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Kultur

Hilfreiche Wetter-Geschichten

Kennen Sie Wetternachhersager? Sie gehören zur Gruppe der Klimaforscher und stöbern in längst vergilbten Papieren. Sie wollen mehr über eine Zeit erfahren, in der das Wetter noch den Alltag dominierte.

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Die Jahresringe erzählen von Sonne und Regen in der Vergangenheit

Es ist der erste Januar 1573. Wolfgang Haller, Priester am Münster von Zürich, macht sich an seine Aufzeichnungen: "Gar grim kalt. Und am Nachmittag schneien darzuo." Kalt war es, und geschneit hat es. Ein dürrer Eintrag, doch ein Dokument unter vielen für einen katastrophalen Winter. Schon im Dezember 1572 hatte Wolfgang Haller Tote vermerkt. Menschen im Berner Oberland, die von den Schneemassen erdrückt oder unter ihnen erstickt waren. Im Januar war der Zürichsee komplett zugefroren. Zehn Tage lang muss es dafür kälter als minus 30 Grad gewesen sein. Etwa 60 Tage lang brachte der Ostwind eisige Luft aus Sibirien.

Wir sind in einem der kältesten Winter der so genannten Kleinen Eiszeit - einer Kälteperiode, die Europa in der Mitte des vergangenen Jahrtausends erfasst hat.

Ein so detailgetreues Bild dieser Zeit verdanken wir Klimatologen wie dem Berner Jürg Luterbacher, der seine Klimadaten aus einer Unmenge von Einzelaufzeichnungen in Archiven zusammenträgt. "Dazu gehören Chroniken von Ärzten, von Priestern, von Klöstern und anderen Leuten. Teilweise täglich, teilweise sogar dreimal am Tag haben sie den Wolkenzug beobachtet, die Windstärke und ihre persönlichen Gefühle zum Wetter aufgezeichnet."

Je süßer, desto wärmer

Auch aus der Landwirtschaft gibt es wichtige Daten. Weil Bauern noch ihren Zehnten an ihren Herren abgeben mussten, sind Erntemengen besonders akribisch dokumentiert worden. Aufschlussreich sind für Luterbacher auch die Aufzeichnungen über Weinmost und seine Süße: "Die Qualität und Quantität von Weinmost waren ein Indiz für die vorangegangene Witterung. Je mehr Most man geerntet hat, umso mehr kann man auch davon ausgehen, dass die klimatischen Verhältnisse sehr gut waren."

Besonders viel besonders süßer Most deutet auf einen besonders warmen Herbst hin. Diese Analyse ist eines von vielen Puzzlestückchen, aus denen sich Luterbacher ein Bild über das Wetter der historischen Vergangenheit rekonstruiert.

Wetter war überlebenswichtig

Wetternachhersage, so nennt Luterbacher konsequenterweise seinen Beruf. Und er sagt selbstbewusst, er sei mit der historischen Methode genauer als die Naturwissenschaftler: "Aus diesen Witterungstagebüchern oder anderen historischen Daten kann man auf einen Monat genau Temperatur und Niederschlag rekonstruieren. An Baumringen beispielsweise geht das nur über die Vegetationsperiode, also von April bis September."

Weder Baumringe noch Sedimente am Grund von Seen könnten das Leiden von Menschen erzählen, die unter Klimakatastrophen wie dem mörderischen Winter von 1572/73 gelitten haben, erklärt Luterbacher. Auf Gedeih und Verderb dem Wetter ausgeliefert haben sie Kälte, Dürren, Stürme und Fluten als göttliche Strafe verstanden. Entsprechend waren die Reaktionen: "Auf Bittprozessionen haben Spanier bei einer schlechten Ernte Heilige angefleht, dass sie endlich eine Änderung herbeiführen mögen. Diese Prozessionen sind bis Mitte des 19. Jahrhunderts bezeugt - nicht nur in Spanien, sondern auch in Mittelamerika."

Aus der Vergangenheit für die Zukunft lernen

Den Klimawissenschaftlern von heute kommt der Aufschwung der Naturwissenschaften im 16. Jahrhundert zugute. Interessierte Kirchenmänner wie Wolfgang Haller beobachteten den Himmel und versuchten Planetenkonstellationen mit dem Klima in Verbindung zu bringen.

Naturwissenschaftler, die mit Supercomputern Klimaszenarien für die Zukunft darstellen wollen, greifen auf die mühselige Puzzlearbeit von Geisteswissenschaftlern zurück. Dessen Wissen über das Klima in jüngerer Vergangenheit brauchen sie, um ihre Modellrechnungen zu verfeinern. Und Soziologen brauchen die Daten, um zu erfahren, wie weit Menschen in der Lage sind, sich auf extreme Klimaereignisse einzustellen.

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