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Bücher

Hilde Domin: die Magie der Einfachheit

20 Jahre lebte die jüdische Schriftstellerin im Exil, bevor sie Mitte der 50er Jahre nach Deutschland zurückkehrte. Hier wurde sie zu einer der beliebtesten Nachkriegs-Dichterinnen. Am Montag wäre sie Hundert geworden.

Hilde Domin im Oktober 1999 (Foto: dpa)

Hilde Domin (1909-2006)

"Ich setzte den Fuß in die Luft, / und sie trug." (aus: Nur eine Rose als Stütze, 1959)

Sie war eine, die zwischen den Sprachen hin- und herwanderte. Ihre Muttersprache Deutsch aber blieb durch die Jahre des Exils hindurch ihr unverlierbares Zuhause. Die Grundlagen dazu erhielt Hilde Löwenstein in dem jüdischen Elternhaus – der Vater Jurist, die Mutter Sängerin – in Köln, wo sie mit ihrem Bruder aufwuchs.

Der Schritt nach Italien

Hilde studierte nach dem Abitur zuerst Jura, später Philosophie und politische Wissenschaften in Heidelberg, Köln und Berlin. Radbruch, Jaspers und Mannheim waren ihre Lehrer. Wegen ihrer jüdischen Herkunft und ihrem sozialistischen Engagement entschloss sich die 23-Jährige Ende 1932, Deutschland zu verlassen und ihr Studium in Italien fortzusetzen. Später erkannte sie, wie sehr dieser Schritt ihren Begriff von Freiheit geprägt hatte: "Nicht so sehr, dass ich 'in die Freiheit' ging, sondern dass ich mir die Freiheit nahm, zu gehen." 1935 wurde sie in Florenz zum Dr. rer. pol. promoviert, 1936 heiratete sie ihren Studienfreund, den Kunsthistoriker Erwin Walter Palm. Das Paar lebte "wortwörtlich von der Sprache": Dr. Hilde Palm gab Sprachunterricht und übersetzte die wissenschaftlichen Arbeiten ihres Mannes.

Exil in der Dominikanischen Republik

Ausschnitt aus Buchcover 'Die Liebe im Exil' von Hilde Domin (Foto: S. Fischer Verlag)

Im Frühjahr 1939 flohen die Palms über Paris nach Großbritannien und im Sommer 1940 nach Santo Domingo, ans "Ende der Welt". Die Dominikanische Republik, ein halbkoloniales Agrarland, beherrscht von dem Diktator Rafael Trujillo, bot eine Möglichkeit zu überleben. Hilde Palm übersetzte und gab Sprachunterricht, ihr Mann erhielt eine Professur für Kunstgeschichte und etablierte sich als Spezialist für portugiesische und spanische Kolonialkunst.

1940 starb Hilde Palms Vater im amerikanischen Exil, 1951 die Mutter. "Als ich nach dem Tod meiner Mutter [...] an eine Grenze kam, da hatte ich plötzlich die Sprache, der ich so lange gedient hatte. Ich wusste, was ein Wort ist. Ich befreite mich durch Sprache. Hätte ich mich nicht befreit, ich lebte nicht mehr. Ich schrieb Gedichte. Ich schrieb deutsch, natürlich." Das war die Rettung, und es war der Beginn der Rückkehr, die das Paar Anfang der 50er Jahre über New York nach Europa führte.

Zurück in Deutschland

Trauerfeier für die Lyrikerin Hilde Domin (Foto: dpa)

Eine Rose als Stütze: Trauerfeier für Hilde Domin

Seit 1960 lebte das Paar in Heidelberg. Nach dem Ort, an dem sie zur Dichterin wurde, nannte sich Hilde Palm fortan Hilde Domin. Wichtige Motive ihrer von der spanischen Lyrik der Moderne inspirierten Gedichte sind Natur, Liebe und Sprache. Sie veröffentlichte mehrere Gedichtbände, autobiographische Texte, einen Roman, zahlreiche Essays, arbeitete als Übersetzerin und Herausgeberin. Unter anderem gab sie einen Auswahlband mit Gedichten der im schwedischen Exil lebenden Nelly Sachs heraus, mit der sie eine "fast schwesterliche Korrespondenz" führte.

Hilde Domin verfolgte das Konzept einer politisch engagierten, einer dialogischen Dichtung, deren Magie in ihrer Einfachheit steckt. Zu ihren Eigenheiten gehörte, dass sie bei Lesungen jedes ihrer Gedichte zwei Mal vortrug. Ihre Gedichte wurden in mehr als 20 Sprachen übersetzt, sie selbst mit internationalen Preisen geehrt. Es fehlten nur drei Jahre, dann wäre ihr Jahrhundert bis an den Rand ausgelebt.

"Nur eine Rose als Stütze"

Ausschnitt aus Buchcover Nur eine Rose als Stütze' von Hilde Domin (Foto: S. Fischer Verlag)

Nur eine Rose als Stütze // Ich richte mir ein Zimmer ein in der Luft / unter den Akrobaten und Vögeln: / mein Bett auf dem Trapez des Gefühls / wie ein Nest im Wind / auf der äußersten Spitze des Zweigs. // Ich kaufe mir eine Decke aus der zartesten Wolle / der sanftgescheitelten Schafe die / im Mondlicht / wie schimmernde Wolken / über die feste Erde ziehn. // Ich schließe die Augen und hülle mich ein / in das Vlies der verläßlichen Tiere. / Ich will den Sand unter den kleinen Hufen spüren / und das Klicken des Riegels hören,/ der die Stalltür am Abend schließt. // Aber ich liege in Vogelfedern, hoch ins Leere gewiegt. / Mir schwindelt. Ich schlafe nicht ein. / Mein Hand / greift nach einem Halt und findet / nur eine Rose als Stütze.

Neue Bücher:

  • Marion Tauschwitz: Dass ich sein kann, wie ich bin. Hilde Domin - Die Biografie. Palmyra Verlag 2009; 575 S. 28 Euro
  • Hilde Domin: Die Liebe im Exil. Briefe an Erwin Walter Palm aus den Jahren 1931-1959. Hrsg. v. Jan Bürger u. Frank Druffner. S.Fischer Verl. 2009. 19,90 Euro.

    Autorin: Sonja Hilzinger

    Redaktion: Gabriela Schaaf

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