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Afrika

Hilfe für Menschen mit Migrationshintergrund

Eine interkulturelle Einrichtung an der Berliner Charité hilft vor allem Menschen mit Migrationshintergrund mit psychischen Erkrankungen fertig zu werden. Denn oft sind "normale" Therapeuten der Aufgabe nicht gewachsen.

Migranten Fuerteventura(Foto:dpa)

Oft ist die Migration selbst Auslöser für psychische Erkrankungen.

In einem schmucklosen Gruppenraum der Charité sitzt Sona Sidibé kerzengerade auf ihrem Stuhl und lächelt freundlich distanziert. Erst zurückhaltend, doch dann immer aufgeregter, erzählt die 35-Jährige, was sie vor eineinhalb Jahren nach Deutschland geführt hat und warum sie im Zentrum für Interkulturelle Psychiatrie, Psychotherapie und Supervision, kurz ZIPP, eine Therapie macht. "Ich bin vor meiner Familie geflohen. Ich hatte einen Ehemann, der mich traumatisiert hat, weil er mich ständig geschlagen, misshandelt hat." Jedes Mal wenn sie geflohen sei, habe ihre Familie sie zurückgebracht. Vor lauter Stress sei sie schließlich krank geworden, habe Herzpprobleme und ständig das Gefühl zu ersticken. Die Angst sterben zu müssen sei so groß, dass sie auch im tiefsten Winter alle Fenster aufreiße, sagt die junge Frau. Sona Sidibé gehört zu den Patienten des Zipp, die unter posttraumatischen Belastungsstörungen leiden. Bei anderen Patienten sei es die Migration selbst, die zu einer psychischen Belastung werde, sagt Ernestine Wohlfart, die Leiterin des ZIPP.

Neustart in der Fremde

Senegalesische Migranten (Foto:dpa)

Die Hemmschwelle ist manchmal so groß, dass sich viele nicht behandeln lassen.

"Migration ist immer verbunden mit einem Aspekt der Progression, also man will etwas Neues erfahren, man entscheidet sich sozusagen, in einer anderen Umgebung zu leben, aber auch von Regression begleitet." Die Menschen fingen im neuen Land wieder ganz von vorne, also bei Null an, sagt Wohlfart. So wie auch Shinaz Makampe. Die 34-Jährige hat die langen Rastazöpfe zu einem dicken Zopf gebunden und lächelt herzlich. Vor drei Jahren ist sie nach Deutschland geflohen, denn in ihrer Heimat, einem Dorf in Kamerun, galt sie als verflucht und wurde von der Dorfgemeinschaft verstoßen, nachdem sie kurz vor ihrer Hochzeit eine Fehlgeburt hatte und unfruchtbar wurde.

Afrikaner in Deutschland(Foto:dpa)

In der neuen Heimat Arbeit zu finden und sich gebraucht fühlen ist wichtig für die Psyche

In Deutschland ist sie nun zwar sicher, aber dennoch fühlt sie sich auch hier ausgestoßen, denn sie ist nur geduldet und weiß nicht, wie lange sie bleiben darf. Makampe würde zwar gerne arbeiten, doch sie bekommt keine Arbeitserlaubnis und auch neue Freunde zu finden fällt ihr schwer. Shinaz Makampe wird depressiv und sucht Hilfe im ZIPP. "Ich bin über meinen Sozialarbeiter vom Aslybewerberheim hier hergekommen, weil ich einige psychische Probleme habe. Ich muss mit einem Spezialisten darüber reden, um mich in der Gesellschaft wieder normal zu fühlen, damit es mir wieder gut geht."

Der Kampf um Akzeptanz

Schild Psychatrie (Foto:dpa)

Viele Therapeuten sind überfordert, da ihnen die Kulturen der Patienten fremd sind

Sich in der Gesellschaft akzeptiert zu fühlen, darum geht es vielen Patienten des ZIPP. Oft kommen Migranten der zweiten oder dritten Einwanderergeneration zur Therapie, die vor allem mit dem Spagat zwischen den Anforderungen der deutschen Kultur und der ihrer Eltern und Großeltern zu kämpfen haben. Im ZIPP arbeitet ein Team von Psychologen, Sozialarbeitern und Ethnologen, von denen viele selbst einen Migrationshintergrund haben. So interdisziplinär und interkulturell sind Therapeuten außerhalb des ZIPP nicht aufgestellt und daher auch oft überfordert, wenn ein nicht-deutscher Patient zu ihnen kommt. "Erstmal werden die Therapeuten ein bisschen hilflos und es steckt auch eine bestimmte Spannung darin, dass professionelle Menschen hilflos werden. Zu hilflosen Helfern. Und dann neigt man natürlich zu Stereotypen", sagt Wohlfart. Sie sieht den Fehler auch in den Grundlagen der Psychiatrie, denn ihre Diagnosesysteme sind euroamerikanisch geprägt und auf andere Kulturen schlecht anwendbar. Anders als in der westlichen Welt sei zum Beispiel in vielen anderen Ländern Geister ein Teil der Kultur. Einem Menschen, der von Geistern erzähle, werde also hierzulande schnell eine Psychose attestiert. "Wenn das aber in seinem Kontext sozial kommunizierbar ist, da gilt es halt festzustellen, an welcher Stelle jemand tatsächlich die Grenzen der Realität, seiner Realität verlassen hat", sagt Wohlfart.

Das Rezept der Therapeuten im ZIPP ist es, sich die eigene kulturelle Prägung bewusst zu machen und die des Patienten verstehen zu lernen. Das funktioniert offenbar, denn seit der Gründung im Jahr 2002 hat das ZIPP über 600 Patienten aus rund 90 Herkunftsländern behandelt und das Angebot spricht sich zunehmend unter Migranten herum. Die Hemmschwelle, mit psychischen Problemen zum Arzt zu gehen, scheint beim ZIPP niedriger zu sein. Die Hoffnung, verstanden zu werden, dafür umso größer.

Autorin: Anna Corves

Redaktion: Michaela Paul