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Politik

Historischer Sprengstoff im Internet

Gesicherte Daten statt Wikipedia-Niveau: Forscher erstellen die erste Online-Enzyklopädie zu Massenmorden. Das Projekt meidet den hochpolitisierten Begriff "Völkermord", um die Opfer nicht zu hierarchisieren.

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Bald auf der ganzen Welt zugänglich: Die Online-Enzyklopädie zu Massenmorden

"Ich hantiere jeden Tag mit Sprengstoff", sagt der Historiker Jacques Sémelin vom französischen Studienzentrum für Internationale Forschung ( CERI) in Paris. Er ist der Initiator des geplanten Internetportals massviolence.org, das sich das Ziel gesetzt hat, objektiv über Massenmorde zu informieren. Sémelin vermisst schon lange eine leicht zugängliche Quelle, in der Forschungsergebnisse zu diesem Thema zusammengetragen werden. Es gibt viele weiße Flecken in der Geschichtsforschung - und die soll die Enzyklopädie jetzt schließen.

Informationen über Leben und Tod

Die Texte, die im Herbst online gehen sollen, sind in englischer Sprache verfasst; für den jeweiligen Staat, in dem sich das Verbrechen ereignet hat, auch in der Landessprache. "Mein Traum ist es, dass junge Menschen auf unserer Internetseite die Vergangenheit ihres Landes entdecken, die sie gar nicht oder nur zu Teilen kennen", sagt Sémelin. Um sich nicht angreifbar zu machen, will das 40-köpfige Forscherteam die Daten rigorosen Kriterien unterstellen - und das in zurückhaltender Sprache. Das Projekt will sich von den vielen polemisierenden Informationsangeboten absetzen - und von pseudo-objektiven Internetseiten, wie Wikipedia. Die Forschungsergebnisse sollen nicht politisch instrumentalisiert werden.

Wikipedia Logo

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Trotz aller Vorsicht begibt sich das CERI, das die Datenbasis zusammen mit dem Hamburger Institut für Sozialforschung entwickelt, auf hochpolitisches Terrain. Denn die juristische Aufarbeitung vieler vergangener Verbrechen ist heute im vollen Gange. Und dabei spielen Begrifflichkeiten eine entscheidende Rolle.

Umstrittene Begrifflichkeiten

Wann bezeichnet man die massenhafte Tötung von Menschen als "Völkermord"? Die UN-Konvention von 1948 hat den Begriff klar definiert. Demnach bedeutet "Völkermord" eine "Handlung, die mit der Absicht begangen wird, eine nationale, ethnische, rassische oder religiöse Gruppe als solche" zu vernichten. UN-Mitgliedstaaten sind verpflichtet, derartige Verbrechen zu verhüten und zu bestrafen. Der Holocaust war ein Genozid. Aber der Begriff ist hoch umstritten, wie zum Beispiel der Streit zwischen der Türkei und Frankreich um die Bewertung der Tötung der Armenier während des Ersten Weltkrieges zeigt. Nicht selten wird das Wort "Völkermord" in politischen Diskussionen als Kampfbegriff verwendet - und mißbraucht.

Die Synonyme "Genozid" und "Völkermord" sollen auf der Seite der Internet-Enzyklopädie keinen Platz haben, haben die Forscher entschieden. Sie gebrauchen das Wort "Mass Violence", "Massen-Gewalt", um sich nicht in die politische und juristische Diskussion einzumischen.

Gerd Hankel vom Hamburger Institut für Sozialforschung findet, dass der Begriff "Völkermord" ohnehin zu eng gefasst wird. Der Jurist, der seit vier Jahren in Ruanda arbeitet, erinnert an die blutigen Massaker im Kongo und bemängelt, dass die UN-Untersuchungskommission 2005 den Tätern "keine genozidale Absicht" nachweisen konnte. Kein Genozid, keine Intervention, weniger Hilfszahlungen.

Flüchtlinge im Kongo

Flüchtlinge im Kongo, 23. Januar 2006

Historisch und aktuell?

Mihran Dabag vom Bochumer Institut für Diaspora- und Genozidforschung kritisiert den Willen der Projektmacher, den Begriff "Genozid" nicht verwenden zu wollen. "Wir können diese bestehenden Begriffe nicht einfach ausblenden. Wir müssen politisch handeln", sagt Dabag.

Politisch engagieren will sich Hackel auch. Im Gegensatz zu Initiator Sémelin, will Hacke auf der geplanten Plattform auch die aktuellen Geschehnisse behandeln. "Wir können uns nicht zurücklehnen, den Historiker mimen und die Aktualität außer Acht lassen. Aus den Ergebnissen müssen sich auch Handlungen ableiten, um Verbrechen vorzubeugen", so Hankel.

Die Online-Enzyklopädie will auch ein Diskussionsforum einrichten, bei dem "alle" Forschermeinungen zu Wort kommen. Ein idealistisches Projekt, das gut vorbereitet sein will. Schon jetzt gibt es unter Forschern heftige Diskussionen. Wenn es erst als Argumentationsgrundlage bei politischen Streitigkeiten herangezogen wird, werden es die Macher schwer haben, ihre Neutralität zu wahren.

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