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Kunst

Hinterm Vorhang: Gerhard Richters Anfänge

Er ist einer der bestbezahltesten Künstler der Welt. Das Bonner Kunstmuseum stellt nun seine frühen Werke aus - Neuland für DW-Reporter Nils Wanderer.

Ich betrete die Ausstellungsräume und finde mich zwischen grauen Rechtecken, großen Vorhängen und verschwommenen Stühlen wieder. Als Kunstneuling bin ich visuell ziemlich gefordert. Mir fehlt die illusionistische Tiefe, nahezu jedes Bild ist in Grautönen gehalten und wer bilderstürmische Vielfalt, handwerklichen Leistungssport oder malerische Virtuosität sucht, ist hier scheinbar falsch.

Der Kurator der Ausstellung, Dr. Christoph Schreier, öffnet mir als Kunstlaien die Augen. Er erklärt, dass Richter in diesen Bildern immer wieder die Realität der Kunst hinterfragt. Er will eben kein ungebrochenes Bild der Wirklichkeit stiften. Malerei ist für ihn ein Spiel mit der Scheinhaftigkeit von Kunst, die die Realität "hinter" einem Bild maximal erahnen lässt und mir als Betrachter keine Illusion eines tiefen Raumes bietet. So malt er zum Beispiel eine geöffnete Tür, wie Sie gegenständlicher nicht sein könnte. Dahinter befindet sich allerdings ein begrenzter Raum, welchem jegliche Bildtiefe fehlt. Ich beginne es spannend zu finden, wie Richter mit der Realität spielt. Die Farbe Grau sei laut Kurator Schreier das Werkzeug des Künstlers, um die Gestaltlosigkeit und Indifferenz der Kunst darzustellen.

Richter ist ein sehr skeptischer, kritischer Künstler, der sich definitiv nicht festlegen will. Er passt für mich weder in die Kategorie der abstrakten Maler, die sich im Sinne der modernen Kunst mit dem selbstgenügsamen Spiel von Farben und Formen begnügen, noch will er ein Abbild der Wirklichkeit schaffen und sich dadurch der gegenständlichen Malerei zuordnen.

4 Scheiben - Installation von Gerhard Richter (Foto: DW/Max Hunger)

Nüchternes Statement: Installation "4 Glasscheiben"

Es geht bei ihm nicht nur um die oberflächliche Schönheit oder Ästhetik seiner Bilder. Ich erkenne, dass sie vielmehr Botschaft, Gedanke und Kritik an der Trennung der abstrakten von der gegenständlichen Kunst sind. Diese anhaltende Debatte unter Künstlern lässt Richter hinter sich - er vereint beide Stile in seinen Werken. Sich von festgelegten Konventionen zu befreien um etwas Neues zu kreieren, hat für mich mehr gesellschaftliche und politische Relevanz denn je und birgt auch ein wenig Hoffnung in sich. "What you see is not what you get" (Was du siehst ist nicht das, was du bekommst) trifft definitiv auf ihn als Künstler und Kritiker zu, dessen Karriere sich mittlerweile auf nahezu sechs Jahrzehnte beläuft.

Hinter Vorhänge blicken

Die Ausstellung im Kunstmuseum "Über Malen - Frühe Bilder" wird bis zum 1. Oktober in Bonn zu sehen sein und bietet den Besuchern ein enges und klares Motivspektrum von ungefähr 25 Werken der 1960er bis 1970er Jahre. Im Zentrum der Ausstellung stehen Richters Tür-, Vorhang- und Fensterbilder.

Mein Tipp: Sich vorher mit Gerhard Richter als Mensch und Künstler auseinandersetzen. So werden viele Fragen über ihn beantwortet, und es lässt sich anders, vielleicht sogar besser, Bezug auf seine Bildern nehmen. Bei einer Ausstellung, deren Realisierung nahezu 100 Millionen Euro kostete, wäre es schade, wenn man nur Türen, Fenster und Vorhänge sehen würde.

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