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Sport

Historischer Kick

Das Ergebnis ist nebensächlich: Das US-Team New York Cosmos tritt in einem Freundschaftsspiel gegen die kubanische Nationalmannschaft an - und unterstützt damit die diplomatischen Beziehungen der ehemaligen Erzfeinde.

Viel war von Symbolik und Fußballdiplomatie die Rede und auch das Prädikat "historisch" tauchte im Zusammenhang mit der Fußballpartie zwischen New York Cosmos und der kubanischen Nationalelf in Havanna immer wieder auf. "In dieser neuen Ära, die unsere beiden Länder erleben, ist dieses Fußballspiel eine weitere Verbindung, die bei der angekündigten Wiederherstellung der Beziehungen helfen wird", so der Vizepräsident des kubanischen Fußballverbandes, Antonio Garcés. "Der Fußball (…) hilft zweifellos Barrieren abzubauen und Türen zu öffnen."

"Das Wichtige ist der Fußball", erklärte dagegen Cosmos-Kapitän Carlos Mendes, um angesichts der ungeduldig dreinblickenden Schar von Medienvertetern hinzuzufügen: "Und der Fußball kann Brücken bauen." Seit die Präsidenten Kubas und der USA, Raúl Castro und Barack Obama, Mitte Dezember angekündigt haben, nach mehr als 50 Jahren wieder diplomatische Beziehungen zwischen beiden Staaten aufnehmen zu wollen, geben sich US-amerikanische Politiker und Unternehmer in Havanna die Klinke in die Hand und US-Touristen besuchen in Scharen die lange Zeit "verbotene Insel".

Medialer Coup

Es gibt wieder eine direkte Telefonverbindung zwischen beiden Ländern, zahlreiche neue Linienflüge und demnächst sollen Fährverbindungen hinzukommen. Ende Mai haben die USA Kuba von der Liste Terrorismus unterstützender Staaten gestrichen, die Eröffnung von Botschaften steht bevor. Tauwetter allerorten - da will natürlich auch der US-Sport nicht hintenanstehen.

New York Cosmos, bei dem in den Siebzigern Franz Beckenbauer und Pelé gemeinsam kickten, ist mit der Partie in Havanna vor allem ein medialer Coup gelungen. Pelé ließ sich die Gelegenheit nicht entgehen und reiste in seiner Funktion als Ehrenpräsident der New Yorker mit nach Havanna. Es war der erste Besuch eines US-Profiklubs auf der Insel seit 1999 – damals traten die Baltimore Orioles gegen Kubas Baseball-Nationalteam an. Als letzter US-Fußballklubs war Chicago Sting 1978 auf Kuba gewesen.

Der Engel von Madrid

New York Cosmos spielen gegen Havanna

Auch in Kuba beliebt und bewundert: Raul (m.)

Während in den USA vor allem der historische Moment der Begegnung vor dem Hintergrund der Annäherung zwischen Kuba und den USA hervorgehoben wurde; strömten die kubanischen Zuschauer ins Stadion, um in erster Linie guten Fußball und den heute bei New York Cosmos aktiven Raúl zu sehen. Der frühere Stürmerstar von Real Madrid und Schalke 04 war bereits bei der Ankunft am Flughafen von mehreren Hundert kubanischen Anhängern mit "Raúl, Raúl, el Ángel de Madrid" (der Engel von Madrid)-Sprechchören empfangen worden.

"Es war eine große Überraschung für mich, wieviele Leute mich erkannt haben, mich angehalten haben, um Fotos mit mir zu machen", sagte der 38-Jährige danach. Auch beim Aufwärmen vor dem Spiel waren immer wieder Raúl, Raúl-Anfeuerungen zu hören. Ein Anhänger hatte auf ein Schild "Raúl, du bist der Beste! Schenk mir dein Trikot" gepinselt.

Im Ausland spielen

"Ich musste herkommen, um ihn zu sehen", erklärte Alejandro García im Trikot von Real Madrid. "Man verfolgt die ausländischen Ligen und denkt, man müsse das Land verlassen, um einmal im Leben Raúl spielen zu sehen. Wer hätte gedacht, dass er einmal hier im Pedro Marrero auflaufen würde?" Das nach einem Revolutionshelden (Pedro Marrero) benannte Nationalstadion war zwar nicht komplett gefüllt, was wohl vor allem daran lag, dass es den ganzen Tag über in Havanna geschüttet hatte. Aber immer noch rund 18.000 Zuschauer bevölkerten die 1930 errichteten Tribünen, an denen seitdem der Zahn der Zeit nagt, und sorgten für eine stimmungsvolle Kulisse. Die Cosmos-Profis ließen kurz die Muskeln spielen und schenkten bis zur Halbzeit vier Tore ein. In Durchgang zwei schalteten sie gleich mehrere Gänge zurück, so dass Kuba zumindest der vielumjubelte Ehrentreffer gelang und sich die Demütigung mit 1:4 in Grenzen hielt.

"Um international konkurrenzfähiger zu werden müssten die Spieler die Möglichkeit bekommen, im Ausland zu spielen. Aber das wird in den nächsten Jahren sicherlich kommen", sagt Yimmy Castillo, Reporter beim kubanischen Sportsender Tele Rebelde. Aber auch ohne einheimische Stars ist Fußball "bei Kubanern unter 40 Jahren mittlerweile der populärste Sport", so Castillo. Läuft man durch die Straßen von Havanna jagen an den Ecken und in den Parks, in denen vor wenigen Jahren noch ausschließlich Baseball gespielt wurde, die Kinder und Jugendlichen heute dem runden Leder hinterher.

WM-Erfolg 1938

New York Cosmos spielen gegen Havanna

Cosmos Hunter Freeman (l.) und Kubas Yeniel Marguez kämpfen um den Ball

Kuba besitzt durchaus Fußballtradition. Bei der einzigen WM-Teilnahme 1938 in Frankreich gewann man als erstes Team aus der Karibik eine WM-Partie (3:3 und 2:1 gegen Rumänien) und erreichte das Viertelfinale. Danach war aber ersteinmal einige Jahrzehnte lang Ebbe.

Die aus zehn Teams bestehende nationale Liga feierte in diesem Jahr zwar ihre immerhin 100. Ausgabe - dümpelt allerdings auf Verbandsliga-Niveau und außerhalb der öffentlichen Wahrnehmung vor in der Regel einer Handvoll Zuschauer vor sich hin. Der Verband wiedersetze sich bisher gegen günstigere Anstoßzeiten für Live-Übertragungen im Fernsehen, erzählt Castillo.

Fußball als Ausdruck sozialen Wandels

Kuba verändert sich. Die Regierung hat den An- und Verkauf von Immobilien erlaubt, zum Autoerwerb wird kein spezieller Berechtigungsschein mehr benötigt, überall schießen private Unternehmungen aus dem Boden. Damit einhergehend hat sich in den letzten zwanzig Jahren langsam aber stetig der sportliche Gustus der Kubaner gewandelt. Während die besten Baseballspieler das Land verlassen haben und in der US-Profiliga Millionengehälter verdienen, hat die einheimische Serie Nacional einen nicht zu übersehenden Qualitätsverlust hinnehmen müssen. Und auch Kubas Baseball-Nationalteam, das bei Olympia und Weltmeisterschaften früher Siegespokale in Serie einsammelte, hat seit Jahren kein großes Turnier mehr gewonnen. Gleichzeitig haben seit den Neunzigern der Boom der englischen Premier League, die "Galaktischen" von Real Madrid und später Lionel Messi beim FC Barcelona Fußball zu einem globalen Sport gemacht.

Die erste in Kuba komplett übertragene Fußball-WM war die 1994 in den USA. Das wöchentliche Fußball-Programm Gol ging vier Jahre später auf Sendung. Gezeigt werden Partien der englischen, spanischen, italienischen und zunehmend auch der Bundesliga. Während die spanische Liga als "beste der Welt" tituliert wird, firmiert die deutsche Eliteliga im kubanischen Fernsehen als "bestorganisierte der Welt". Deutsch und Ordnung wird eben auch in hiesigen Breitengraden zusammengedacht.

Kubas Nationalsport: Internationaler Fußball

Seit mehr als fünfzehn Jahren haben die Kubaner also die Chance, den besten Fußballern der Welt bei der Arbeit zuzuschauen; während ihnen dies im Fall von Baseball oder Basketball lange vorenthalten wurde. Spiele der US-amerikanischen Profiligen MLB oder NBA werden erst seit kurzem auch im kubanischen Fernsehen ausgestrahlt. Ein symbolisch nicht zu unterschätzender Umstand - immerhin handelt es sich um die Profiligen des Erzrivalen USA.

Auf den Straßen Kubas laufen einem heute viele Menschen in Fußballtrikots europäischer Vereine über den Weg. Bei Fußball-Großereignissen oder Partien der spanischen Liga oder der Champions League sind die wenigen Bars, die über einen Satellitenanschluss verfügen, meist restlos gefüllt. Der Nationalsport auf Kuba ist internationaler Fußball, heißt ein Sprichwort.

Übertraung auf Kinoleinwänden

Während der letzten Welt- und auch Europameisterschaften wurden die Spiele in zahlreichen Kinos des Landes live übertragen, was in der Regel zu langen Warteschlangen und überfüllten Säalen führte.

Vor der Übertragung des spanischen "Clásico" zwischen FC Barcelona und Real Madrid vor einigen Jahren hatte ein findiger Unternehmer aus Santa Clara im Vorfeld der Begegnung 1.500 Eintrittskarten für knapp drei Dollar das Stück abgesetzt, musste dann aber erfahren, dass es keine Live-Übertragung im nationalen Fernsehen gab. Damit fiel natürlich auch die Übertragung in dem Kino aus. Als die Zuschauer davon Wind bekamen, versetzte sie das derart in Rage, dass sie kurzerhand das Kino zerlegten. Sage noch einer, Fußball in Kuba sei vor allem symbolisch…