1. Inhalt
  2. Navigation
  3. Weitere Inhalte
  4. Metanavigation
  5. Suche
  6. Choose from 30 Languages

Europa

Hilfspakete gegen Hunger

Der Konflikt in der Ostukraine hat viele Menschen vertrieben. Jetzt sind sie auf Unterstützung angewiesen. Hilfsorganisationen verteilen Essenspakete - auf beiden Seiten. Von Filip Warwick, Switlodarsk.

Essenspaket des WFP (Foto: DW/F. Warwick)

Buchweizen, Pasta, Kidneybohnen, Dosenfleisch, Dosenfisch, Sonnenblumenöl, Salz, Zucker, Tee: Ein 21-Kilo-Monatspaket für eine Person

Im Herzen der Pufferzone und wenige Kilometer von der Grenze der pro-russischen Separatisten entfernt liegt die ukrainische Stadt Switlodarsk. Kohleschächte und Schlackehaufen bestimmen die Landschaft - Überbleibsel, die von der einst pulsierenden Bergbauindustrie der Region zeugen. In den vergangenen 18 Monaten kämpften hier Separatisten und Regierungstruppen gegeneinander. Viele der Minen sind

zerstört

- tausende Menschen haben nun keine Arbeit mehr.

Vor dem noch aus Sowjetzeiten stammenden Palast der Kultur hat sich eine lange Schlage gebildet. Rentnerinnen in dicken Mänteln und mit Kopftüchern oder Baskenmützen auf dem Kopf warten, denn in dem Gebäude ist ein Registrierungszentrum für humanitäre Hilfe untergebracht. Auch die 50-jährige Vera Mihailova Kopeinika wartet darauf, aufgerufen zu werden. Ihr Mann und ihre Söhne sind Bergarbeiter - und jetzt arbeitslos. "Ich erhalte 37 Euro im Monat", sagt sie mit zitternder Stimme. "Wie kann meine Familie mit 37 Euro überleben? Wo können meine Söhne und mein Mann Arbeit finden, wenn alle Minen zerstört wurden? Niemand braucht uns."

Vera Mihailova Kopeinika wartet (Foto: DW/F. Warwick)

Vera Mihailova Kopeinika (rechts) kommen die Tränen, als sie von ihrer Situation berichtet

Gutscheine und Lebensmittel

Fünf Millionen Ukrainer benötigen humanitäre Hilfe, sowohl auf Regierungsseite als auch in den von Separatisten kontrollierten Regionen. Auf Nahrungsmittelpakete sind nach Angaben der Generaldirektion Humanitäre Hilfe und Katastrophenschutz der Europäischen Kommission (ECHO) rund 1,3 Millionen Menschen angewiesen. Das Welternährungsprogramm der Vereinten Nationen (WFP) und seine Partner sind in die Region gekommen, um Binnenvertriebene sowie andere Bewohner der Region zu unterstützen. In den vergangenen zwölf Monaten hat das WFP so schon 200.000 Menschen versorgt und beabsichtigt, diese Zahl auf 500.000 zu erhöhen.

"In den Regionen, die nicht von der Regierung kontrolliert werden, geben wir Nahrungsmittel in Form von Essenspaketen aus", erklärt WFP-Pressesprecherin Deborah Nguyen. "Und in den Regierungsgebieten verteilen wir Gutscheine, die in Geschäften eingelöst werden können, weil dort das Finanzsystem funktioniert."

Besonders schwierig ist die Situation im von Separatisten kontrollierten Donezbecken. Im vergangenen Winter kappte die ukrainische Regierung den Zugang zu allen nicht der Regierung unterstehenden Finanzinstitutionen. Rentner können seitdem ihre Rentenzahlungen nicht mehr von der Bank abholen. Weder in Banken noch an Automaten bekommen sie die ukrainische Währung. Der russische Rubel hat sich als neue Währung durchgesetzt. Hinzu kommt, dass die Preise zwei- bis dreimal so hoch sind wie im Rest der Ukraine.

Zerstörtes Haus (Foto: DW/F. Warwick)

Ein zerstörtes Haus in der Ostukraine

Nicht alle Pakete sind gleich

Neben dem WFP und anderen Nichtregierungsorganisationen verteilt auch der ukrainische Milliardär Rinat Achmetow Nahrungsmittel durch seine Stiftung für die Entwicklung der Ukraine. Doch die von den unterschiedlichen Organisationen verteilten Essenspakete sind nicht alle gleich.

"Wir haben unsere Pakete mit denen der Achmetow-Stiftung verglichen", sagt Larisa Kobzarenko von der Organisation ADRA Ukraine, einem lokalen WFP-Partner. "Die Nahrungsmittel der Achmetow-Stiftung kosten zusammengenommen rund fünf Euro. Sie sind sehr billig und enthalten nur Müsli. Es gibt keinen Buchweizen, keinen Reis, keine Bohnen, kein Fleisch. Unsere Pakete kosten um die 38 Euro."

Herausforderung für Hilfsorganisationen

Dennoch sind viele froh, überhaupt irgendeine Hilfe zu erhalten. Über 2,3 Millionen Menschen wurden durch den Konflikt vertrieben. Die Essenspakete und Gutscheine haben sich für viele von ihnen zum letzten Rettungsanker entwickelt.

Doch gerade denen zu helfen, die am meisten Hilfe brauchen, war eine große Herausforderung. Im Juli stoppten Separatisten Konvois humanitärer Hilfsorganisationen. Die Unterstützer wurden aus den Gebieten ausgewiesen und mussten sich um eine neue Akkreditierung bewerben, wie WFP-Sprecherin Nguyen berichtet. Ereignisse wie diese sind häufige Stolpersteine für das UN-Ernährungsprogramm.

Mitarbeiterin einer Hilfsorganisation (Foto: DW/F. Warwick)

Das WFP und seine Partnerorganisationen kontrollieren den Registrierungsprozess

Mit dem herannahenden Winter gaben die Separatisten den WFP-Partnerorganisationen People in Need, ADRA und Mercy Corps grünes Licht. Nach einem langen und mühseligen Registrierungsprozess können sie ihre Hilfspakete nun in der Region verteilen.

Familie im Kuhstall

Doch nicht jeder kann die Pakete erhalten. Anwohner, die weiterhin in ihren zerstörten Häusern wohnen bleiben, sind beispielsweise nicht berechtigt, humanitäre Hilfe zu erhalten. Die darf nach dem ukrainischen Gesetz nämlich nur Binnenvertriebene erreichen. Diejenigen, die keinen Ort haben, an den sie flüchten können und auch kein Geld für eine andere Unterkunft haben, stecken also fest - sie können weder umziehen noch humanitäre Hilfe beantragen.

Larisa Kobzarenko von der Hilfsorganisation ADRA ist im Regierungsgebiet kürzlich auf eine fünfköpfige Familie gestoßen, deren Haus zerstört worden war. Nun lebte die Familie in einem Kuhstall. "Sie waren keine Vertriebenen und hatten somit keine Unterstützung erhalten." Doch ihre Situation war verzweifelt. Kobzarenko wandte sich an das UN-Ernährungsprogramm und bat um eine Ausnahme.

Die Redaktion empfiehlt