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Kultur

Himmlischer Tomatensaft

Nicht Champagner oder Bier, sondern ausgerechnet Tomatensaft ist der absolute Überflieger an der Bordbar. Warum, bleibt ein Phänomen.

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Mit Salz und Pfeffer?

Tomatensaft scheint ein wahres Wunderzeug zu sein: Ein bis zwei Gläser am Tag schützen nachweislich vor Krebs; von schwerem Durchfall Geplagten wird er als natürliches Elektrolyt anempfohlen, erfahrene Trinker schwören auf seine Kater-killenden-Kräfte. Die Vitamine A und C sind reichlich darin vorhanden und sogar der altersbedingte Faltenwurf der Haut soll durch ihn gebremst werden - und das bei nur 15 Kalorien pro 100 Millilitern. Doch bleibt der Konsum des Wundersaftes nur wahren Gesundheitsaposteln vorbehalten - zumindest am Boden.

Tomatensaft und Düsseldorf

Doch im Flugzeug findet der gesunde Saft reißenden Absatz, dort ordern anscheinend auch ausgewiesene Gesundgetränk-Muffel das ausgepresste Nachtschattengewächs. Die deutsche BA verteilte im letzten 90.000 Liter an die Dürstenden, bei der Lufthansa wurden 150.000 Liter ausgeschenkt. Den größten Absatz findet Tomatensaft auf den Flügen von und nach Düsseldorf - was immer dies für die Karnevalshochburg am Rhein bedeuten mag.

"Unerklärlich" findet das Tomatensaft-Phänomen auch Ute Korsten, Pressesprecherin von LSG Sky Chefs, im Gespräch mit DW-WORLD. Der Marktführer für "Air-Catering" versorgt fast alle Fluglinien in Deutschland mit mehr oder weniger Ess- oder Trinkbarem. 1,5 Millionen Liter Tomatensaft lieferte die Firma allein hierzulande im letzten Jahr an die Fluglinien. Von einem Trend könne man aber nicht sprechen - der Konsum bleibe auf konstant hohem Niveau. Mangels einer wissenschaftlichen Studie hat sich LSG nun auf die Erklärung geeinigt, dass Fliegen für die meisten Menschen etwas besonderes sei - und Tomatensaft eben auch.

Elektrolyte und geschwächte Geschmacksnerven

Ute Korsten selbst findet dies nicht sonderlich einleuchtend. Ebenso wie ihr die anderen kursierenden Theorien zum gesteigerten Tomatensaftkonsum über den Wolken nicht recht einleuchten wollen: Eine besagt, es habe mit der Beschaffenheit der Geschmacksnerven während des Fluges zu tun. Diese werden bei Unterdruck etwas weniger empfindlich. Mundet dadurch der auf Erden doch eher streng-schmeckende T-Saft besser?

Andere vermuten den Grund in der trockenen Flugzeugluft: Der Passagier verliert in ihr mehr Flüssigkeit und somit auch Salze. Die Anhänger dieser Theorie vermuten, dass vom Körper unbewusst ein "Führe-mir-Salze-zu-Reflex" ausgelöst wird - und schon erscheine der Elektrolyt-reiche Tomatensaft köstlich. Andere ziehen die psychologische der physiologischen Erklärung vor: Wenn ein Fluggast Tomatensaft bestelle, gebe es eben eine Kettenreaktion. Dies deckt sich mit der Beobachtung der Lufthansa, dass auf manchen Flügen die Tomatensaft-Vorräte schnell zur Neige geht, auf anderen hingegen der rote Wundersaft überhaupt keinen Absatz findet.

Nur 48 Stunden

Sicher ist jedenfalls, dass sich die Tomatensaft-Trinker bewusst oder unbewusst etwas Gutes tun. In luftiger Höhe schwirren bekanntlich vermehrt oxidative Substanzen, auch freie Radikale genannt, umher. Und gegen diese hilft, so wissenschaftliche Erkenntnisse, der in der Tomate reichlich vorhandene Pflanzenstoff Lycopin vortrefflich.

Und ebenso sicher ist, dass den Passagieren ihr Tomatensaft in den Lüften heilig ist: Die Absicht von Lufthansa, ihn von der Getränkekarte zu nehmen, sorgte im Jahr 1993 für den wohl größten Aufschrei in der Geschichte der Bordgastronomie - nach heftigen Protesten der Passagiere war der Spuk nach nur 48 Stunden wieder vorbei. Jetzt gibt es wieder Tomatensaft an Bord.

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