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Kultur

Himmelsturz an Himmelfahrt

Christi Himmelfahrt ist ein fröhliches Fest. Zur Fröhlichkeit besteht jeder Grund. Denn es erinnert daran, dass das Beste, der Himmel, immer noch vor uns liegt, meint Silvia Katharina Becker von der katholischen Kirche.

Giotto Gemälde Christi Himmelfahrt

Christi Himmelfahrt von Giotto di Bondone (1266-1337)

Das Fest Christi Himmelfahrt, das vierzig Tage nach Ostern und zehn Tage vor Pfingsten gefeiert wird, hat in Deutschland ein trauriges Schicksal erlitten. Einen Himmelsturz gewissermaßen. Seit Anfang des 20. Jahrhundert treibt es als „Vatertag“ sein Unwesen. Männer - vor allem junge Männer, die vermutlich noch gar nicht Vater sind - ziehen in Horden mit einem Bollerwagen voll Alkoholika durch die Frühlingslandschaft und benehmen sich schlecht. Wer an diesem Tag einen schönen Ausflug in die Natur machen möchte, kann nur beten, dass diese feuchtfröhlichen Männertrupps gerade woanders unterwegs sind.

Fliegendes Fleisch für den fliegenden Christus

Auch wenn es kaum zu glauben ist: Dieses bizarre Brauchtum, das sowohl die katholische wie auch die evangelische Kirche vergeblich abzuschaffen versuchte, besitzt religiöse Wurzeln. Denn der Himmelsfahrtstag war seit alters her der Tag der Flurumgänge oder Flurumritte: Der Landwirt oder Gutsherr musste an diesem Tag seine Felder und Wälder einmal umschreiten, um seinen Besitzanspruch zu erneuern.

Flash-Galerie Christi Himmelfahrt

Eine traditionelle Bittprozession

Verstärkend kam hinzu: Am Montag, Dienstag und Mittwoch vor Christi Himmelfahrt gab es in der katholischen Kirche üblicherweise Bittprozessionen: fromme Umzüge, in denen um die Fruchtbarkeit von Feld und Flur und um Schutz vor Hagel gebetet wurde. Schon im Mittelalter verloren diese Prozessionen aber teilweise ihren religiösen Sinn und entwickelten sich mehr und mehr zu pseudoreligiösen Ausflügen, bei denen das Weihwasser gerne auch mal durch Alkohol ersetzt wurde, wie der Brauchtumsexperte Manfred Becker-Huberti augenzwinkernd anmerkt. Als dann zu Beginn des 20. Jahrhunderts der Muttertag eingeführt wurde, ernannte man diese Sauftouren flugs zum Vatertag.

Natürlich ist ein freier Tag mitten im Frühling immer eine schöne Sache. Und am zumeist schönen Wetter liegt es wohl auch, dass der Himmelfahrtstag ein leichtes, fröhliches, ja, gewissermaßen ein „luftiges“ Fest ist. So luftig, dass am Himmelfahrtstag üblicherweise nur „fliegendes Fleisch“, also Geflügel, gegessen wurde. Ganz schön naiv! Aber es kommt noch schlimmer, wie der Brauchtumsexperte Manfred Becker-Huberti berichtet:

„Der mittelalterliche Mensch … verdeutlichte die Himmelfahrt realistisch: In der Kirche wurde eine Christusfigur in das Gewölbe hinaufgezogen. Sobald sie den Blicken entschwunden war, regnete es aus dem Gewölbehimmel Blumen, Heiligenbildchen und zum Teil auch brennendes Werg, das die Feuerzungen des Heiligen Geistes darstellte.“1

Damit verband sich finsterer Aberglaube. Denn:

„Wohin die Figur zuletzt schaute, von dort wurde das nächste Gewitter erwartet.“2

Wahrheit der Utopie

Es ist leicht, sich über das kindlich anmutende Brauchtum vergangener Zeiten zu amüsieren. Weitaus schwieriger ist es, den bleibenden Sinn des Festes zu entdecken. Jenseits überholter Weltbilder, nach denen der Himmel oben und die Erde unten ist, geht es bei Christi Himmelfahrt um Jesus Christus, der 40 Tage nach seiner Auferstehung zu Gott heimkehrt. Er wird – theologisch gesprochen - zu Gott erhöht. Das heißt: Er geht ein in die liebende Beziehung zu seinem himmlischen Vater, wo er seine letzte Vollendung und Beheimatung findet. Seitdem warten die Christen auf seine Wiederkehr am Ende aller Zeiten.

Ulrich Lüke, Professor für systematische Theologie an der RWTH Aachen, weist in diesem Zusammenhang auf eine wichtige sprachliche Eigenheit hin:

„Während wir im Deutschen nur ein Wort für Himmel haben, unterscheiden die Engländer zwischen ‚sky’ und ‚heaven’. ‚Sky’ ist der Ort der Flugzeuge und Raketen, ‚heaven’ ist das Geborgensein bei und in Gott.“3

„Heaven“ ist also kein Raum, sondern liebende Beziehung in Gott. Eine Beziehung, an der wir Menschen - so die christliche Hoffnung – auch einmal unmittelbar teilhaben werden.

Noch einmal Ulrich Lüke:

„Ist das nicht alles utopisch? Ja, das ist utopisch. Das Wort Utopie heißt nämlich ‚kein Ort’. Himmel ist kein Ort, den wir in Raum-Zeit-Koordinaten mit Längen- und Breitengraden verorten können. Himmel ist das Ende der Endlichkeit, ist endgültige … Beheimatung. Nicht das Verenden im Nichts, sondern das Vollenden in Gott, das ist unser Lebensziel.“4

1. Manfred Becker-Huberti: Lexikon der Bräuche und Feste, Herder-Verlag, Freiburg 2000, S. 55

2. Ebenda, S. 55

3. Ulrich Lüke: Einladung ins Christentum. Was das Kirchenjahr über den Glauben verrät, Herder-Verlag, Kösel-Verlag, München 2009, S. 94

4. Ebenda, S. 94

Silvia Becker Kirchlicher Verkündigungsbeitrag zum Fest Fronleichnam

Dr. Silvia Katharina Becker

Zur Autorin: Silvia Katharina Becker, Dr. phil., ist seit 2008 Beauftragte der Deutschen Bischofskonferenz für Deutschlandradio und Deutsche Welle. Sie studierte in Aachen Philosophie und katholische Theologie und arbeitete – nachdem sie einige Jahre in der Frauenbildung tätig war - viele Jahre als verantwortliche Redakteurin für „Die Mitarbeiterin“, eine Zeitschrift für Frauenbildung und Frauenseelsorge. Daneben ist sie auch als freie Autorin tätig.

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