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Asien

Hippler: "Pakistan kein gescheiterter Staat"

Im südwestpakistanischen Belutschistan gibt es eine ganze Reihe von unterschiedlichen Konfliktherden. Deshalb kommt es in der Unruheprovinz auch immer wieder zu Anschlägen, erklärt Friedensforscher Jochen Hippler.

Der Friedensforscher Jochen Hippler vom Institut für Entwicklung und Frieden der Universität Duisburg stellt am Dienstag (26.05.2009) in der Bundespressekonferenz in Berlin das Friedensgutachten 2009 vor. Die Forscher der fünf Institute für Frieden- und Konfliktforschung kritisieren die Einsätze der internationalen Gemeinschaft in Afghanistan und Pakistan als «politische Flickschusterei». Foto: Alina Novopashina dpa/lbn +++(c) dpa - Bildfunk+++

Jochen Hippler BESSERER AUSSCHNITT

Deutsche Welle: Bei den zwei verheerenden Anschlägen in Quetta wurden Dutzende Menschen getötet – die Hintergründe der zwei Attentate scheinen sich aber zu unterscheiden. Wie ist Ihr Kenntnisstand?

Jochen Hippler: Also wir müssen immer ein bisschen vorsichtig sein, so etwas zu einem frühen Zeitpunkt endgültig zu beantworten. Aber einiges spricht dafür, dass zumindest einer der beiden Anschläge von einer berüchtigten sunnitischen Extremisten-Gruppe, die auch in Kontakt mit Al Kaida steht, verübt wurde, um die schiitische Minderheit zu treffen. Lashkar-e-Jhangvi hat offenbar ein Selbstmordattentat mit zwei Tätern verübt.

Wie sieht es mit dem anderen Attentat aus? Nach den Agenturen heißt es, dass es sich bei den Tätern um Mitglieder der Separatistengruppe "Vereinte Armee von Belutschistan“ gehandelt haben soll.

Das habe ich auch gehört, aber das wäre sehr ungewöhnlich und würde nicht zu deren bisherigen Verhaltensweisen passen. Die Meldung könnte stimmen oder auch nicht. Ich bin etwas skeptisch, ob das tatsächlich so ist, weil das ein deutlicher Bruch mit der sonstigen Praxis dieser Gruppe sein würde.

Warum kommt es in der Provinz Belutschistan immer wieder zu Unruhen und Anschlägen? Sind die Hintergründe eher religiös oder handelt es sich meist um politisch motivierte Taten?

Wir haben in Belutschistan mehrere Dimensionen, die sich berühren, aber sehr unterschiedlich sind. Einerseits haben wir tatsächlich einen nationalen Aufstand, bei dem es um nationale Selbstbestimmung geht. Die belutschische Bevölkerung, die die Mehrheit in der Provinz stellt, fühlt sich unterdrückt von der Zentralregierung, in eine koloniale Abhängigkeit gebracht und ausgebeutet. Und da gibt es Widerstand – auch bewaffneten Widerstand – vor allem gegen das Militär. Ziel ist eine Autonomie oder die Unabhängigkeit, um zumindest innerhalb Pakistans eine bessere Position zu erreichen. Das hat nichts mit Religion zu tun, sondern ist vielmehr das, was man früher nationale Unabhängigkeits- oder nationale Befreiungsbewegung nannte.

Dann gibt es in ganz Pakistan – auch im südwestlichen Belutschistan – häufig Anschläge zwischen sunnitischen und schiitischen Extremistengruppen, meistens Anschläge von sunnitischen Extremisten gegen die schiitische Minderheit. So etwas gibt es im ganzen Land, mal in Belutschistan, mal in Karachi, mal im Punjab oder in der Nordwest-Provinz. Und dann gibt es noch in geringerem Maße in der Provinz Belutschistan Konflikte, die auch mit dem Afghanistan-Konflikt zu tun haben. Da vielleicht 40 oder 45 Prozent der Bevölkerung Belutschistans einen paschtunischen Hintergrund haben, kann immer wieder etwas an Konflikten aus dem Nordwesten Pakistans oder aus Afghanistan herüberschwappen.

Insgesamt also eine sehr komplexe Gemengelage. Kann man aus den jüngsten Anschlägen Rückschlüsse auf den Gesamtzustand des Staates Pakistan ziehen oder führt das zu weit?

Ich denke, dass das zu weit führt, weil wir im vergangenen Jahr einen dramatischen Rückgang des Gewaltniveaus hatten. Es gab vor wenigen Jahren eine Situation, wo einzelne Friedensforschungsinstitute in der Region und in Pakistan selbst von bis zu 10.000 Toten pro Jahr gesprochen haben. Das war damals das Doppelte und Dreifache der Opferzahlen in Afghanistan. Diese Zahlen sind dramatisch nach unten gegangen. Und jetzt gab es eine Serie von Anschlägen – vor ein paar Tagen ja schon einmal – und da muss man abwarten, ob das ein neuer Trend ist und die Gewalt wieder steigt oder ob es sich dabei um Ausreißer handelt und sich die Situation wieder beruhigen wird.

Was entgegnen Sie Pessimisten, die sagen: Pakistan ist kein regierbarer Staat mehr und befindet sich vielleicht sogar schon auf dem Weg in Richtung "failed state"?

Denen entgegne ich, dass es dafür viele gute Argumente gibt, aber dass wir diese Argumente schon seit Ende der 1980er Jahre hören, und dass ich selbst damals in einem Aufsatz geschrieben habe, dass Pakistan jetzt noch EINE Chance hat – mit einem Regierungswechsel, den es damals gab – um diesen Weg zu vermeiden. Bis jetzt hat sich Pakistan als ziemlich unfähig erwiesen, seine Probleme zu lösen, aber es hat auch eine extrem hohe Fähigkeit bewiesen, sich einfach durchzumogeln. Dieses Praxis des Durchlavierens, ohne die Probleme zu lösen, ist in Pakistan extrem hoch entwickelt, und deshalb würde ich mit solchen Zusammenbruchs- oder Auflösungs-Prognosen sehr vorsichtig sein.

Dr. Jochen Hippler ist Politikwissenschaftler und Friedensforscher am Institut für Entwicklung und Frieden (INEF) der Universität Duisburg-Essen.

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