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Nahost

Hinrichtungsvideo führt zu neuer Gewalt

Über das Internet verbreitet sich ein Film, auf dem der irakische Ex-Diktator Saddam Hussein beschimpft wird. Die Sunniten reagieren mit Gewalt. Die irakische Regierung leitet eine Untersuchung ein.

Protestierende in Tikrit

Proteste in Tikrit

Nach der Veröffentlichung inoffizieller Video-Aufnahmen von der Hinrichtung Saddam Husseins hat die irakische Regierung am Dienstag (2.1.) eine Untersuchung eingeleitet. Die Untersuchung soll nach Angaben von Regierungsberater Sami al-Askari klären, wer den Film in der Hinrichtungskammer aufgenommen und an die Medien geschickt hat.

Die Aufnahmen unterscheiden sich in einem wesentlichen Punkt von den Film, der von der Regierung veröffentlicht wurde: Auf dem 2 Minuten und 38 Sekunden langen Video ist zu sehen und zu hören, wie der ehemalige Diktator bis zum letzten Moment von seinen Wächtern beschimpft und verhöhnt wird. Die Männer skandieren den Namen von Moktada al-Sadr, eines der radikalsten Milizanführers unter den Schiiten, und rufen Saddam zu: "Fahr zur Hölle!" Als er am Galgen hängt, bricht Jubel unter den Anwesenden aus.

Staatsanwalt wollte Hinrichtung stoppen

Ein Staatsanwalt hätte die Hinrichtung Saddam Husseins wegen der Beschimpfungen gegen den Todeskandidaten nach eigenen Worten beinahe abgebrochen. "Ich habe damit gedroht, zu gehen", sagte Munkith al-Farun. Die Verantwortlichen für die Schmähungen am Galgen hätten gewusst, dass "wenn ich gehe, die Hinrichtung nicht fortgesetzt werden konnte". Laut Gesetz muss bei der Exekution ein Vertreter der Anklage anwesen sein. Das inoffizielle Video hätten zwei hochrangige Behördenmitarbeiter aufgenommen. "Zwei Amtsträger hielten Mobilfunktelefon-Kameras", erklärte Farun. "Einen von ihnen kenne ich. Er ist ein ranghoher Regierungsmitarbeiter."

Am Sonntag (31.12.), einen Tag nach Saddams Hinrichtung, waren die Bilder ins Internet gelangt. Seitdem verbreiten Angehörige der schiitischen Mehrheit im Irak den Film-Tod ihres Erzfeindes als digitale Trophäe weiter.

Gegengewalt durch Sunniten

Männer, Frauen jubeln, recken Waffen in die Luft

Viele irakische Schiiten freuen sich über den Tyrannentod

Augenzeugen zufolge brach in einem Gefängnis nahe der nordirakischen Stadt Mossul ein Aufstand aus, als Besucher von den Beschimpfungen Saddams während der Hinrichtung berichteten. Die Insassen des Gefängnisses gehören mehrheitlich der sunnitischen Minderheit im Irak an, wie auch der gehängte Ex-Diktator. Angaben der Provinzregierung zufolge wurden bei dem Aufstand sieben Wächter und drei Gefangene verletzt. Ein Besucher berichtete, es sei geschossen worden und ein Insasse sei getötet worden.

Unter Sunniten im ganzen Land löste die Vollstreckung des Todesurteils Wut und Rachegefühle aus. Stunden nach der Hinrichtung wurde eine Serie von Autobombenanschlägen verübt, bei der in schiitischen Städten und Vierteln 70 Menschen getötet wurden. Im sunnitischen Samarra trugen Demonstranten eine Sarg-Attrappe mit einem Foto des gestürzten Expräsidenten durch die Ruinen der schiitischen Askarija-Moschee, die bei einem Bombenanschlag der Sunniten im vergangenen Februar schwer beschädigt worden war. Auch im Norden von Bagdad gingen hunderte Menschen auf die Straße und protestierten gegen die Hinrichtung ihres früheren Präsidenten.

Blutiger denn je

Eine irakische Flagge bedeckt Saddams Grab, Männer knieen davor, einer küsst die Flagge

Viele Sunniten trauern am Grab des Ex-Präsidenten

Noch zwei Tage nach der Beisetzung Saddam Husseins in einem schmucklosen Grab pilgerten am Dienstag zahlreiche Menschen in die irakische Stadt Tikrit, um Saddam die letzte Ehre zu erweisen. Die Trauerbekundungen verliefen ohne Zwischenfälle. Die Anhänger Saddam Husseins waren teilweise bewaffnet; die Polizei schritt nicht ein.

Die Gewaltstatistik für den Irak hat zum Jahresende einen neuen Höchstwert erreicht. Den Auseinandersetzungen zwischen Sunniten und Schiiten fielen im Dezember offiziellen Angaben zufolge 1930 Zivilisten zum Opfer – mehr als drei Mal so viele wie noch im Januar 2006. Insgesamt sind im vergangenen Jahr mehr als 12.000 Zivilisten und fast 2000 Sicherheitskräfte ums Leben gekommen. In jüngster Zeit hat die Gewalt so überhand genommen, dass nach UN-Angaben täglich 120 Iraker umkommen.

Weltweite Kritik

Alle Zeitungen titeln mit Saddam

Saddams Tod - ein großes Thema in der europäischen Presse

Weltweit hat die Hinrichtung von Saddam Hussein Kritik ausgelöst. Die Außenministerin von Großbritannien Margaret Beckett forderte die Abschaffung der Todesstrafe, unabhängig von der Person des Verurteilten oder des begangenen Verbrechens. Der stellvertretende britische Premierminister John Prescott verurteilte die Veröffentlichung von Bildern von der Hinrichtung Saddam Husseins. Die Verbreitung sei "völlig inakzeptabel", unabhängig davon, wie man zur Todesstrafe stehe.

Auch die europäische Presse verurteilte die Exekution: Die irakische Regierung habe Saddam Hussein einen Helden- oder gar Märtyrertod gewährt (La Croix, Paris). Die Hinrichtung sei eher ein Akt niedriger Rache als der Gerechtigkeit (La Libre Belgique, Brüssel). Nicht zuletzt werde sie der Gewalt kein Ende bereiten, sondern ihr vielleicht noch weiteren Auftrieb geben (Die Presse, Wien). (ask/sams)

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