Feuchtwanger. Auch aus dem Repertoire der Theater verschwanden alle Stücke mit antifaschistischem Inhalt.

Auch Geheimpolizei und Wirtschaft profitieren

Mark Solonin, russischer Militärhistoriker und Publizist (Foto: privat)

Mark Solonin, russischer Militärhistoriker und Publizist

Für beide Regime war der Pakt von Vorteil, nicht nur politisch, sondern auch aus wirtschaftlicher Sicht. Von Ende August 1939 bis zum 22. Juni 1941 lieferte Moskau an Nazi-Deutschland Erdölprodukte, Getreide, aber auch Nickel, Mangan und Chromerze, Phosphate, Holz und anderen Materialien. Im Gegenzug lieferte das "Dritte Reich" der UdSSR Kampfflugzeuge, Sprengstoff und Sprengbomben, Radiostationen, Industrieanlagen und sogar den Kreuzer "Lützow". Darüber hinaus erhielt die Sowjetunion einen Kredit in Höhe von 200 Millionen Reichsmark.

Das Wichtigste in der deutsch-sowjetischen Zusammenarbeit 1939-1941 war gar nicht so sehr die Zusammenarbeit der beiden Armeen, sondern es waren die wirtschaftlichen Lieferungen, die ja im großen Stil erfolgten", meint der Jenaer Historiker Ganzenmüller. "Es gibt Berichte, dass sogar noch am 22. Juni 1941, also dem Tag, als die Wehrmacht in die Sowjetunion einfiel, den Soldaten Züge mit sowjetischen Lieferungen entgegenkamen. Stalin war vertragstreu bis zum Schluss."

Eine weitere "Partnerschaft" bestand zwischen NKWD - der sowjetischen politischen Polizei - und der deutschen Gestapo. Nach einer geheimen Vereinbarung, die von der sowjetischen Führungsspitze gebilligt war, konnten ehemalige deutsche und österreichische Bürger ausgeliefert werden, die sich auf dem Gebiet der Sowjetunion befanden und gegen Hitler kämpften - also Antifaschisten. Mehrere Dutzend von ihnen - darunter die bekannte deutsche Kommunistin Margarete Buber-Neumann - wurden der Gestapo übergeben. Die meisten von ihnen wurden getötet.

Stalins Fehleinschätzung"

"Stalin hat verloren", meint Mark Solonin. "Er hat die Kraftverhältnisse falsch eingeschätzt. Er dachte, jetzt kommt eine langjährige Metzelei, ähnlich wie in Verdun im Ersten Weltkrieg. Doch schon im Mai bzw. Juni 1940 wurde Frankreich praktisch niedergeschmettert. Hitler kontrollierte den größten Teil des kontinentalen Europas. Stalins Plan, später an die Brandstätte des zerschlagenen und ausgebluteten Europas als Oberschiedsrichter zu kommen, ging daneben."

"Stalin glaubte tatsächlich bis zum Schluss, bis zum 22. Juni 1941, Deutschland würde diesen Zweifrontenkrieg nicht führen", so Ganzenmüller. "Dass diese Strategie nicht aufging, war eine Überraschung und Enttäuschung für Stalin. Er hatte nach Kriegsbeginn drei Wochen lang, denke ich, keinen öffentlichen Auftritt. Er war wie paralysiert. Sein Plan ist wie ein Kartenhaus zusammengebrochen."