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Kultur

Hilgert: "Internationale Gemeinschaft gefordert"

Bei einem Militärangriff auf den IS fürchtet der Berliner Museumsdirektor Markus Hilgert "Kollateralschäden" an den Kulturgütern der Region. Er setzt vor allem auf internationale Zusammenarbeit.

DW: Die Dschihadisten meinen es ernst: Kulturstätten wie Ninive und Nimrud, jetzt auch noch Hatra, die Hauptstadt des ehemaligen mesopotamischen Fürstentums, deren Mauern einst den Römern standhielten – für immer vernichtet. Wenn man die Bilder dieser blindwütigen Zerstörung sieht, ahnt schon der Laie, dass hier ein unvorstellbarer Schaden entsteht. Wie fühlen Sie sich als Experte?

Markus Hilgert: Das ist tatsächlich eine Situation, in der es nur ganz schwer ist, Worte zu finden, um zu beschreiben, was aus unserer Sicht dort gerade geschieht – nicht nur, weil der Gegenstand unserer Forschung, auch der Gegenstand unserer Kulturgutschutzbemühungen, zerstört oder massiv bedroht wird, sondern weil das Ganze natürlich Teil einer kulturellen und humanitären Katastrophe ist, deren Ende nicht absehbar ist.

Auf der einen Seite hört man Meldungen, dass IS-Schergen über Jahrtausende alte Kulturschätze herfallen und sie zerstören; noch häufiger hört man allerdings, wie oft dort in der Region Menschen brutal ermordet werden. Darf man angesichts dieser unzähligen Toten überhaupt noch an "Gemäuer", wenn auch immens bedeutende, denken?

Prof. Dr. Markus Hilgert

Professor Markus Hilgert will alles tun, um die Kulturgüter zu retten

Ich glaube, dass es falsch ist, das eine vom anderen zu trennen. Denn Kultur ist ja etwas, was das menschliche Leben, die menschliche Identität und auch die Identität von Staaten und Gesellschaften ganz wesentlich prägt. Die kulturellen Orte sind Erinnerungsorte und damit identitätsstiftend. Und insofern muss unsere Sorge beidem gelten: Sie muss dem Schutz der Menschen gelten, selbstverständlich; sie muss aber auch dem Schutz dessen gelten, was diesen Menschen eine Geschichte, eine Identität verleiht.

Der Irak fordert Luftangriffe, um die Stätten zu schützen – und angesichts des brutalen Vorgehens der IS kann man dieses Anliegen fast nachvollziehen.

Ich bin kein Militär und kein Stratege; ich kann tatsächlich nicht beurteilen, welche Mittel adäquat sind, um hier etwas zu verbessern. Entscheidend ist an dieser Stelle aus Sicht des Kulturgutschutzes nur, dass ja auch militärische Aktionen dazu führen können, dass Kulturgüter oder Kulturerbstätten beschädigt oder zerstört werden können. Und sollte es tatsächlich zusätzlich zu militärischen Aktionen kommen in diesen Gebieten, dann ist ganz wichtig, dass nicht nur die Zivilbevölkerung nach Möglichkeit geschützt wird, das ist das erste und das wichtigste, sondern dass man auch überlegt, wie man die kulturell bedeutenden Orte schützen kann vor sogenannten "Kollateralschäden".

Wie kann man diesen Ländern helfen, ohne militärisch einzugreifen?

Dschihadisten zerstören Stücke im Museum

Propaganda-Video der IS: Zerstörungswut im Museum

Es ist natürlich völlig klar, dass nur eine Verbesserung der Sicherheitssituation insgesamt wesentlich dazu beitragen wird, dass das Kulturgut dieser Länder besser geschützt werden kann. Und ich glaube, dass hier vor allem politische Lösungen gefragt sind. Unabhängig davon haben wir natürlich die Möglichkeit, unser Wissen über den Schutz und über die Erforschung von Kulturgütern dann auch in die entsprechenden Länder zu vermitteln.

Was kann Deutschland konkret tun, um zum Schutz der Kulturgüter beizutragen?

Wenn ich meine Kolleginnen und Kollegen in Syrien und im Irak frage, was können wir tun in dieser Situation, dann ist die erste Antwort: Tut etwas gegen den illegalen Handel mit Kulturgütern! Frau Grütters, die Kulturstaatsministerin, hat ja angekündigt, dass es eine Zertifizierungspflicht für archäologische Kulturgüter geben soll. Das heißt, nur solche archäologischen Kulturgüter dürfen dann auch gehandelt werden, die mit einer entsprechenden Ausfuhrgenehmigung des jeweiligen Herkunftsstaats versehen worden sind.

Es gibt bestimmt leider immer noch Menschen, die gegen ein illegales Stück in ihrer Sammlung nichts einzuwenden haben und es als Trophäe betrachten. Was kann man dagegen tun?

Ich glaube, dass Bewusstseinsbildung eine ganz wichtige Funktion hat. In der Tat denke ich, dass wir an einen Punkt kommen müssen, wo das Besitzen von illegalen Antiken nicht mehr als chic gilt oder als gesellschaftlich sanktioniert, sondern dass ein gewisser gesellschaftlicher Konsens darüber besteht, dass so etwas eben kein Kavaliersdelikt ist. Es muss klar werden, dass es sich hier um eine Straftat handelt, die vielfach eben auch mit Ausbeutung einhergeht.

Kann man im digitalisierten Zeitalter eventuell 3 D-Modelle erschaffen, um diese Kulturweltstätten der Menschheit zumindest virtuell zu erhalten?

Wachposten an achäologischer Stätte im Irak

Können Wachposten vor Plünderungen oder Zerstörungen schützen - oder gibt es viele Stätten demnächst nur noch virtuell im Netz zu sehen?

Es gibt schon Projekte, die versuchen, eine entsprechend digitale Dokumentation zu erstellen. Ich glaube insgesamt, dass das eine oder die wichtige Zukunftstechnologie in diesem Bereich ist. Aber was man dabei nicht vergessen darf ist, dass die Digitalsierung eben voraussetzt, dass in den Ländern selbst eine entsprechende Infrastruktur vorhanden ist. Trotzdem glaube ich, dass vermehrte Anstrengungen im Bereich der 3 D-Digitalsierung schon auch dazu führen können, dass diese Kulturgüter zumindest dokumentiert sind, auch wenn man sie physisch durch die 3 D-Digitalsierung natürlich nicht schützen kann.

Was können die Menschen in der jetzigen politischen Lage im Irak oder in Syrien tun, um ihre Kulturgüter schützen, und wie kann die Welt dabei helfen?

Wenn wir uns beispielsweise anschauen, was die syrische Generaldirektion für Altertümer und Museen, tagtäglich in der Dokumentation von Schäden leistet, auch in der Prävention von Plünderungen, dann ist das ganz enorm. Entsprechendes gilt auch für den Irak. Denken Sie dran, dass unter schwierigsten Bedingungen das irakische Nationalmuseum in Bagdad am 28. Februar wieder eröffnet worden ist.

Arabische Frauen betrachten im Museum ein Skelett

Museen im Nahen Osten versuchen, den Betrieb trotz aller Bedrohung aufrechtzuerhalten

Ganz wichtig ist aber, dass die internationale Gemeinschaft mit dem Wissen und mit den Mitteln, die ihr zur Verfügung stehen, in diesen Ländern "capacity building" betreibt; dass es Programme gibt, durch die Nachwuchswissenschaftler, aber auch Restauratoren und Museumsfachleute herangebildet werden können. Dann können sie selbst in fünf oder zehn Jahren, wenn sich die Sicherheitssituation, wie wir alle hoffen, verbessert haben wird, die Kulturgüter angemessen erforschen und erschließen. Ich glaube, es ist im Moment ganz entscheidend, dass wir vor allen Dingen Know How transferieren.

Die Dschihadisten sind nicht die ersten, die Kulturgüter zerstören. Im Krieg ist so etwas an der Tagesordnung. Denken wir nur an den II. Weltkrieg, dem nicht nur Millionen von Menschen, sondern auch bedeutende Gebäude zum Opfer fielen. Später wurde viel wieder aufgebaut. Ist das im Nahen Osten ein Thema?

Im Moment wird zwar schon überlegt, was man langfristig tun kann, aber wir dürfen auch nicht vergessen, dass es jetzt vor allen Dingen darum geht, politische Lösungen zu finden, um die humanitäre Katastrophe einzudämmen. Und da ist die internationale Gemeinschaft gefordert, Mittel und Wege zu finden, wie auch das bedeutende Kulturerbe der gesamten Region gerettet und besser geschützt werden kann. Das wird eine Aufgabe sein, die uns sicher noch einige Jahrzehnte beschäftigen wird.

Markus Hilgert ist Präsident der Deutschen Orientgesellschaft und lehrte mehrere Jahre lang als Professor für Assyriologie in Heidelberg. Mitte 2014 trat der Fachmann für die Kultur der Sumerer sein Amt als Direktor des Vorderasiatischen Museums in Berlin an.

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