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Politik & Gesellschaft

Hilfe für Schüler mit Migrationshintergrund

Kinder mit schlechten Deutschkenntnissen haben oft schulische Probleme. Wie können sie einen Abschluss erreichen? Eine Schule in Bonn hat ein Konzept entwickelt: Die "i-Klasse" macht Internationalität zum Vorteil.

13.38 Uhr, noch zwei Minuten bis zum Beginn des Nachmittagsunterrichts. Emilie schleckt Eis. Lehrer Carsten Kroppach betritt das Klassenzimmer. Er kommt viel zu früh, findet das blonde Mädchen. Um sie herum toben ein Dutzend Kinder durch den Raum der i-Klasse. "I" bedeutet integrativ und heißt, dass in dieser Klasse Schüler, die eine besondere Hilfestellung im Unterricht brauchen, gemeinsam mit sogenannten Regelschülern unterrichtet werden. Auf roten Kisten im Regal stehen Namen: Ömer, Philipp, Jasmin, Haszan, Lukas und Ahmed. Die Kinder rennen um die Tische und werfen sich einen Schlüsselbund zu. Ein Ball ist gerade nicht zu Hand.

Carsten Kroppach schlägt mit einem Holzstab zweimal an eine Klangschale auf dem Lehrerpult. Es wird merklich leiser in der Klasse. Er hebt seinen linken Arm bis auf Schulterhöhe. Die Kinder erwidern die Geste und warten, bis Emilie blitzschnell den Eisrest aufgegessen hat. Eine Pausenklingel, die Anfang und Ende der Unterrichtsstunde einläutet, gibt es nicht. Jede Unterrichtsstunde beginnt mit der ungewöhnlichen Prozedur.

Schulgelände der Bertolt-Brecht-Gesamtschule Foto: Lotta Löffler (DW)

Bertolt-Brecht-Gesamtschule

Sprachprobleme machen noch keinen Problemschüler

Ungewöhnlich ist auch das pädagogische Konzept der Bertolt-Brecht-Gesamtschule. Sie nimmt jedes Jahr etwa 170 Schüler in die fünfte Klassenstufe auf. 25 bis 30 Prozent sind Migranten, also Jungen und Mädchen, bei denen zumindest ein Elternteil nicht in Deutschland geboren wurde. Margarete Ruhnke, die stellvertretende Schulleiterin, ärgert sich über Vorurteile, dass Kinder mit Migrationshintergrund zu allererst als Problem wahrgenommen werden. Auch sei es längst nicht mehr so, dass die Kinder die Sprache nicht beherrschen.

Aber für diejenigen, die noch Probleme mit der deutschen Sprache haben, gibt es eine "Internationale Klasse", wo stufenübergreifend unterrichtet wird. Dabei steht vor allem Deutsch auf dem Stundenplan der 11- bis 16-Jährigen. Nach maximal anderthalb Jahren sind die Schüler sprachlich so fit, dass sie in eine normale Klasse ihres Jahrgangs wechseln können.

Das Lerntempo bestimmen die Schüler

14.07 Uhr, Naturwissenschaften. Auf dem Tisch steht ein Versuchsaufbau. Mit einer Kerze können die Kinder den Schattenwurf von Bauklötzen testen. Jeder Schüler erfüllt Pflichtaufgaben an Lern-Stationen zur Optik des Auges und kann Zusatzaufgaben lösen. Die Vorstellung, dass jeder zu jeder Zeit das Gleiche leisten müsse, sei völlig überholt, stellt Lehrer Carsten Kroppach fest. Stattdessen werde versucht, jeden Schüler als Individuum zu betrachten. Stark machen durch soziales Lernen für den Alltag und die Zukunft, lautet das Ziel der Gesamtschule.

Das soziale Lernen wird in einem speziellen Unterrichtsfach gefördert. Die "integrativen Klassen" werden zusätzlich von einem Sozialpädagogen unterstützt. Außerdem ist das Zusammenleben an der Schule durch eine eigene Schulverfassung geregelt, die Schüler, Lehrer und Eltern gemeinsam ausgearbeitet haben. Sitzenbleiben gibt es nicht: Wenn Kinder schlechte Noten haben, müssen Lehrer, Eltern und Kind eine gemeinsame Lösung finden, verdeutlicht Vizedirektorin Ruhnke das Prinzip.

Gesamtschule als Auffangbecken

Schüler in der Pause Foto: Lotta Löffler (DW)

Schüler in der Pause

Das erfolgreiche Konzept vom gemeinsamen Lernen der Schule hat sich bereits herumgesprochen. Pro Jahr melden sich mehr als doppelt so viele Kinder an, als tatsächlich aufgenommen werden können. Außerdem werden jede Woche Schüler von anderen Schulen vorbeigeschickt. Sie seien so etwas wie die "Reparierschule", sagt Margarete Ruhnke. Doch Kapazitäten, um Schüler aufzunehmen, sind sehr begrenzt.

Experiment Nachmittagsunterricht

14.53 Uhr, noch etwa 15 Minuten bis Schulschluss um 15.10 Uhr. Emilie spielt mit dem Modell eines Auges. Sie schiebt die Iris hinter den Augapfel, rutscht dabei unruhig auf ihrem Stuhl herum und gähnt. Auch die anderen Kinder werden gegen Ende der Doppelstunde merklich unkonzentrierter. Zwei Jungen versuchen, mit Papierkügelchen den Mülleimer zu treffen.

Anstatt mit pädagogischer Strenge lösen Carsten Kroppach und die Sozialpädagogin Birgit Müller-Althoff die Situation spielerisch. "Wir suchen jetzt Königin und König", ruft der Lehrer den Kindern zu. Plötzlich sind alle wieder hellwach. Kurzerhand wird der Klassenraum zu einer Kutsche umfunktioniert, und die Kinder können die Stunde munter beenden.

"Wir müssen uns einfach auf die Schüler einstellen und nicht nur erwarten, dass sie sich anpassen", begründet Kroppach das spielerische Ende des Schultags. Der Unterricht an der Bertolt-Brecht-Gesamtschule in Bonn hört nicht bei der Wissensvermittlung auf - sondern setzt bei den Schülern an.