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Amerika

Hightech vom Zuckerhut

Die brasilianische Industrie ist nicht gerade für Hightech bekannt. Was wenige wissen: Ein Flugzeugbauer aus Brasilien ist der weltweit drittgrößte Produzent von Verkehrsmaschinen und gilt sogar als Technologieführer.

Für die Stadt im Süden Portugals bedeutet die Werkseröffnung des brasilianischen Flugzeugbauers Embraer voraussichtlich 600 direkte und 1200 indirekte Arbeitsplätze mehr. Die Investitionssumme der Brasilianer beläuft sich auf 177 Millionen Euro. Sie bedeutet aber auch, dass Évora ein neuer Standort für Hightech-Flugzeuge werden wird. Denn "Embraer ist absoluter Weltstandard", sagt Journalist und Luftfahrtexperte Jens Flottau.

Das kleine Verkehrsflugzeug ERJ-145 vor grünen Hügeln und blauem Meer.

Die ERJ-145 ebnete den Weg zum Erfolg

Gegründet wurde die "Empresa Brasileira de Aeronáutica" 1969 per Dekret, um eine Flugzeugindustrie in Brasilien zu etablieren. Ein Ziel, das die Regierung seit den 1940er-Jahren verfolgte. Einerseits, um einen Technologiesektor aufzubauen, andererseits, um das riesige Land besser zu vernetzen, ohne dabei auf ausländische Lieferanten angewiesen zu sein. Die erste in Serie produzierte zwölfsitzige Propellermaschine lief 1972 vom Band. Ab 1977 wurden die "Bandeirantes" auch exportiert. Später entwickelte Embraer auch Militär- und Landwirtschaftsflugzeuge, in beiden Sparten ist das Unternehmen bis heute engagiert. Ein neues militärisches Transport-Flugzeug mit der Typenbezeichnung KC-390 soll - zumindest in Teilen - in Évora entwickelt und gebaut werden.

Privatisierung und Aufstieg

In den 80er-Jahren wurden die Kurzstreckenflugzeuge von Embraer immer bekannter. 1990 geriet das staatliche Unternehmen dann jedoch in finanzielle Schieflage. Im Dezember 1994 wurde Embraer privatisiert. Zu diesem Zeitpunkt lief bereits die Entwicklung der ERJ 145, deren Jungfernflug ein halbes Jahr später stattfand. "Das war der erste große Schritt zu dem, was Embraer heute ist", sagt Luftfahrtexperte Flottau. "Zu diesem Zeitpunkt gab es keinen konkurrenzfähigen Anbieter für Maschinen dieser Größe."

Ein Lufthansa-Regionaljet in einem Hangar. (Foto: dpa/lby)

Die Lufthansa Cityline fliegt derzeit mit 38 Embraer 190 und 195 auf innereuropäischen Strecken

Die ERJ 145 bietet, je nach Anordnung der Sitze, Platz für bis zu 50 Passagiere und wird im Regionalverkehr eingesetzt. "Der große Schritt gelang dann 1999 mit dem Bau der E-Serie", so Flottau. Diese Maschinen transportieren zwischen 80 und 120 Fluggäste über Distanzen von bis zu 2400 Kilometern. Damit schließen sie die Lücke zur Boeing 737 und dem Airbus 318. Der Hamburger Luftfahrtexperte Cord Schellenberg beobachtet die Entwicklung mit großem Interesse: "Wer weiß, ob Embraer irgendwann sogar das Duopol von Airbus und Boeing aufbricht." Boeing scheint den Emporkömmling im Auge behalten zu wollen. Im April kündigten die Flugzeugbauer ein Kooperationsprojekt an.

Klare Vorteile

Porträt von Oliver Döhne, Repräsentant der Gesellschaft für Außenwirtschaft und Standortmarketing Germany Trade & Invest (GTAI) in São Paulo. (Foto: privat)

Oliver Döhne: "Embraer soll der Welt zeigen: Brasilien kann Spitzentechnologie herstellen."

Der derzeit einzige direkte Wettbewerber kommt aus Kanada. Bombardier konkurriert sogar in zwei Geschäftsfeldern mit Embraer: bei den Regional- und den Geschäftsflugzeugen. Während die Nordamerikaner in der Executive-Klasse nach Auslieferungszahlen die Nase vorn haben, liegt Embraer bei den Verkehrsflugzeugen in Front. Allerdings meint der Flugzeugexperte Flottau: "Die Embraer-Maschinen sind einfach besser: Sie bieten mehr Platz, sind wirtschaftlicher und die E 195 ist die erste Maschine dieser Größenordnung, mit der schwierige Steilanflüge wie auf den London City Airport mitten in der Stadt möglich sind", erläutert Flottau.

"Besonders im Bereich Wirtschaftlichkeit und Umwelteffizienz stechen die von uns eingesetzten Embraer-Modelle (E 190/195, d. R.) hervor", bestätigt Nico Buchholz von der Deutschen Lufthansa AG. " Bei den Kunden kommt vor allem das Mehr an Komfort besonders gut an." Zurzeit fliegen 38 Embraer im Lufthansa-Konzern. Bis Ende 2013 sollen sechs weitere dazu kommen.

Aushängeschild der IndustrieFür die brasilianische Industrie ist der Flugzeugbauer das Aushängeschild schlechthin. "Embraer soll der Welt zeigen: Brasilien kann Spitzentechnologie herstellen", sagt Oliver Döhne, Brasilien-Repräsentant der Gesellschaft für Außenwirtschaft und Standortmarketing Germany Trade and Invest (GTAI). "Deshalb wird der Konzern bei großen Investitionen auch immer wieder von der staatlichen Förderbank BNDES unterstützt."

Die Auswahl der Branche sei im Übrigen nicht beliebig gewesen, so Döhne: "Die Luftfahrt hat in Brasilien mit dem Luftfahrtpionier Alberto Santos Dumont eine über hundertjährige Tradition." Zudem habe das Land in den letzten Jahren mit steigenden Stückkosten zu kämpfen. "Da ist es klug, in Hochtechnologien zu investieren, weil da keiner so einfach in den Markt drängen kann - so macht man es in Europa seit Jahrzehnten."