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Bücher

"Hitler, Mein Kampf"- eine Lesung mit gemischten Gefühlen

Der Verkaufserfolg der Kritischen Edition "Hitler, Mein Kampf" hat alle überrascht, die Nachfrage lässt nicht nach. Beim Literaturfestival Lit.Cologne gab es den Text als Kostprobe - mit kontroverser Diskussion.

Alte Backsteinhallen, mitten im kulturbelebten Industriegebiet von Köln-Kalk. Eine Außenstelle des Kölner Schauspielhauses ist hier untergebracht. Die überwiegend von türkischen Migranten bewohnte Keupstraße, wo die rechterroristische Gruppe NSU (Nationalsozialistischer Untergrund) 2004 ihren Nagelbombenanschlag verübte, liegt direkt um die Ecke. Startups, Verlage und Medienproduktionsfirmen sind hier angesiedelt. An diesem frostigen Abend strömen die Massen zur einer sehr besonderen Veranstaltung des Kölner Festivals lit.Cologne: Hitlers "Mein Kampf" steht zur Diskussion. Mit Lesung ausgewählter Passagen - juristisch ist das kein Wagnis mehr.

Christian Hartmann, Projektleiter der Kritischen Edition "Hitler, Mein Kampf", die das Institut für Zeitgeschichte in München Anfang 2016 herausgebracht hat, ist nervös. Im abgeschirmten Künstlerbereich des Theaters macht er sich Gedanken darüber, was sich da gleich auf der Bühne abspielen wird. "Das ist eine spontane Begegnung. Die Veranstalter der lit.Cologne haben natürlich einen Plan. Aber wir sind hier ein bisschen die Versuchskaninchen."

Welten prallen wenig später auf der spärlich möblierten Theaterbühne aufeinander: die wissenschaftliche und die künstlerische Herangehensweise. Helgard Haug und Daniel Wetzel vom experimentellen Dokumentartheater "Rimini Protokoll" sind dabei, sie haben einen ihrer Protagonisten aus dem Stück "Mein Kampf I und II" mitgebracht. Man hat sich nicht wirklich was zu sagen. Moderatorin Bettina Böttinger versucht, die unterschiedlichen Standpunkte der Talkrunde miteinander zu verknüpfen: Es bleibt bei einer Versuchsanordnung.

Vom schwierigen Umgang mit einem Symbol

Christian Hartmann, Projektleiter der wissenschaftlichen Ausgabe «Hitler, Mein Kampf - Eine kritische Edition», steht mit dem Buch vor einem Regal (Foto: picture alliance/dpa/M. Müller)

Christian Hartmann hat die "Kritische Edition" herausgebracht

Historiker Christian Hartmann hat Passagen aus dem Originalbuch "Mein Kampf" ausgewählt, die Schauspieler Sylvester Groth lesen wird. "Sie haben dann auch die ganze Verantwortung dafür", scherzt Bettina Böttinger. Aber Hartmann lässt sich nicht irritieren. "Ich denke, gerade an dem Beispiel dieses Buches kann man ganz gut vorführen, wie man sich so einem historischen Relikt in ganz unterschiedlicher Art und Weise nähern kann", konstatiert er selbstbewusst.

"Wir kommen ja eher aus der Performance-Ecke", gibt Regisseur Daniel Wetzel zu bedenken. "Es geht bei unseren Stücken immer um ein Abenteuer. Mit Laien oder mit Leuten, die interessante Berufe haben und die wir auf die Bühne holen." Mehr als 50 Mal ließen "Rimini-Protokoll" ihre Protagonisten in ihrem Dokumentar-Theaterstück in Weimar auftreten, alle haben beruflich mit Hitlers Hetzschrift zu tun.

Schlagabtausch auf der Bühne

Videoausschnitte zeigen dem lit.Cologne-Publikum, was in Weimar auf der Bühne zu sehen war: Experten in eigener Sache nehmen sich Hitlers "Mein Kampf" vor - eine Juristin, ein Bibliothekar, ein Antiquariatsbesitzer, ein Anwalt aus Israel… Jeder hat berufsbedingt seine eigene Position, lässt sich auf einen Schlagabtausch der Argumente für und wider eine Veröffentlichung von Texten aus "Mein Kampf" ein.

"Es ging uns um fünf exemplarische Umgangsformen mit diesem Buch", erklärt Helgard Haug von "Rimini Protokoll" ihre Arbeitsweise als Theaterkollektiv. Für sie als Künstler sei die Verklemmung, die in Deutschland seit jeher rund um das Tabuthema "Mein Kampf" existiere, auch das zentrale Thema bei diesem Stück.

Zwei Männer auf der Bühne, einer hält Hitlers Mein Kampf hoch (Foto: Sebastian Kahnert/dpa)

Szene aus dem Dokumentartheater "Rimini Protokoll"

Historiker Hartmann gibt ihr in einem Punkt recht: "Das ist in Deutschland ein permanentes Katz- und Mausspiel, ob dieses Buch nun ein Nazisymbol ist oder nicht." Er plädiert für einen differenzierten, ehrlichen Umgang. "'Mein Kampf' ist eines der letzten Relikte des Dritten Reiches, mit nachhaltiger Symbolkraft. Deshalb kann man damit nicht umgehen wie mit jedem anderen Buch."

Tagebuch eines zukünftigen Diktators

Scheinwerferspot auf den rechten Rand der Bühne. Schauspieler Sylvester Groth beginnt langsam, mit fast emotionsloser Stimme zu lesen. Alltägliches aus dem Leben im Schützengraben des Ersten Weltkrieges. Adolf Hitler berichtet von seinen Fronterlebnissen, von der Verrohung, vom Elend der Soldaten. Auf einmal skandiert Groth mit gespieltem Hass die einzelnen Sätze: "Schmachvolle Nachrichten von der Front. Man wollte kapitulieren!"

Es ist gruselig; hier kommt Hitler als Mensch mit all seinen Ängsten und Nöten zum Vorschein. Tagebuchnotizen: "Im Fieber des Gaskampfes hatten wir nur ein Ziel: das Vaterland vor dem Feind zu bewahren. Scham der Empörung und der Schande: ich wusste, dass alles verloren war", lässt der Schauspieler die pathetische Heimatliebe Hitlers auf das Publikum niederprasseln. Befremdlich. Einzelne verlassen den Saal. Nur zögerlich kommt Beifall nach der Lesung auf: Darf man diesen Sätzen applaudieren?

Relikt aus historischer Vergangenheit

Ein Mann liest, neben ihm ist der Bucrücken einer überdimensional großen Ausgabe von Mein Kampf zu sehen (Foto: dpa)

Umstrittene Lektüre

"Wir erleben gerade ein Anwachsen rechter Gruppierungen und rechter Parteien. Und dadurch hat so eine Lesung automatisch eine gewisse Aktualität", sagt Christian Hartmann im DW-Interview. Hartmann weiß, wovon er redet. Er hat als Historiker am aktuellen NPD-Verbotsantrag mitgeschrieben. Die Passagen für die lit.Cologne wählte er ganz bewusst aus. "Wir sind gewohnt, diesen Hitler nur aus der historischen Distanz zu betrachten. Und hier erlebt man ihn mit seiner Angst, mit der er offen umgeht."

Auf die Abschlussfrage der Moderatorin, was die Beschäftigung mit diesem umstrittenen Buch mit ihnen gemacht habe, kommen sehr unterschiedliche Antworten von den Teilnehmern der Lesung. "Ich habe gemerkt, dass ich mich diesem Buch gar nicht nähern wollte, weil es wie ein Klotz am Bein der Familien und der Generationen hängt - heute noch", fasst Bibliothekar Matthias Hageböck seine Gedanken zusammen.

Kritische Edition schon auf der Bestsellerliste

Das sehen auch einige Zuschauer an diesem Abend so. Die wissenschaftlich bearbeitete Ausgabe "Hitler, Mein Kampf. Eine Kritische Edition" steht seit Wochen auf der Spiegel-Bestsellerliste der Sachbücher, die dritte Auflage ist ausgeliefert. 34.000 Exemplare sind bereits verkauft. Und auch der Büchertisch ist an diesem Abend stark frequentiert.

Eine Frau stapelt Ausgaben von Mein Kampf - Eine kritische Edition auf einander (Foto: picture alliance/AP Photo/M. Schrader)

Am Büchertisch herrscht großer Andrang

Einige Besucher sind von weit her nach Köln zur lit.Cologne gekommen, um hier eine Ausgabe zu erstehen und sich die Lesung anzuhören. "Ich wollte das immer mal lesen, um für mich dieses Tabu zu lösen", sagt Marion Scholten aus Castrop-Rauxel. "Und ich wollte wissen, was steht da drin, was hat Hitler wirklich gesagt und geschrieben."

Christian Hartmann ist, wie seine Teamkollegen vom Institut für Zeitgeschichte, mit dem Verkaufserfolg sehr zufrieden. "Im Grund genommen sind wir in einen leeren Raum vorgestoßen und haben mit der Kritischen Edition eine Position besetzt. Und es ist nicht absehbar, dass irgendjemand anderes diese noch mal besetzen oder auch missbrauchen wird." Außer überteuerten Preisgeboten im netzweiten Antiquariatsmarkt, die bis zu 600 Euro für eine Erstausgabe von "Mein Kampf" gehen, ist aus seiner Sicht alles gut gelaufen. "Von daher: Das was wir uns vorgenommen haben, das haben wir auch erreicht."

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