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Deutschland

"Hitler"-Attentat: Ex-Polizist hatte eine Wette abgeschlossen

"Rein menschlich gesprochen: Attentat geglückt." So kommentierte ein Polizeisprecher den Angriff bei Madame Tussauds in Berlin, bei dem ein Kreuzberger der Hitler-Figur den Kopf abriss. Er hatte eine Wette abgeschlossen.

Vor dem Anschlag: Die Wachsfigur von Adolf Hitler im Wachsfigurenkabinett von Madame Tussauds, Quelle: AP

Vor dem Anschlag: Die Wachsfigur von Adolf Hitler im Wachsfigurenkabinett von Madame Tussauds

Madame Tussauds hatte vorgesorgt: Für den Fall von Protesten waren der Hitler-Puppe im neuen Wachsfigurenkabinett Berlins zwei Bewacher zur Seite gestellt worden. Doch auch sie konnten nicht verhindern, dass schon wenige Minuten nach Eröffnung der Ausstellung am Samstag (05.07.2008) Hitler erledigt sein würde. Schon der zweite Gast - ein 41-jähriger Mann aus Kreuzberg - wurde handgreiflich und riss der Wachsfigur den Kopf ab. Sie wurde sofort aus der Ausstellung entfernt.

Vom Polizisten zum Autonomen

Bei dem Mann handelt es sich nach Medienberichten um einen ehemaligen Berliner Polizisten. Er habe vor Jahren den Dienst quittiert, weil er nach einer Demonstration zum 1. Mai in Kreuzberg festgestellt habe, dass er "auf die andere Seite gehöre", berichtete die "Berliner Morgenpost" unter Berufung auf das persönliche Umfeld des Mannes.

Auch Karl Marx verursachte keinen Streit, Quelle: AP

Auch Karl Marx verursachte keinen Streit

Um die Puppe zu erreichen, stieß der Mann laut Polizei zwei Sicherheitsmänner vor der Ausstellungsfläche zur Seite und verletzte einen leicht. Der Museumsmitarbeiter Stephan Koch war einer der beiden Bewacher. Er beschreibt die Szene so: Der Besucher sei einfach über den Schreibtisch gesprungen, hinter dem die Hitler-Figur in einem nachgestellten Führerbunker saß, und habe die Puppe beschädigt. So entschlossen sei der 41-Jährige gewesen, dass er sich von niemandem habe aufhalten lassen.

Unter den Augen Willy Brandts

Bei seiner Attacke habe er "Nie wieder Krieg" geschrieen, berichtete die "Bild am Sonntag". Der Zeitung berichtete der Altenpfleger, es habe sich um eine Wette gehandelt. Es tue ihm leid, dass bei dem Übergriff einer der Wachmänner verletzt worden sei. Es sei nicht seine Absicht gewesen. Es habe ihn vor allem gestört, dass die Hitler-Figur so dicht am Jüdischen Museum aufgestellt worden sei. Er stehe politisch eher links, sei aber kein Extremist. "Ich habe es besonders genossen, dass Willy Brandt dabei zugesehen hat", fügte er mit Verweis auf Brandts Wachsfigur hinzu, der vor den Nazis ins Exil hatte fliehen müssen.

Unumstritten: Angela Merkel und der Dalai Lama, Quelle: AP

Unumstritten: Angela Merkel und der Dalai Lama in der Ausstellung

Die vom Museum sofort alarmierten Beamten nahmen den randalierenden Besucher fest. Er hat keinen Widerstand geleistet", sagte ein Polizeisprecher. Gegen den Berliner, der der Polizei wegen Kleindelikten wie Schwarzfahren bekannt sei, werde wegen Sachbeschädigung und Körperverletzung ermittelt. Am Samstagnachmittag wurde er wieder auf freien Fuß gesetzt.

"Hitlers" Zukunft unklar

Auch am Sonntag war noch unklar, ob und wann die Puppe wieder zu sehen ist. Die Sprecherin des Kabinetts war am Vormittag nicht erreichbar. Ein Mitarbeiter verwies lediglich auf eine geplante Mitteilung am Montag. Am Samstag hatte die Sprecherin betont, dass eine Rückkehr der Hitler-Figur in die Ausstellung auch "vom Ausmaß des Schadens" abhängt. Die Geschäftsführung werde mit ihren Anwälten beraten und dann darüber entscheiden, erklärte die Mitarbeiterin Natalie Ruoß. So lange das Ausmaß des Schadens nicht beziffert sei, wisse man nicht, ob die Puppe in ihren Museums-Bunker zurückkehren werde, der mit einer Militärkarte über den unaufhaltsamen Vormarsch der Roten Armee im Jahr 1944 dekoriert ist. Die Herstellung einer Wachsfigur kostet rund 200.000 Euro.

Nach dem Anschlag: Bunker ohne Führer, Quelle: AP

Nach dem Anschlag: Bunker ohne Führer

Drohungen oder anonyme Anrufe vor Ausstellungsbeginn habe es nicht gegeben, sagte Ruoß. Zum Streit über die Frage, ob man man den Nazi-Führer, auf dessen Geheiß Millionen Menschen ermordet wurden, zu schlichten Unterhaltungszwecken zeigen dürfe, wies sie darauf hin, dass Madame Tussauds es sich nicht leicht gemacht habe. Vor der Zusammenstellung der Schau sei ein Marktforschungsunternehmen beauftragt worden herauszufinden, ob die Ausstellung einer Hitler-Figur erwünscht sei. Die meisten deutschen und Berliner Touristen hätten die Meinung geäußert, dass der Diktator zur deutschen Geschichte gehöre und deshalb auch gezeigt werden solle.

Besondere Regeln

Weil das Thema aber heikel bleibt, gelten für diesen Ausstellungsteil strenge Verhaltensregeln: Hitler war die einzige der 75 Wachsfiguren, die weder berührt noch fotografiert werden durfte. Auch das Posieren mit dem NSDAP-Chef wurde von der Geschäftsleitung strengstens untersagt - aus Respekt vor den Millionen Weltkriegstoten, wie eine Infotafel erläutert. Keinesfalls wollten die Betreiber riskieren, dass am Ende Neonazis als Touristen anreisen und sich mit ihrem Idol knipsen lassen. (stu)

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