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Kultur

"Historische Kraft des Fußballs wird überschätzt"

Der Gaucho-Tanz der deutschen Nationalelf: Hat das Team damit sein Fair-Play-Image in der Welt verspielt? Verändert der Weltmeistertitel Deutschlands Ruf im Ausland? Soziologe Jochen Roose meint: halblang machen.

Weltmeister Feier Berlin 15.07.2014

"So geh'n die Gauchos": Die kontroverse Darbietung der deutschen Mannschaft bei der Weltmeister-Feier in Berlin

DW: Herr Roose, bei der Weltmeisterschaft 2006 in Deutschland sprach man vom "Sommermärchen". Das Land verwandelte sich in ein Fahnenmeer aus Schwarz-Rot-Gold. Viele sahen darin ein verändertes Verhältnis der Deutschen zu ihrem Nationalgefühl. Wie haben Sie den Umgang damit bei dieser Weltmeisterschaft wahrgenommen?

Jochen Roose: Mein Eindruck ist, dass dieser Trend sich nach 2006 normalisiert hat. Normalisiert in dem Sinne, dass die Farben Schwarz, Rot, Gold im Kontext von Fußball und den großen europäischen oder globalen Turnieren massenhaft benutzt werden. Danach verschwinden sie aber auch wieder. Denn nach wie vor wird in Deutschland relativ vorsichtig mit diesen Symbolen umgegangen. Beim Fußball werden sie benutzt, um Sympathie für die Nationalmannschaft zu zeigen.

Ist die Zeit eines Turniers also eine Ausnahme, weil die Deutschen hier ihren Nationalstolz, den sie sonst verstecken, auch endlich einmal nach außen zeigen…

Nein, aus meiner Sicht ist es wirklich nur die Sympathiebekundung für die Mannschaft. Diese Sympathie wird ausgedrückt durch die Fahnen, wie das Fans von anderen Nationalmannschaften eben auch tun. Es ist Fußballbegeisterung und kein Nationalismus.

Nicht nur im Inland scheinen sich die Einstellungen zu ändern, auch im Ausland werden die Deutschen anders wahrgenommen. Die französische Tageszeitung 'Libération' titelte nach dem WM-Finale in einem

Essay "Mein liebes Deutschland, ich bin neidisch ..."

und stimmte eine Lobeshymne auf den Nachbarn an, über die fußballerische Leistung hinaus. Das Empire State Building in New York erstrahlte in den deutschen Nationalfarben. Wie erklären Sie sich diese Sympathien?

Ich bin sehr skeptisch, dass diese Bekundungen über den Fußball hinausgehen und dass sich bei der Wahrnehmung Deutschlands im Ausland durch den WM-Sieg grundsätzlich etwas ändert. Ich glaube die Franzosen wären gerne auch Weltmeister geworden und sind deshalb ein wenig neidisch (lacht).

Das wäre andersherum sicher ähnlich gewesen. Mein genereller Eindruck ist, dass insbesondere bei großen Ländern die Perspektive auf das Land sich nicht wesentlich verändert. Das ist bei kleinen Ländern, über die man vorher wenig wusste, anders. Wenn beispielsweise Costa Rica bei der WM attraktiven und erfolgreichen Fußball spielt, dann sehen die Deutschen das Land mit anderen Augen. Aber unser Bild von den USA oder von Russland wird nicht wesentlich davon geprägt, wie ihre Nationalmannschaft spielt. Über diese Länder wissen wir viel. Unsere Einschätzung bezieht sich daher eher auf Kultur, Politik und Mentalität.

Die deutsche Mannschaft wurde dafür gelobt, dass sie diesen Sieg mit Respekt vor ihren Gegnern gefeiert hat und keine protzigen Gesten der Überlegenheit zeigte. Nun hat dieses Image aus Sicht einiger Kommentatoren gestern durch den Empfang der Mannschaft in Berlin einen Riss bekommen. Der

"Gaucho-Dance"

, wie er jetzt genannt wird, habe die Argentinier herabgewürdigt. Können Sie diese Kritik nachvollziehen?

Ein Sieger tritt sympathischer auf, wenn er Respekt vor dem unterlegenen Gegner zeigt. Und das hat die deutsche Nationalmannschaft ja auch vielfach getan. Das zog sich durch das ganze Turnier. Dieses Image bekommt in meinen Augen jetzt schon einen Kratzer. Die ungeschriebenen Regeln für Fans und Spieler sind extrem unterschiedlich. Animositäten, die zwischen Fan-Kurven akzeptiert werden, sind für Spieler größtenteils tabu. Fans können sich so einen Tanz herausnehmen, Spieler nicht.

Der Nationaltürhüter Manuel Neuer sagte nach dem Final-Sieg, ganz Deutschland sei Weltmeister. Ist diese Aussage gerechtfertigt?

Ja, das würde ich aus einer sozialwissenschaftlichen Perspektive durchaus bejahen. Ein Fan zu sein bedeutet, sich mit einer Mannschaft zu identifizieren und mitzufiebern. Natürlich wird man dann Teil des Erfolges, oder eben auch Teil der Niederlage. Auf diese Weise sind dann wirklich alle Deutschland-Fans auch ein Stück weit Weltmeister geworden.

Das deutsche WM-Team hat durch Spieler wie Jérome Boateng, Sami Khedira oder Mesut Özil ein multikulturelles Image. Kann es Vorbildfunktion für ein besseres Miteinander in Deutschland haben?

Jochen Roose

Soziologe Jochen Roose

Es ist ein kleiner Baustein auf dem Weg zu mehr Selbstverständlichkeit, was die Multikulturalität der deutschen Bevölkerung angeht. Man darf das aber nicht überbewerten. Eine Fußballnationalmannschaft allein richtet wenig aus außerhalb vom Fußballfeld. Aber die Zusammensetzung des Teams ist natürlich auch ein Ergebnis der Entwicklung unserer Gesellschaft und hilft dabei, diese Entwicklung auch wahrzunehmen und als normal zu sehen.

WM-Siege werden gerne mit historischen Wendepunkten in Verbindung gebracht. 1954 der Erfolg einer noch jungen und durch die Nachkriegszeit geprägten Bundesrepublik, 1990 der WM-Titel nur wenige Monate vor der Wiedervereinigung. Könnte dieser Titel 2014 eine ähnliche historische Bedeutung erlangen?

Ich denke, dass diese Sichtweise die Bedeutung eines WM-Titels tendenziell überschätzt. Er ist ein Einzelereignis in einem historischen Prozess, der ohnehin stattfindet. Der Titel von 1954 war nicht der alleinige Grund für die Rückkehr Deutschlands in die Staatengemeinschaft, sondern er hat diesen Prozess nur symbolisiert – das ist ein großer Unterschied. WM-Siege können im Rückblick eine große Symbolkraft entfalten. Ob das beim WM-Titel 2014 auch der Fall sein wird, kann nur die Zeit zeigen.

Jochen Roose ist Professor der Sozialwissenschaften am Willy-Brandt-Zentrum der Universität Wrocław (Breslau) in Polen. Er forscht zu verschiedenen Formen der Fan-Kultur. Er selbst ist Fan des Fußball-Clubs Hertha BSC Berlin.

Das Gespräch führte Jan Bruck.

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