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Europa

Historische Geste der Versöhnung

Der Besuch des Patriarchen Kirill I. in Polen hat beide Länder einander wieder nähergebracht. In einer gemeinsamen Erklärung forderten die russisch-orthodoxe und die katholische Kirche in Polen zur Versöhnung auf.

Die "Gemeinsame Botschaft an die Völker Russlands und Polens" heißt das Dokument, das der Moskauer Patriarch Kirill I. in Warschau mit dem Erzbischof Józef Michalik unterzeichnete. Sowohl der Besuch selbst als auch die gemeinsame Erklärung haben historische Dimension für die bilateralen Beziehungen beider Länder. Noch nie seit der Christianisierung Polens vor über eintausend Jahren besuchte ein russisch-orthodoxer Patriarch das Land. Und auch Kirill I. war als Patriarch noch nie in einem katholischen Land unterwegs.

In der Erklärung rufen beide Kirchenführer ihre Gläubigen auf, "um die Vergebung des Leids, der Ungerechtigkeiten und alles Bösen zu bitten, das einander zugefügt wurde". Russen und Polen werden darin als "Freunde und Brüder" bezeichnet und aufgefordert, "Rache und Hass zu entsagen".

Leidvolle Vergangenheit

Angesichts der dramatischen Geschichte zwischen Russland und Polen klingt der versöhnliche Ton bahnbrechend. Ein langer Schatten bedeckt nämlich seit Jahrhunderten die polnisch-russischen Beziehungen - ähnlich wie bis vor einigen Jahren noch die deutsch-polnischen. Das dunkle Kapitel reicht bis ins Ende des 18. Jahrhunderts, doch das schlimmste Leid kam mit dem Zweiten Weltkrieg - als Polen überfallen wurde und Tausende Offiziere sowie Intellektuelle von den Sowjets ermordet wurden.

Nach dem Krieg verlor Polen seine Ostgebiete an die Sowjetunion und litt bis 1989 unter dem Kommunismus. Als vor ein paar Jahren ein vorsichtiger politischer Dialog begann, kam es zur Flugzeugkatastrophe in Smolensk. 96 polnische Elitevertreter kamen dabei ums Leben, darunter auch der damalige Präsident Lech Kaczyński. Seither steht es wieder schwieriger um das bilaterale Verhältnis. Die polnische katholische Kirche widersprach kurz vor dem Besuch Kirills diversen Verschwörungstheorien zum Flugzeugabsturz, was als wichtiges Versöhnungssignal bewertet wurde.

Patriarch Kirill (l.) und Erzbischof Józef Michalik (r.) am 17. August 2012 unterzeichnen in Warschau eine gemeinsame Erklärung (Foto: AP/dapd)

Vergebung nach Jahrhunderten: Orthodoxe und Katholiken für Versöhnung

Erklärung als Anstoß

Die nun unterzeichnete gemeinsame Erklärung klammert allerdings schwierige Themen aus oder nennt sie zumindest nicht konkret. Nach Einschätzung des Bamberger Erzbischofs Ludwig Schick ist dies "normal" und "verständlich". Viel wichtiger sei es, zu Beginn eines Versöhnungsprozesses Gemeinsamkeiten zu betonen, damit ein Dialog möglich werde. Für den Vorsitzenden der Kommission Weltkirche der Deutschen Bischofskonferenz ist die unterzeichnete Erklärung ein "Meilenstein der Versöhnung".

Der Bamberger Erzbischof Ludwig Schick (Foto: dpa)

Erzbischof Ludwig Schick sieht Parallelen zur deutsch-polnischen Aussöhnung

Der Erzbischof vergleicht sie mit dem Briefwechsel der deutschen und polnischen Bischöfe von 1965. 20 Jahre nach dem Zweiten Weltkrieg, als die Gräueltaten der Nazis und die Vertreibung von Millionen Deutschen noch sehr präsent waren, schrieben polnische Geistliche an die Deutschen: "Wir vergeben und bitten um Vergebung." In dem polnisch-russischen Dokument heißt es: "Wir appellieren an unsere Gläubigen, dass sie um Vergebung für das Leid, für die Ungerechtigkeiten und für alles gegenseitig angetane Unrecht bitten."

Der russische Patriarch und der polnische Erzbischof betonten, dass ihre Erklärung einen rein kirchlichen Charakter hat, doch man hofft überall, dass dies mit der Zeit auch die Gesellschaft und die Politik erreicht. Ludwig Schick erinnert, dass auch die Entwicklung zwischen Deutschland und Polen ähnlich verlief. "Es begann in der Kirche, ging dann über Vereine und Partnerschaften in die Zivilgesellschaft und erreichte die Politik", erinnert er.

Besuch mit Symbolen und Zwischentönen

Auch jenseits der Erklärung vom Freitag (17.08.2012) war der Besuch von Kirill I. in Polen voller Symbolik, ebenso jenseits der Kirche. Der Patriarch traf nicht nur die polnischen Geistlichen, sondern auch den Präsidenten Bronisław Komorowski und zahlreiche Vertreter der Elite des Landes. Er legte zudem Kränze nieder am Denkmal des Unbekannten Soldaten und des ehemaligen Oppositionellen Priester Jerzy Popiełuszko, der 1984 von Kommunisten ermordet wurde.

Außer für die Versöhnung zu werben, nutzten Vertreter beider Kirchen das Treffen für die Betonung gemeinsamer konservativen Werte. Man sei gegen Sterbehilfe, Abtreibung, homosexuelle Ehen und die Verbannung kirchlicher Symbole aus der Öffentlichkeit, heißt es in der Erklärung.

Einen Schatten über den Besuch warf das Urteil gegen Pussy Riot. Der Richterspruch in Moskau kam fast zeitgleich mit der Unterzeichnung des Dokuments in der polnischen Hauptstadt. Und so kam es auf dem Warschauer Schlossplatz zu mehreren Demonstrationen. Während die einen Kirill begrüßten, protestierten andere gegen den kremltreuen Kurs des Patriarchen und seine Forderung nach möglichst harten Strafen für die Frauen von Pussy Riot.

Das Urteil wurde in Warschau nicht kommentiert, wogegen ebenfalls demonstriert wurde. So viel Selbstbeherrschung bei der Elite zeigt noch deutlicher, wie wichtig die Annäherung mit Russland für Polen ist.